Horrorbehandlungen in Marseille Zahnarzt zog 3900 Zähne – alle gesund

In Marseille steht der Zahnarzt Lionel Guedj vor Gericht, der Patienten jahrelang systematisch gesunde Zähne zog, im Schnitt elf pro Person. Er erreichte ein fünfstelliges Monatseinkommen – nun drohen ihm zehn Jahre Haft.
Angeklagter Zahnarzt Lionel Guedj im Februar 2022

Angeklagter Zahnarzt Lionel Guedj im Februar 2022

Foto: Nicolas Tucat / AFP

Im Jahr 2005 eröffnete Lionel Guedj seine Praxis im Norden von Marseille. Hier leben viele Menschen mit geringem Einkommen und nordafrikanischen Wurzeln. Guedj duzte seine Patienten, empfing bis zu 70 am Tag, viele ohne Termin. Fünf Jahre später war er mit einem Monatseinkommen von bis zu 80.000 Euro der bestbezahlte Zahnarzt Frankreichs.

Seine Methode: »Nach dem ersten Termin gab es systematisch einen Behandlungsplan, um möglichst viele Zähne abzutöten und zu überkronen«, heißt es in einem Untersuchungsbericht. Guedj hat demnach 28-mal mehr Zahnersatz abgerechnet als ein durchschnittlicher Zahnarzt. Seine Operationen führte er schnell und nachlässig aus. Viele Patientinnen und Patienten klagten anschließend über Entzündungen, Abszesse, Geschwüre, schlecht sitzenden Zahnersatz.

»Ich hatte Mundgeruch, mochte nicht mehr lächeln, ich hatte eine feuchte Aussprache und Schwierigkeiten beim Essen«, berichtet die 18-jährige Patientin Sarah in der Zeitschrift »Closer«. »Lionel Guedj hat mir geraten, mir alle Zähne zu entfernen. Er sagte, ich würde nie mehr Zahnprobleme haben«, sagt sie. Sie habe sich nach der Behandlung immer mehr zurückgezogen, weil sie sich schämte. »Mir wurde zu spät klar, dass man sich mit 18 nicht 24 Zähne ziehen lässt.«

Mehr als 300 seiner enttäuschten und wütenden Patienten zogen schließlich vor Gericht. Sein Prothesenhersteller sagte aus, dass Guedj Brücken bei ihm bestellte, ohne sie vorher anzupassen. »Er hat so viel Geld verdient, dass er sich für unangreifbar hielt«, sagte ein ehemaliger Arbeitskollege. Guedj habe gesagt, dass er sich die besten Anwälte leisten könne und nichts zu befürchten habe.

Er tötete 3900 gesunde Zähne ab

Nach Aussage seiner Sekretärin schreckte der Zahnarzt auch nicht davor zurück, Röntgenaufnahmen per Bildbearbeitungsprogramm mit ominösen weißen Flecken zu versehen. Guedj rechnete so viele Eingriffe ab, dass sein Arbeitstag bis zu 52 Stunden hätte dauern müssen. Nach Berechnungen der Anklage tötete Guedj etwa 3900 gesunde Zähne ab, im Schnitt elf pro Patient.

»Ich hatte einen Termin, weil mir ein einziger Zahn weh tat«, erzählt die 60-jährige Yamina Abdesselem der Nachrichtenagentur AFP. »Er hat mir gesagt, er müsse alle Zähne abtöten. Ich habe ihm vertraut. Er hatte eine schöne Praxis, er war so freundlich«, erinnert sie sich. Heute lebt sie mit einem schlecht angepassten Gebiss, das nur mit viel Kleber hält. »Warum hat er das bloß getan?«, fragt sie.

Vor Gericht bat Guedj seine Patienten zwar um Entschuldigung, bemühte sich aber, den Eindruck zu erwecken, er habe zu ihrem Wohl handeln wollen. »Meine Patienten waren wie eine zweite Familie für mich«, behauptete er. »Ich wollte niemanden verletzen«, fügte er hinzu.

Vergeblich versuchte der ehemalige Zahnarzt, seine Handlungen als fahrlässige Körperverletzung einstufen zu lassen. Damit kam er jedoch nicht durch. Die Anklage lautet auf mutwillige Körperverletzung mit Verstümmelung – worauf eine Höchststrafe von zehn Jahren Haft steht.

kha/AFP

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