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27. Oktober 2009, 18:04 Uhr

Marwa-Prozess in Dresden

"Ich dachte, der sticht sich jetzt den Weg frei"

Aus Dresden berichtet

Bewegender Tag im Prozess um die Tötung von Marwa al-Schirbini: Der Vorsitzende Richter, vor dessen Augen die junge Frau gestorben war, sagte als Zeuge aus und schilderte den brutalen Ablauf der Tat. Der Angeklagte Alex W. habe die Ägypterin "wie ein Maschinengewehr" angegriffen.

Ein Neuling im Beruf ist der Vorsitzende Richter am Landgericht Dresden, Tom Maciejewski, mit seinen 21 Jahren Berufserfahrung nicht. Er hat spektakuläre Strafverfahren wie etwa 2006 den Prozess gegen Mario M., den Entführer und Vergewaltiger des Mädchens Stefanie, souverän geleitet und fehlerfrei zu Ende gebracht. Er hat Staatsschutzverfahren geführt und Erfahrungen als Jugendrichter gesammelt. An seiner Kompetenz und Integrität besteht kein Zweifel.

Doch nun ist Strafanzeige gegen ihn wegen fahrlässiger Tötung erstattet worden. Denn er führte am 1. Juli das Berufungsverfahren gegen Alex W., an dessen Ende der Angeklagte auf die 31 Jahre alte Zeugin Marwa al-Schirbini und ihren Ehemann Elwy Okaz mit einem Küchenmesser einstach. Die Frau verblutete noch im Saal 10 des Dresdner Landgerichts, während ihr Mann nur deshalb schwer verletzt überlebte, weil W.s Verteidiger ihm geistesgegenwärtig das Bein abband, das ein zu Hilfe geeilter Polizist irrtümlich durchschossen hatte.

Verklagt hat Maciejewski der Bruder der Getöteten, der überdies den Präsidenten des Landgerichts für den Tod der schwangeren jungen Frau haftbar machen will.

Am Dienstag stand Maciejewski in dem Mordprozess gegen Alex W., einen in Russland geborenen und aufgewachsenen Mann mit deutschem Vater, als unmittelbarer Augenzeuge der tragischen Bluttat vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts. Was er über die damalige Verhandlung berichtete, führte zeitweise zu Totenstille im Saal.

W. ruhig, sachlich, etwas verbohrt und verstockt vielleicht

Es war ein regulärer Sitzungstag. Maciejewski beschrieb das übliche Prozedere, wie er die Personalien des Angeklagten feststellte, wie er ihn belehrte, wie er ihn aufforderte, Fragen zu stellen, falls er nicht alle juristischen Begriffe verstehe. W. sei recht redegewandt gewesen, Kommunikationsprobleme habe es nicht gegeben. "Er wollte keine Angaben zur Sache machen", sagte der Richter als Zeuge. Fragen zu seinen Lebensverhältnissen habe er jedoch problemlos beantwortet - bis auf die Frage, welche Freunde er habe.

W. habe zugegeben, die Ägypterin im August 2008 auf einem Dresdner Spielplatz beschimpft und beleidigt zu haben, als sie ihn bat, die Schaukel für ihren damals zweijährigen Sohn freizumachen. Maciejewski erinnerte sich, dass W. sagte: "Seit dem 11. September haben solche Monster kein Recht, in Deutschland zu leben." Er habe die wörtliche Protokollierung dieser Aussage angeordnet.

"Während der Befragung hat sich der Angeklagte mal gebückt und eine Tasche auf seinen Schoß genommen. Ich weiß noch, dass mir das Geräusch des Reißverschlusses auffiel", erinnert sich der Richter. Im übrigen sei W. ruhig und sachlich aufgetreten, etwas verbohrt und verstockt vielleicht, aber nicht unsympathisch. Es habe keinerlei Anhaltspunkte für eine spätere aggressive Handlung gegeben.

Bevor Maciejewski die auf dem Flur wartende Marwa al-Schirbini als Zeugin in den Saal bat, stellte er sich ihr und ihrem Ehemann vor. "Sie bat mich, den Sohn mit in den Saal nehmen zu dürfen, er habe Fieber, und sie wolle ihn nicht alleinlassen. Ich bin eigentlich gegen Kinder im Sitzungssaal. Aber ich bin auch Vater und verstand das Anliegen der Mutter."

"Er unterscheide Menschen nach ihrer Rasse"

W.s damaliger Verteidiger habe ihn, den Vorsitzenden, darauf hingewiesen, dass sein Mandant Angst habe, sehr aufgeregt und unsicher sei und mit einer Verurteilung rechne. "Es ist mir nicht fremd, wenn Angeklagte so reagieren", sagte Maciejewski, es sei ja auch nicht leicht, wenn man erstmals vor Gericht stehe.

Der damalige Vorsitzende Maciejewski hätte, wenn es nach ihm allein gegangen wäre, Frau al-Schirbini mit ihrer Familie wieder nach Hause geschickt. "Aber ein Schöffe wollte noch Fragen stellen. Also bat ich sie, noch etwas zu warten. Ich fragte den Angeklagten, warum er sich so gegenüber der Frau geäußert habe. Ganz ruhig antwortete W., er finde es falsch, was in Deutschland geschehe, dass nämlich Ausländer hier sein dürften. Er unterscheide Menschen nach ihrer Rasse. Für ihn gebe es die europäische Rasse und nicht-europäische Rassen. Er habe die NPD gewählt und bedaure, dass sie nicht mit an der Regierung sei." Ihn, Maciejewski, habe dies empört.

"Ich habe ihn gefragt, ob er die Geschichte kenne und von den Konzentrationslagern der Nazis wisse. W. antwortete ganz ruhig, dass das nicht Sache der NPD, sondern der NSDAP sei. Ich wies ihn dann noch darauf hin, dass die Leugnung des Holocaust in Deutschland eine Straftat sei." W. sei nicht laut oder unfreundlich geworden. Also habe er die Zeugin al-Schirbini in den Saal gebeten. "Sie war aufgeschlossen, sehr sympathisch, gepflegt, sehr klug. Auch ihr Mann." Die Frau habe Jeans getragen und ein Kopftuch.

"Sie machte ihre Aussage ohne jeden Belastungseifer. So sagte sie zum Beispiel, sie erinnere sich nicht, dass der Angeklagte sie als 'Schlampe' oder als 'Terroristenschlampe' tituliert habe. Solche Wörter gehörten nicht zu ihrem Sprachgebrauch. Sie wisse gar nicht, was sie bedeuteten." Bevor sie ihre Aussage beendete, wandte sich Marwa al-Schirbini zum Angeklagten und sagte mit einem freundlichen Lächeln, so erinnert sich jedenfalls Richter Maciejewski, der Islam sei eine friedliche Religion. Sie verstehe die Reaktionen des Angeklagten nicht.

Plötzlich sprang der Angeklagte auf

Es sei dann noch darum gegangen, wer damals die Polizei zum Spielplatz geholt habe. Die Ägypterin sei es wohl nicht gewesen. Sie habe auch nicht Anzeige erstattet. "Ich fragte, ob die Zeugin entlassen werden kann. W. meldete sich, er habe noch eine Frage. Er wollte wissen, warum sich die Frau in Deutschland aufhalte. Seine Stimme wurde etwas lauter. Ich wies die Frage als nicht zum Sachverhalt gehörend zurück. W. aber wiederholte den Satz. Nun duzte er die Zeugin. Daraufhin nahm ich die Frage ins Protokoll auf. W. sagte nichts mehr. Sein Verteidiger nahm ihn am Ärmel: 'Solche Fragen stellen wir jetzt nicht!'"

Als die Zeugin vom Richtertisch wegging, wo ihr der Vorsitzende ein Formular wegen eventuellen Verdienstausfalls gegeben hatte, fiel Maciejewski wieder das Geräusch des Reißverschlusses auf. "Ich verabschiedete mich von Frau al-Shirbini. Ihr Mann kam von hinten mit dem Sohn an der Hand. Sie ging auf die Tür zu. Dann ging es rasend schnell. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Ich nahm gerade ein neues Blatt zu Hand, als ich sah, wie der Angeklagte plötzlich aufsprang und mit seinen Fäusten auf die Zeugin einschlug. Wie ein Maschinengewehr! Es waren dumpfe Schläge. Im Nachhinein wunderte ich mich immer wieder, wieso die Schläge so dumpf waren. Ich sprang auf und schrie: 'Lassen Sie die Frau los!' Ich rannte hin und wollte ihn greifen. In diesem Moment..."

Selten erlebt man in einem Gerichtsaal einen Vorsitzenden Richter, dem - überwältigt von einer traumatischen Erinnerung - die Stimme versagt. Maciejewski versuchte sich zu fassen. "In diesem Moment sehe ich, dass er in der rechten Hand ein Messer hat. Er hatte sich etwas zu mir gedreht. Ich sah die Klinge. Ich kenne ja solche Messer mit 18 bis 20 Zentimeter Klingenlänge aus meinen Strafverfahren."

Er sei sofort zur Richterbank gerannt und habe vier-, fünfmal auf den Notrufknopf geschlagen. "W. schlug noch immer auf die Frau ein. Den Ehemann habe ich überhaupt nicht wahrgenommen. Der Verteidiger sprang auf und schrie: 'Hören Sie auf! Hören Sie auf!' Ich bin wieder zu W. und schrie auch: 'Hören Sie auf!' Ich habe noch in Erinnerung, dass die Frau zu Boden ging. Ob W. sich über sie bückte und weiter zustach, weiß ich nicht mehr. Ich habe noch das Bild im Kopf, dass das Kind neben seiner Mutter am Boden saß oder kniete. Und kein Wort sagte. Es waren nur Sekunden."

"Ich dachte, er sticht mich jetzt ab"

Er habe dann wieder versucht, nach W. zu greifen und ihn angeschrien. "Er drehte sich zu mir mit dem Messer in der Hand und stach mehrfach in meine Richtung. Ich wich zurück. Ich weiß noch, dass ich dachte, er sticht mich jetzt ab. Ich dachte, dass ich heute Abend nicht nach Hause kommen werde, schade."

Dann beschrieb Maciejewski, wie er auf dem Flur eine Angestellte anschrie: "Einen Arzt, einen Arzt!" Wie er einen Rechtsanwalt packte, damit der einen Arzt hole. Wie er Wartende anschrie, sie sollten weglaufen. "Ich dachte, der sticht sich jetzt den Weg frei! Dann bin ich zurückgelaufen. Als ich am Fahrstuhl war, hörte ich einen Schuss. Ich war erstaunt, wie laut der war. Ich bin wieder in den Sitzungssaal. Frau al-Schirbini lag in einer Ecke. Der Verteidiger hockte neben ihr und schrie: 'Eine Decke! Eine Decke!' Ich zog meine Robe aus. Seine Robe drückte er schon gegen den Bauch der Frau, um die Blutung zu stillen. Ach, ich habe noch eines vergessen: Als W. mit dem Messer auf mich zukam, warf der Verteidiger einen Stuhl nach ihm. Und dann schob er einen dieser schweren Tische vor mich."

Der Ehemann habe auf dem Boden gelegen und geblutet. "Sie haben nicht mitbekommen, dass der Mann ebenfalls niedergestochen wurde?" fragt die Vorsitzende Birgit Wiegand. "Nein! Ich sah nur eine Blutlache. Ich weiß noch, dass sich der Mann mit beiden Händen an mich gekrallt hat und rief: 'Sie stirbt! Sie stirbt!' Ich sagte immer wieder zu ihm, er müsse durchhalten, sie sterbe nicht, er müsse tapfer sein für sein Kind." Maciejewski kämpfte mit den Tränen.

Irgendjemand habe dann gesagt: Kann sich jemand um das Kind kümmern? Den Notarzt habe er nicht bemerkt. Es sei alles so schnell gegangen. Man habe zu reanimieren versucht, immer und immer wieder. "Es dauerte ewig. So kam es mir jedenfalls vor. Der Ehemann sagte immer wieder: 'Sie stirbt!' Und ich: 'Nein!'"

Der Tod trat in Minutenschnelle ein

Die Vorsitzende fragt Maciejewski, ob er sofort den Notrufknopf gedrückt habe, als er die Schläge, die tatsächlich Stiche waren, bemerkt habe. Der Richter als Zeuge fasst sich: "Ich bin ein vorsichtiger und umsichtiger Richter seit Jahren. Ich sehe jede Akte durch, ob sitzungspolizeiliche Maßnahmen anzuordnen sind. Hier gab es für mich keinen Anhalt. Sonst hätte ich doch einen Wachtmeister in den Saal gesetzt!" W. sei ruhig gewesen und sachlich. "Wenn ich das Messer gleich gesehen hätte, hätte ich natürlich sofort den Knopf gedrückt", beteuert der Zeuge. "Ich dachte, er schlägt zu, und wollte ihn von der Frau wegziehen."

Zu retten wäre Marwa al-Schirbini auch nicht gewesen, wenn Maciejewski sofort Alarm ausgelöst hätte. Der Tod trat in Minutenschnelle ein angesichts der mit enormer Wucht geführten 16 Stichverletzungen, durch die unter anderem der Herzbeutel verletzt wurde. Die Dresdner Rechtsmedizinerin Christine Erfurt ließ in ihrem Gutachten keinen Raum für etwaige Spekulationen.

Was ist Maciejewski vorzuwerfen? Dass die sächsische Justiz kein Geld hat oder ausgeben will, um in jedem größeren Landgericht Sicherheitsschleusen einzubauen? Dass seit langem hin und her diskutiert wird, ob man denn nun eine "gläserne Justiz" haben wolle oder nicht? Wenn jemand mit einer Strafanzeige zu überziehen wäre, dann sind es die Leute, die die politische Verantwortung dafür tragen, dass ausgerechnet an der Sicherheit gespart wird.

Manchmal kostet sparen weitaus mehr als ein paar Euro. Marwa al-Schirbini kostete es das Leben.

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