Mark Stromans deutsche Brieffreundin "Ich bin ihm unheimlich dankbar"

Ein Jahr vor seiner geplanten Hinrichtung lernt Susanne Schäfer, 30, Mark Stroman kennen. Seine Briefe aus der Todeszelle helfen ihr aus einer Lebenskrise. Im Gegenzug ist sie sein Fenster zur Welt, besucht ihren "Seelenverwandten" sogar in Texas. Die Geschichte ihrer Freundschaft.

Zum Tode verurteilter Stroman: "Ich bin schuldig und es tut mir leid, was ich getan habe"
Texas Department of Criminal Justice

Zum Tode verurteilter Stroman: "Ich bin schuldig und es tut mir leid, was ich getan habe"


"Als ich Mark kennenlernte, war ich ziemlich am Tiefpunkt. Ich hatte keine Arbeit, fühlte mich nutzlos. Kurz: Ich hatte das Bedürfnis jemandem zu helfen. Schon immer habe ich mich für die Todesstrafe interessiert. Es hat mich auf die Palme gebracht, wenn ich von jemandem gehört oder gelesen habe, der hingerichtet wird. Also habe ich versucht, diesen Menschen zu helfen.

Ich habe mir den härtesten Staat - Texas - und das härteste Gefängnis - das in dem Mark sitzt - ausgesucht und mich durch die Geschichten der Häftlinge geklickt. Alle haben immer zuerst geschrieben: Ich sitze unschuldig hier. Bei Mark war das anders. Er schrieb: Ich bin schuldig und es tut mir leid, was ich getan habe. Und dann sah ich sein Foto: Ein Mann, groß, grob, abartig tätowiert. Aber er hatte dieses Lächeln. Und da dachte ich: Was habe ich zu verlieren? Ich habe es einfach versucht.

Es folgten drei lange Wochen warten. Ich habe gehofft und gebangt und dann kam sein Brief. Er schrieb, er zolle mir den größten Respekt und ich merkte, dass es etwas ganz Besonderes ist. Bis dahin wusste niemand in meinem Umfeld von dem Brief. Dann habe ich meinen Partner eingeweiht. Er sagte: Du hast schon genug eigene Probleme, jetzt ziehst du dir auch noch welche von anderen an. Er ahnte: Wenn diese Freundschaft ihr Haltbarkeitsdatum erreicht - und das war ja absehbar - dann wirft mich das aus der Bahn. Aber ich habe mich durchgesetzt. Seither kommt jeden Mittwoch Post aus Texas.

Die Briefe gaben mir Kraft. Er hat mir Mut zugesprochen. Im Laufe der Zeit ging es mir immer besser. Ich merkte, dass wir Seelenverwandte waren. Damals kam der Wunsch auf, ihn zu sehen. Er hatte gerade seinen Termin für die Hinrichtung bekommen. Ich habe drei Tage geweint. Ich wusste, ich brauche ihn und wollte noch am selben Tag nach Texas fliegen. Also habe ich mit meinem Partner gesprochen, er war inzwischen voll in die Sache involviert. Er sagte: Komm, wir machen das zu unserem Sommerurlaub.

"Ich wollte ihn mitnehmen, um zu verhindern, dass er mir weggenommen wird"

Anfang Juni sind wir nach Texas geflogen. An zwei Tagen nacheinander hatten wir jeweils sechs Stunden Zeit, ihn zu besuchen. Ich war so aufgeregt. Anderthalb Stunden haben wir auf ihn gewartet. Als er dann durch den Gang kam, habe ich gedacht: Dieses Lächeln, wie auf dem Foto! Wir haben miteinander gesprochen, ich hatte Tränen in den Augen. Es war, als würde ich einen lieben Freund wiedersehen, dabei kannte ich ihn nur aus Briefen.

Bei der Verabschiedung, hat es mich fast zusammengehauen. Es ist schon schlimm, wenn ein Freund für ein Jahr weggeht. Aber ich habe mich verabschiedet mit dem Gedanken: Es ist ein Abschied für immer. Ich wollte ihn rausschmuggeln, ihn mit nach Hause nehmen.

Ich wollte ihn mitnehmen um zu verhindern, dass er mir weggenommen wird. Dass reißt eine riesiges Loch. Mark ist ein ganz besonderer Mensch mit einem Herz so groß wie Texas. Ich will nichts verharmlosen. Es war schlimm, was er getan hat und er gehört dafür bestraft. Aber wer nimmt sich das Recht, zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht?

Ich sehe es kommen. Es ist wie die Hölle. Inzwischen sende ich ihm jeden Tag eine Nachricht. Ich habe ihm ein Buch geschickt: Die Wunder der Erde, damit er sich wegträumen kann. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn unheimlich lieb habe, dass ich ihm unheimlich dankbar bin für alles, was er für mich getan hat. Ich habe der Bundeskanzlerin geschrieben. Ich habe Amnesty International um Hilfe gebeten. Ich habe sogar an den Papst geschrieben. Ich werde wohl so jemandem nie wieder begegnen - das ist eine einmalige Geschichte."

Aufgezeichnet von Simon Andreas Book



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