Verurteilt zu lebenslanger Haftstrafe Der Mann hinter der Maske

Das Landgericht Frankfurt (Oder) hält Mario K. für den Maskenmann: Es hat ihn zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Verteidiger wollen das nicht hinnehmen - denn viele Indizien sind nicht eindeutig.

Mario K. mit seinen Anwälten: Revision angekündigt
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Mario K. mit seinen Anwälten: Revision angekündigt

Von , Frankfurt (Oder)


Am Ende sind viele Regalmeter Akten, Hunderte Zeugenaussagen und die Erkenntnisse aus fast 60 Verhandlungstagen auf einige Blatt Papier in einer gelben Mappe verdichtet. Auf ihnen steht das Urteil im Maskenmann-Prozess. Ein Wort sticht heraus, als der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs die Mappe öffnet und im Saal 007 des Landgerichts Frankfurt (Oder) die Entscheidung verkündet: lebenslang.

Für den Angeklagten Mario K., 47, bedeutet das: Ehe überhaupt die Chance besteht, dass seine Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt wird, wird er im Rentenalter sein. Das Gericht ist überzeugt, dass K. maskiert mehrere Taten beging:

  • Gefährliche Körperverletzung beim Überfall auf die Unternehmergattin Petra P. am 22. August 2011
  • Versuchter erpresserischer Menschenraub, versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung, als er am 2. Oktober 2011 Petra P.s Tochter Louisa entführen wollte und dabei den Personenschützer Torsten H. anschoss, der seither querschnittgelähmt ist. An ihn muss K. 250.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Dass K. - schon vor dem Verfahren kein reicher Mann, zu dem er im Gefängnis auch nicht werden wird - die Summe wohl nie bezahlen können wird, ist allerdings auch der Kammer klar
  • Erpresserischer Menschenraub im Fall der Entführung des Investmentbankers Stefan T. am 5. Oktober 2012, der sich nach 33 Stunden in K.s Gewalt selbst befreien konnte

Mario K. - hellblaues Hemd, dunkelblaue Jeans, Brille, kurze Haare und Vollbart - hatte sich als unschuldig bezeichnet. Er nahm das Urteil und die Begründung äußerlich ungerührt hin. Immer wieder drehte er einen Stift zwischen den Fingern, schrieb manchmal mit, blickte ab und zu zur Richterbank. Ansonsten verharrte er regungslos.

"Einer Todesfolge schon sehr nah"

Kalt lässt ihn das Urteil dennoch nicht, sagte sein Verteidiger Axel Weimann nach Prozessende. K. sei erschüttert. Weimann wirkte eher angefressen. Der Anwalt hatte auf Freispruch plädiert, nun sprach er davon, dass möglicherweise der Zweifelsgrundsatz abgeschafft sei. "Wir haben über ein Jahr versucht, gegen das Fehlurteil anzukämpfen, das sich abgezeichnet hat", sagt Weimann. Die Begründung des Gerichts? "Ein Abzug dessen, was wir von der Staatsanwaltschaft gehört haben."

Tatsächlich folgte das Gericht im Wesentlichen der Anklage. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Dorina Dubrau, sagte, sie sei "natürlich zufrieden, dass das Gericht unserer Auffassung gefolgt ist". Und was ist mit den Zweifeln an der Arbeit der Ermittler, die sich teilweise haarsträubende Pannen leisteten? Dazu gab es von Dubrau keine Antwort, nur die Wiederholung, das Gericht sei der Auffassung der Anklage gefolgt.

Für die Ermittler stand schon lange fest, dass K. für alle drei Taten verantwortlich ist. Insgesamt gut anderthalb Stunden lang begründete Richter Fuchs, warum das Gericht dies ebenso sieht. Während er sprach, blickte er kaum einmal zum Angeklagten, fast nur Richtung Nebenkläger und Staatsanwaltschaft. Manche Aussage des Vorsitzenden sorgte im Saal für Befremden - etwa der Satz, Torsten H.s Lähmung komme angesichts der verringerten Lebensfreude und Lebenserwartung "einer Todesfolge schon sehr nah".

Keine Zweifel an Entführung

Laut Fuchs wollte K. Mitglieder reicher Familien entführen, um mit dem Lösegeld sein Leben zu finanzieren - Fuchs sprach vom Motiv "Hass auf Reiche". Als ein starkes Indiz wertete die Kammer K.s Vorstrafen: 1994 schoss er mit einer Pistole des Typs um sich, der etwa beim Schuss auf Torsten H. benutzt wurde. Und 2004 lebte K. in einem sumpfigen Schilfgebiet, von wo aus er loszog, um Bootsmotoren zu klauen und anschließend die Boote in Brand zu setzen. Dabei verwendete er ein Kajak, wie es bei der Entführung laut Gericht ebenfalls eingesetzt wurde.

Für die Schüsse und die Motorendiebstähle wurde K. zu Haftstrafen verurteilt. Fuchs sagte, der Angeklagte habe gelernt, "dass man mit dem Diebstahl von Bootsmotoren nicht reich wird". So sei der Entschluss gereift, mit Entführungen zu Geld zu kommen. Diese habe K. nach seiner Haftentlassung 2009 "intensiv und ausführlich geplant"; K. habe auch gewusst, dass Familie P. wohlhabend sei.

Erstes Opfer sollte demnach Petra P. werden, doch die wehrte sich, K. habe abbrechen müssen, sagte Fuchs. Louisa P. sei dann in den Fokus gerückt, die Entführung scheiterte, auch weil sie den Leibwächter Thorsten H. an ihrer Seite hatte, auf den K. schließlich schoss.

Der Angeklagte habe die Erfahrung gemacht: "Wenn man Frauen entführen will, ist das nicht so einfach, wie man es sich vielleicht vorstellt." Deshalb habe sich K. auf Familie T. konzentriert.

"Die Indizien addieren sich zu einer Gesamtschau"

Beim Investmentbanker Stefan T. waren Zweifel aufgekommen, ob die Entführung womöglich vorgetäuscht worden war. "Warum sollte Herr T. sich so ein schreckliches Geschehen ausdenken?", fragte Fuchs. Dafür gebe es keine persönlichen oder finanziellen Gründe. "So etwas tut kein vernünftiger Mensch seiner Familie an." Der Ablauf sei ungewöhnlich, aber nicht unmöglich.

Komplikationen bei der Entführung mit einem Kajak, beim Finden des Verstecks in einem sumpfigen Schilfgebiet, beim Schreiben eines Erpresserbriefes - immer wieder kam von Fuchs ein Satz: So etwas denke man sich nicht aus, so etwas erlebe man. Eine Lügengeschichte sei gradliniger, ohne Erinnerungslücken erzählt, frei von Zweifeln: "Wer lügt, trägt dick auf", sagte Fuchs - anders als Stefan T. Der Banker will K.s Stimme bei einem Test aus sieben ähnlichen Stimmen wiedererkannt haben, ein weiteres Indiz.

Zeugenaussagen, die Nähe der Tatorte, die Täterbeschreibungen, falsche Alibis, die Maskierung, die Auswahl der Opfer - "die Indizien addieren sich zu einer Gesamtschau", sagte Fuchs: K. sei der Täter. Manche Prozessbeobachter halten das für eine gewagte Aussage, viele Indizien lassen sich auch anders interpretieren.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Anwalt Weimann sagte: "Selbstverständlich werden wir in Revision gehen." Es klang wie eine Kampfansage.

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