Massaker an US-Universität Amokschütze hinterließ verstörende Abschiedsnotiz

Cho Seung-Hui, 23, Englisch-Student, geboren in Südkorea, seit Jahren in den USA - das ist der Amokschütze von Blacksburg. Er war Student der Virginia Tech, lebte auf dem Campus und hinterließ eine verstörende Botschaft.


Blacksburg - Cho ist zwar gebürtiger Südkoreaner, lebte aber in Centerville, Virginia. Der Täter war Undergraduate-Student, hatte Englisch als Hauptfach und wohnte während des Semesters in Harper Hall auf dem Campus. Laut ABC News wurde in Chos Rucksack eine Quittung über den Kauf einer 9-Millimeter-Handfeuerwaffe gefunden.

Mutmaßlicher Attentäter Cho Seung-Hui: Beleg über Waffenkauf in der Tasche

Mutmaßlicher Attentäter Cho Seung-Hui: Beleg über Waffenkauf in der Tasche

Angaben zu einem möglichen Motiv machten die Fahnder nicht. Möglicherweise handelt es sich beim ersten Opfer des Mannes um seine Freundin. Nach Angaben des Uni-Präsidenten Charles Steger ermitteln die Fahnder, ob es eine Beziehung zwischen dem Schützen und der Frau gab.

Nach Angaben eines Hochschulsprechers war Cho ein Einzelgänger. "Das macht es schwierig, mehr über ihn herauszufinden." Nach Angaben der Polizei entdeckten die Fahnder in seinem Wohnheimzimmer einen Abschiedbrief "mit verstörendem Inhalt". Zu Details äußerten sie sich nicht, klar ist: Cho Seung-Hui hinterließ die Notiz nach den tödlichen Schüssen im Studentenwohnheim, bevor er das Morden im Hörsaalgebäude begann.

Laut Polizei wurden die Opfer in Norris Hall in mindestens vier Seminarräumen und auf der Treppe gefunden. Der Täter lag in einem der Seminarräume. Ein behandelnder Arzt aus einem der regionalen Krankenhäuser sagte CNN, alle Verletzten hätten mindestens drei Schusswunden gehabt.

Nach Polizeiangaben verwendete der Amokläufer zwei Handfeuerwaffen der Kaliber .22 und 9 Millimeter. Die Patrone vom Kaliber 9 Millimeter Parabellum gilt als weltweit am weitesten verbreitete Pistolenmunition. Sie wurde 1902 von den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) eingeführt. Halbautomatische Pistolen und Maschinenpistolen des Kalibers 9 Millimeter gehören zur Standardausrüstung von Polizei- und Militäreinheiten weltweit.

Munition vom Kaliber .22 (5,6 Millimeter) wird auch als Kleinkalibermunition bezeichnet. Sie findet oft in Wettkampfwaffen und bei der Kleintierjagd Verwendung. Trotz seines kleinen Durchmessers kann das Geschoss auf kurze Distanz aber auch größere Tiere und Menschen töten.

Bei den Fabrikaten handelt es sich nach Informationen mehrerer US-Medien um eine 9-Millimeter-Pistole des Herstellers Glock und einer Walther vom Kaliber .22. Der TV-Sender CNN meldete Gerüchte, nach denen der Täter die Waffen am Freitag, dem 13. gekauft haben soll, selbst schütze sich der Mann durch einen schusssichere Weste. Diese Angaben hat die Polizei bisher nicht offiziell bestätigt.

Die Theorie von einem möglichen zweiten Täter wird immer unwahrscheinlicher: Laut Polizei hat die ballistische Untersuchung ergeben, dass eine der beiden Waffen an beiden Tatorten, Norris Hall und West Ambler Johnston, benutzt wurde. Dass Cho wirklich ein Einzeltäter war, sei allerdings auch noch nicht zweifelsfrei bewiesen.

Wie die Bluttat ablief, ist noch immer nicht restlos aufgeklärt. Fest steht bislang soviel: Gestern früh um 7.15 Uhr fielen mehrere Schüsse im Wohnheim West Ambler Johnston, in dem 895 Studenten leben. Der Uni-Leitung wurde mitgeteilt, dass ein Student erschossen, ein zweiter verletzt wurde. Später stellte sich heraus, dass dort zwei Todesopfer zu beklagen waren. "Wir haben das Gebäude gesichert, wir haben den Tatort gesichert", erklärte Polizeichef Flinchum. Doch danach passierte erst einmal nichts. Der Unterricht an der Virginia Tech begann um 8 Uhr. Die Türen zu den Vorlesungsgebäuden blieben geöffnet.

Kritik an Uni-Leitung und Polizei - erst Stunden nach den ersten Morden wurden die Studenten gewarnt

Erst um 9.26 Uhr verschickte die Hochschulleitung eine E-Mail an alle 11.000 Studenten und Dozenten mit der Betreffzeile: "Shooting on Campus" (Schießerei auf dem Campus). Alle Angehörigen der Universität wurden gewarnt, wegen eines "Schusswaffen-Zwischenfalls" besonders vorsichtig zu sein und sich bei verdächtigen Hinweisen an die Polizei zu wenden.

Vermutlich kurze Zeit danach tauchte der bewaffnete Täter aus dem Wohnheim im Vorlesungstrakt für Ingenieurfächer auf, in der Norris Hall. Gegen 9.45 Uhr fielen die ersten Schüsse. Die Türen der Norris Hall waren mit Ketten verriegelt, möglicherweise durch den Täter.

Um 9.55 Uhr verschickte die Universität eine zweite E-Mail. Gewarnt wurde vor einem bewaffneten Mann auf dem Campus: "Bleiben Sie bis zu einer weiteren Anweisung in den Gebäuden. Halten Sie sich von den Fenstern fern." Wenig später stürmten Polizisten der Sondereinheit SWAT das Uni-Gelände.

Nach Augenzeugenberichten war der Schütze ins Klassenzimmer gestürmt sei und gab in eineinhalb Minuten 30 Schüsse ab. Zuerst habe er dem Professor in dem Kopf geschossen, dann habe er die Waffe auf die Studenten gerichtet. "Er war sehr ruhig, schien aber sehr darauf bedacht zu sein, auch wirklich jeden zu treffen", erzählt die Studentin Erin Sheehan später, die den Amoklauf des bisher unbekannten Schützen als einzige von 25 Studenten unverletzt überlebte. Nach ihrer Schilderung kam der Täter zwei Mal in den Raum, in dem sie gerade einen Deutsch-Kurs hatten. "Er hat einfach angefangen zu schießen, ich habe mich einfach nur tot gestellt."

Nach der Bluttat wächst nun der öffentliche Druck auf Hochschulleitung und Polizei. Kritische Fragen werden laut: Wie konnte es sein, dass der Todesschütze nicht früher gestoppt wurde?Warum ließ man die Studenten im Ungewissen? Noch gibt es kaum Antworten.

"Ich denke, sie hätten die Vorlesungen viel früher absagen müssen", sagte ein Student namens Sam Leake dem Hochschulmagazin der Virginia Tech, "dann hätten vielleicht ein paar dieser Morde verhindert werden können." Billy Bason, der ebenfalls im Wohnheim lebt, geht sogar noch weiter: "Die Universität hat Blut an ihren Händen, weil sie nach den ersten Schüssen nicht reagiert hat", kritisiert auch der 18-Jährige.

jdl/ffr/Reuters/AFP/dpa/AP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.