Massaker in Blacksburg Die Opfer des Amokschützen

"Du hast mich immer zum Lachen gebracht, wusstest andere immer aufzuheitern." Dutzende solcher sehr persönlichen Nachrufe haben Verwandte, Freunde und Bekannte nach der Bluttat von Blacksburg im Internet veröffentlicht - SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Erinnerungen an die Opfer des Massakers.


Als die Familie der 19-jährigen Mary Karen Read von der Tragödie auf dem Campus erfuhr, versuchten die Angehörigen immer wieder, sie telefonisch zu erreichen, erzählt ihre Tante Karen Kuppinger. "Als sie nach drei oder vier Stunden noch immer nicht ans Telefon ging und auch ihre E-Mails nicht beantwortete, begannen wir uns große Sorgen zu machen", sagt sie. "Wir hatten geglaubt, sie würde noch auftauchen."

Die Eltern des 19-jährigen Mordopfers arbeiten bei der Air Force. Read lebte in Texas und Kalifornien, bevor sie nach Annandale in Virginia zog. Sie liebte Marschmusik und schwärmte von Frankreich. Ihre Freunde erinnern sich an ihre natürliche Art und ein besonderes Lächeln. "Sie kümmerte sich um jeden, hegte nie böse Gedanken und dachte zuletzt an sich selbst", sagte ein Freund FOX News.

Auch die Freunde von Ross Abdallah Alameddine trauern. Der 20-Jährige stammte aus Saugus im US-Bundesstaat Massachusetts. Er studierte seit zwei Jahren an der Virginia Tech University und hatte gerade Englisch als Hauptfach gewählt. Seine Freunde haben auf Facebook.com eine Seite für ihn eingerichtet, auf der sie ihn als "intelligenten, lustigen und lockeren Typen" beschreiben. "Du warst so ein faszinierender Kerl", schreibt Zach Allen. "Du hast mich immer zum Lachen gebracht, Du wusstest immer, was Du tun oder sagen musstest, um andere aufzuheitern."

Aladmeddine wurde nach Angaben eines Bekannten während eines Französischseminars getötet. Die Mutter des Opfers beklagte sich über die Art und Weise, wie die Familie vom Tod des Sohnes informiert wurde. "Das Ganze ist am Morgen passiert, und wir haben es erst um 22.45 Uhr erfahren", sagte sie. "Das ist unfassbar. Zwei junge Leute waren schon tot, und dann wird noch ein ganzer Haufen weiterer erschossen - darunter mein Sohn."

Cho Seung-Hui ermordete auch Emily Hilscher, ein lebhaftes Mädchen aus Woodville, Virginia, deren Freunde ihren Tod auf Facebook.com betrauern. "Emily war ein so liebenswürdiger und wundervoller Mensch, der mir immer ein Lächeln ins Gesicht zauberte", schreibt Jessica Gould über die 19-Jährige.

"Sie war immer freundlich", sagt Will Nachless, ein Freund von ihr. "Schon bevor ich sie kennenlernte, merkte ich, dass sie hilfsbereit ist. Und sie war großartig in Chemie!" Die Studentin ist nach Angaben einiger Freunde und Nachbarn ihrer Familie kurz vor dem Massaker von ihrem Freund, ebenfalls einem Studenten der Virginia Tech, zu ihrer Vorlesung begleitet worden. Im Wohnheim schlief Hilscher auf dem selben Stockwerk wie Ryan C. Clark.

Er war einer der ersten Opfer des Amokschützen. Clark studierte Biologie und Englisch an der Virginia Tech und spielte in der Marschkapelle. Er hielt sich im Wohnheim auf, in dem die ersten Schüsse fielen. "Er war sehr beliebt. Wenn er arbeiten musste, ist er immer beim Pizza-Bäcker vorbeigegangen und hat sich Rotini mit Käse besorgt", erinnert sich seine Bekannte Courtney Dalton im Gespräch mit "USA Today". "Er war ein ganz unschuldiger Mensch, wie alle anderen auch."

Der 21 Jahre alte Daniel Perez Cueva aus Peru starb nach Angaben seiner Mutter während des Französischunterrichts. Cuevas studierte nach Angaben der Uni-Website Internationale Beziehungen. Der Vater des Toten lebt in Peru und ist von seiner Ehefrau getrennt, die in den USA wohnt. Er braucht nun ein Visum, um zur Beerdigung seines Sohnes gehen zu können. Die US-Botschaft ließ mitteilen, man wolle dem Mann sofort bei der Beschaffung des Visums behilflich sein.

Auch Caitlin Hammaren gehört zu den 32 Opfern des Amoklaufs. "Sie war eine der außergewöhnlichsten jungen Menschen, mit denen ich in 31 Jahren als Erzieher je zusammenarbeiten durfte", sagt John P. Latini, Direktor der Minisink Valley High School, an der die 19-Jährige vor zwei Jahren ihren Abschluss machte. "Caitlin war ein Vorbild für die anderen Studenten."

Kevin Granata, Professor für Ingenieurswissenschaften und Mechanik, war zunächst beim Militär und trieb später orthopädische Forschungen an verschiedenen Krankenhäusern. Danach ging er zur Virginia Tech University und lehrte seine Studenten die mechanischen Grundlagen von Muskelreflexen und Robotertechnik bei. Granata gehörte zu den fünf führenden Biomechanikern der USA.

Seine Kollegen kannten ihn als freundlichen und strebsamen Menschen. "Bei all den Forschungsprojekten und Examenskandidaten fand er trotzdem noch Zeit für seine Familie", sagte ein Kollege. "Er war ein wunderbarer Familienmensch. Wir vermissen ihn alle sehr."

"Er war ein wahrhaftiger und wunderbarer Mensch, der von ganzem Herzen und aus tiefster Seele Dozent war", sagt Marlena Librescu über ihren Mann Liviu Librescu. Der 75-jährige Professor starb ebenfalls im Kugelhagel des Amokschützen von Blacksburg - ein Held, der zahlreichen Studenten das Leben rettete.Die Ehefrau des Ermordeten sagte der israelischen Tageszeitung "Ma'ariv", dass zahlreiche Studenten ihres Mannes ihr in E-Mails geschildert hätten, wie der Wissenschaftler sich dem Todesschützen in den Weg gestellt und so die Leben seiner Schüler gerettet habe.

Auch Christopher James Bishop starb durch den Amoklauf von Cho Seung-Hui. Er unterrichtete Deutsch an der Virginia Tech und wurde im Seminarraum der "Norris Hall" erschossen. Bishop, genannt Jamie, machte sein Diplom an der Universität Georgia, lebte mehrere Jahre in Deutschland. Er habe die meisten Zeit damit verbracht, die Sprache zu lernen, enorm viel Weizenbier zu trinken und ein deutsches Fräulein zu umwerben, schrieb er laut "Washington Post" über diese Zeit.

Die Technische Universität Darmstadt ist zwar erleichtert darüber, dass den sechs Studenten aus Darmstadt nichts passierte, die derzeit im Rahmen eines Austauschprogramms an der Virginia Tech sind. Doch zugleich trauert die TU um den getöteten Deutsch-Professor. Der Ehemann der deutschen Professorin Stefanie Hofer, die ebenfalls in Blacksburg unterrichtet, hätte im Zuge der Partnerschaft bald nach Darmstadt kommen sollen, sagte der Verfahrenstechnik-Professor Manfred Hampe.

Professor G.V. Loganathan, 51, lehrte seit fünfzehn Jahren an der Virginia Tech. Er stammte aus Indien, gehörte zu den profiliertesten Dozenten der Universität. Ein Kollege sagte dem Sender CNN-IBN: "Er unterrichte in einem der Räume, die von der Schießerei betroffen waren. Seine Frau rief an und sagte, sie habe nichts von ihrem Mann gehört, ob wir versuchen könnten, ihn zu finden. Wir haben's dann bei den Krankenhäusern versucht. Dann kam die Nachricht, dass er unter den Opfern ist."

Kristina Heeger, Austausch-Studentin aus Wien, hielt sich im Vorlesungsgebäude "Norris Hall" auf, wurde nach Augenzeugenberichten in den Rücken geschossen. Sie liegt jetzt verletzt im Krankenhaus, ihre Kommilitonen sind bei ihr. "Wir hatten so ein tolles Wochenende", berichtet Mit-Student Jordan d'Ambrosio in der "Washington Post". "Jetzt stehen wir hier und sind einfach nur geschockt."

Unter den offiziell bestätigten Opfern sind auch folgende Personen, die die Virginia Tech auf der Webseite ihrer Uni-Zeitung aufführt:

Maxine Turner, Studentin, Virginia; Henry Lee, Student, Virginia; Matt La Porte, Student, New Jersey; Juan Ortiz, Student; Jarrett Lane, Student, Virginia; Leslie Sherman, Studentin; Reema Samaha, Studentin, Virginia; Brian Bluhm.

jjc/ffr/pad/AP/



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