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22. Juni 2012, 12:28 Uhr

Plädoyer im Massenmörder-Prozess

Verteidiger fordert Freispruch für Breivik

Von und Espen A. Eik, Oslo

Anders Breivik ist nach Überzeugung seiner Anwälte schuldfähig. Die Verteidigung plädierte formal auf Freispruch, weil sich Breivik bei seinen Taten auf das Notrecht beruft. Bei einem Schuldspruch will der Massenmörder als zurechnungsfähig eingestuft und zu einer Haftstrafe verurteilt werden.

Oslo - Im Prozess gegen Anders Breivik hat die Verteidigung ihr Schlussplädoyer gehalten. Die Anwälte des Massenmörders forderten, Breivik als schuldfähig anzuerkennen. Anwalt Geir Lippestad plädierte formal auf Freispruch, weil Breivik die Taten zwar zugegeben, sich aber nicht schuldig bekannt und sich bei seinen Taten auf das Notrecht berufen hatte. Lippestad sagte, bei einem Schuldspruch wolle der Attentäter als zurechnungsfähig eingestuft und zu einer "möglichst milden Strafe" verurteilt werden.

Lippestad musste formell einen Freispruch fordern, weil sein Mandant auf nicht schuldig plädiert hatte. Dem Angeklagten droht die Höchststrafe von 21 Jahren Haft. Entscheidend ist die Frage, ob das Gericht den Rechtsextremisten als zurechnungsfähig einstuft. Nur für diesen Fall steht Breivik eine Gefängnisstrafe bevor, ansonsten müsste er bei einer Verurteilung in die Psychiatrie. Breivik hatte im Verlauf des Prozesses gesagt, er wolle als zurechnungsfähig verurteilt werden.

"Wenn man Breivik für krank erklärt, nimmt man ihm die Verantwortung für seine Taten", sagte Lippestad. Breivik habe wie ein "zynischer Terrorist" gehandelt. Er habe nicht einfach so viele Menschen wie möglich töten wollen, sondern seine Opfer "gezielt politisch" ausgesucht. Der letzte Tag vor Gericht war Lippestads schwerster, weil er das Plädoyer für einen Massenmörder halten musste. Er musste sich in Breiviks Schuhe begeben, wie er es ausdrückte - und das alles, obwohl er die Tat und die Ideologie des Angeklagten tief verachtet.

Lippestad sprach am 42. Verhandlungstag zweieinhalb Stunden lang. Und schon zu Beginn distanzierte er sich von den Taten seines Klienten, von denen es schwerfällt zu glauben, dass "sie wirklich wahr sind". Zwei Monate lang hat Lippestad neben Breivik gesessen. Seine Körpersprache gab zu verstehen, wie sehr er seinen Klienten verachtet. Meist saß er einen halben Meter nach hinten versetzt, in seinen Stuhl gepresst, nur um Breivik nicht näher sein zu müssen als nötig.

Gutachten "diametral gegensätzlich"

Im Plädoyer legte sich Lippestad dennoch ins Zeug für seinen Klienten. Seine Strategie: Breivik als einen politischen Terroristen darzustellen, der nicht aus einer gewalttätigen Persönlichkeit heraus tötet, sondern weil er einen Kampf gegen die islamistische Bedrohung führt. Er will vermeiden, dass Breivik für unzurechnungsfähig erklärt und in die Psychiatrie eingewiesen wird.

Das fordern zwei Psychiater in ihrem forensischen Gutachten. Ihnen wird widersprochen von einem zweiten Team. Die Expertisen seien "diametral gegensätzlich", sagte der Anwalt. Die Rechtspsychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim halten den Angeklagten für unzurechnungsfähig. Laut ihren Kollegen Terje Tørrissen und Agnar Aspaas ist Breivik hingegen schuldfähig - diese Einschätzung teilt auch ein 18-köpfiges Team, das ihn in der U-Haft regelmäßig beobachtete.

Im zentralen Punkt des Verfahrens widersprach Lippestad damit den Anklägern: Breivik sei bei seinen Taten zurechnungsfähig und damit voll schuldfähig gewesen. Die Staatsanwaltschaft hatte am Donnerstag auf Zwangseinweisung in eine psychiatrische Einrichtung plädiert. Nach Überzeugung der Ankläger bestehen Zweifel an Breiviks Zurechnungsfähigkeit.

"Von kaum vorstellbarer Bösartigkeit"

"Es ist kaum zu verstehen, dass das kleine, sichere Norwegen von einer solch grauenhaften Terrortat betroffen ist", sagte Lippestad. Das könne vielleicht erklären, warum Experten in Gutachten zu unterschiedlichen Auffassungen über Breiviks Geisteszustand gekommen seien. Er teile "voll und ganz" die Meinung der Staatsanwaltschaft, Breivik habe eine grausame Terrorhandlung von kaum vorstellbarer Bösartigkeit begangen.

Lippestad argumentierte ruhig, er legte seinen Gedankengang möglichst einfach und plastisch dar. Er versuchte, den Richtern das Gefühl zu geben, es sei ihre Entscheidung, welchem Gutachten sie in ihrem Urteil folgen wollen.

Er erinnerte sie an die Zeugenaussagen von Rechtsextremen vor dem Gericht, die genauso wie Breivik von einem Art Bürgerkrieg sprachen, der derzeit im Gange sei. Damit wollte er die Ansicht der Psychiater entkräften, es handelte sich um eine bizarre Wahnvorstellung, der Breivik gefolgt und Auslöser seines Tötungsrausches gewesen sei. "Wir sind uns alle wohl darin einig, was wir von den Ideen halten müssen", sagte Lippestad.

Der Anwalt hatte während des Prozesses stets kommuniziert, wie sehr ihn das ganze Geschehen psychisch anstrengt. Immer wieder berichtete er stolz von den positiven Briefen, die er von norwegischen Bürgern bekommt. "Die Tatsache, dass so viele Menschen darin übereinstimmen, im Falle Breivik die gesetzlichen Wege zu beschreiten, war für mich sehr inspirierend", hat Lippestad in einem Interview erklärt.

In dem Verfahren sind für Freitag noch abschließende Bemerkungen von Überlebenden der Anschläge in Oslo und auf Utøya vorgesehen. Dann erhält Breivik das Wort für eine Schlussbemerkung. Er hat dafür eine Stunde Redezeit verlangt. Das Urteil soll am 20. Juli oder 24. August verkündet werden.

Breivik hatte bei zwei Anschlägen 77 Menschen getötet. Zunächst zündete er eine Autobombe vor einem Regierungsgebäude in der Osloer Innenstadt. Dann tötete er auf der Fjordinsel Utøya 69 Menschen, die meisten waren jugendliche Teilnehmer eines sozialdemokratischen Sommerlagers. Der Massenmörder hat die Taten gestanden, zeigt aber keine Reue. Er rechtfertigt sein Verbrechen als Kampf gegen eine angeblich drohende "islamische Machtübernahme" in Norwegen.

Mitarbeit: Benjamin Schulz

Mit Material von dpa/AFP/AP

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