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Massaker an US-College in Oregon Amerika lernt wieder - nichts

"Wir sind abgestumpft", sagt Präsident Obama verbittert nach der jüngsten Schießerei auf einem US-Campus. Zehn Menschen starben dort. Und die US-Waffenlobby? Fordert jetzt noch mehr Waffen - für Lehrer wie Schüler.

So frustriert, so wütend hat man Barack Obama selten erlebt. "Unsere Gedanken und Gebete sind nicht genug", sagt der US-Präsident. Er stockt und beißt sich auf die Lippen. "Sie werden nicht verhindern, dass wieder ein solches Gemetzel in Amerika angerichtet wird - nächste Woche oder in ein paar Monaten."

Zum 15. Mal seit seinem Amtsantritt im Jahr 2009 steht Obama vor den TV-Kameras und beklagt ein Massaker, angerichtet von einem wirren Schützen. "Schon wieder eine Massenschießerei in Amerika", sagt er, und sein Finger sticht in die Luft. "Schon wieder eine Gemeinde, von Trauer überwältigt."

Schon wieder eine Rede, die nichts ändern wird.

Und schon wieder ein Campus. Diesmal das Umpqua Community College bei Roseburg, einem friedlichen Örtchen im Herzen des US-Nordweststaats Oregon. Zehn Tote, darunter der Täter. Sieben teils schwer Verletzte. Als Obama abends in den Pressesaal des Weißen Hauses tritt, ist vieles noch unklar. Doch die Umrisse sind altbekannt.

"Es ist zur Routine geworden", sagt Obama. "Die Berichterstattung ist Routine. Meine Reaktion hier an diesem Podium ist letztendlich Routine. Wir sind abgestumpft."

Sehen Sie hier Obamas Statement im Video:

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Ein ganz eigenes Ritual

Diese Routine, ein Ritual fast, beginnt in dem Moment, da "Breaking News" über die Bildschirme flimmert. "Active shooter", so nennen sie das hier - ein längst gängiger Ausdruck, für den es keine Übersetzung gibt aus dem Amerikanischen. Das Ritual hat sein eigenes Vokabular.

Die atemlosen Notrufe: "Er schießt durch die Tür!" Die Evakuierung. Die Luftaufnahmen aus dem Helikopter. Die Illustration des Tatorts via Google Earth. Die Pressekonferenz der Gouverneurin, die kaum ein Wort herausbringt. Die Kerzen-Mahnwachen. Die Versicherung, es seien "grief counselors" zum College unterwegs: "Trauerbegleiter" für die, die davonkamen. Das Ritual hat seine eigenen Berufsgruppen.

Wenige Stunden nach den Notrufen wird ein mutmaßlicher Täter identifiziert: Chris Harper M., ein 26-Jähriger aus der Gegend. Er habe vier Waffen dabei gehabt, drei Pistolen und ein Gewehr, heißt es in Polizeikreisen. "Ein wütender junger Mann, der offenbar sehr hasserfüllt war." Einer Augenzeugin zufolge soll er seine Opfer zuvor nach ihrer Religion gefragt haben.

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Oregon: "Es war ein schrecklicher Tag"

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In den nächsten Tagen werden die Medien jeden Aspekt seines Lebens zerlegen, jede Tagebuchzeile, jeden Social-Media-Post. Spekulationen ranken sich um 4chan, ein Online-Messageboard, auf dem M. seine Tat angeblich angekündigt habe, unterstützt von anstachelnden Parolen.

Keine Spekulationen dagegen ranken sich um den gemeinsamen Nenner: "Wir sind das einzige fortschrittliche Land auf der Erde, das alle paar Monate eine neue Massenschießerei erlebt", sagt Obama.

Er untertreibt sogar noch. Seit Obamas zweiter Amtszeit ist keine Kalenderwoche ohne ein solches Massaker vergangen. Allein in diesem Jahr gab es nach Zählung von Aktivisten bereits 45 Schulschießereien - und 294 Massenschießereien überhaupt. 274 Tage. 294 Schießereien.

Mehr als 10.000 Amerikaner im Jahr sterben durch Waffengewalt - doch nur im Schnitt 15 durch Terroranschläge. Gegen Waffengewalt tun die USA nichts. Gegen Terrorismus investierten sie seit 9/11 "mehr als eine Billion Dollar", wie Obama erinnert. "Wie kann das sein?"

Die Märchen der Waffenlobby

So kann das sein: Binnen Stunden plädieren Vertreter der Waffenlobby für Waffen in allen Schulen, für Lehrer wie Schüler. Das Umpqua Community College, betonen sie, sei eine waffenfreie Zone gewesen - kein Wunder also, dass der Schütze unwidersprochen habe schießen können. "Glaubt das irgendjemand wirklich?", fragt Obama entgeistert.

Mehr Waffen, weniger Tote: Dieses Märchen, propagiert von der US-Waffenlobby NRA und ihren erkauften Kongressmitgliedern, ist längst widerlegt. Eine neue Studie beweist, dass sich von 134 untersuchten Massakern zwischen Januar 2009 und Juli 2015 mehr als zwei Drittel (91) an Orten ereigneten, wo das Tragen von Waffen erlaubt ist. US-Bundesstaaten mit strengeren Gesetzen dagegen haben weniger Vorfälle.

Und noch eine Statistik: 2015 wird das erste Jahr sein, in dem mehr junge US-Bürger unter 26 Jahren an Waffengewalt sterben als bei Autounfällen. Waffen haben Wagen als Jugendkiller Nummer eins überholt.

Doch nichts wird sich ändern, das weiß auch Obama. "Möge Gott das Andenken derer segnen, die heute ermordet wurden", sagt er zum Abschluss, fast formelhaft. "Und möge er uns die Kraft geben, zusammenzukommen und den Mut zu finden, etwas zu ändern."

Dreizehn Minuten spricht Obama, dann wendet er sich ab und verlässt den Pressesaal abrupt. Benannt ist der übrigens nach Jim Brady, dem Sprecher Ronald Reagans. Brady wurde 1981 beim Attentatsversuch auf den damaligen Präsidenten angeschossen und schwer verletzt. Bis zu seinem Tod 2014 kämpfte er für strengere Waffengesetze.


Zusammengefasst: Der 26-jährige Chris Harper M. hat im Umpqua Community College im US-Bundesstaat Oregon um sich geschossen. Zehn Menschen wurden getötet, sieben weitere teils schwer verletzt. M. starb bei einem Schusswechsel mit der Polizei. Sein Motiv ist bisher unklar. US-Präsident Barack Obama forderte in einer ersten Reaktion strengere Waffengesetze. Doch mit demselben Vorhaben war er in der Vergangenheit gescheitert.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, seit Obama Präsident ist, sei keine Kalenderwoche ohne ein solches Massaker vergangen. Tatsächlich handelt es sich nach Daten von ShootingTracker.com bei dieser Angabe um Obamas zweite Amtszeit. Wir haben die Passage korrigiert.

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