Plädoyer im Massenmörder-Prozess Verteidiger fordert Freispruch für Breivik

Anders Breivik ist nach Überzeugung seiner Anwälte schuldfähig. Die Verteidigung plädierte formal auf Freispruch, weil sich Breivik bei seinen Taten auf das Notrecht beruft. Bei einem Schuldspruch will der Massenmörder als zurechnungsfähig eingestuft und zu einer Haftstrafe verurteilt werden.

AP

Von und Espen A. Eik, Oslo


Oslo - Im Prozess gegen Anders Breivik hat die Verteidigung ihr Schlussplädoyer gehalten. Die Anwälte des Massenmörders forderten, Breivik als schuldfähig anzuerkennen. Anwalt Geir Lippestad plädierte formal auf Freispruch, weil Breivik die Taten zwar zugegeben, sich aber nicht schuldig bekannt und sich bei seinen Taten auf das Notrecht berufen hatte. Lippestad sagte, bei einem Schuldspruch wolle der Attentäter als zurechnungsfähig eingestuft und zu einer "möglichst milden Strafe" verurteilt werden.

Lippestad musste formell einen Freispruch fordern, weil sein Mandant auf nicht schuldig plädiert hatte. Dem Angeklagten droht die Höchststrafe von 21 Jahren Haft. Entscheidend ist die Frage, ob das Gericht den Rechtsextremisten als zurechnungsfähig einstuft. Nur für diesen Fall steht Breivik eine Gefängnisstrafe bevor, ansonsten müsste er bei einer Verurteilung in die Psychiatrie. Breivik hatte im Verlauf des Prozesses gesagt, er wolle als zurechnungsfähig verurteilt werden.

"Wenn man Breivik für krank erklärt, nimmt man ihm die Verantwortung für seine Taten", sagte Lippestad. Breivik habe wie ein "zynischer Terrorist" gehandelt. Er habe nicht einfach so viele Menschen wie möglich töten wollen, sondern seine Opfer "gezielt politisch" ausgesucht. Der letzte Tag vor Gericht war Lippestads schwerster, weil er das Plädoyer für einen Massenmörder halten musste. Er musste sich in Breiviks Schuhe begeben, wie er es ausdrückte - und das alles, obwohl er die Tat und die Ideologie des Angeklagten tief verachtet.

Lippestad sprach am 42. Verhandlungstag zweieinhalb Stunden lang. Und schon zu Beginn distanzierte er sich von den Taten seines Klienten, von denen es schwerfällt zu glauben, dass "sie wirklich wahr sind". Zwei Monate lang hat Lippestad neben Breivik gesessen. Seine Körpersprache gab zu verstehen, wie sehr er seinen Klienten verachtet. Meist saß er einen halben Meter nach hinten versetzt, in seinen Stuhl gepresst, nur um Breivik nicht näher sein zu müssen als nötig.

Gutachten "diametral gegensätzlich"

Im Plädoyer legte sich Lippestad dennoch ins Zeug für seinen Klienten. Seine Strategie: Breivik als einen politischen Terroristen darzustellen, der nicht aus einer gewalttätigen Persönlichkeit heraus tötet, sondern weil er einen Kampf gegen die islamistische Bedrohung führt. Er will vermeiden, dass Breivik für unzurechnungsfähig erklärt und in die Psychiatrie eingewiesen wird.

Das fordern zwei Psychiater in ihrem forensischen Gutachten. Ihnen wird widersprochen von einem zweiten Team. Die Expertisen seien "diametral gegensätzlich", sagte der Anwalt. Die Rechtspsychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim halten den Angeklagten für unzurechnungsfähig. Laut ihren Kollegen Terje Tørrissen und Agnar Aspaas ist Breivik hingegen schuldfähig - diese Einschätzung teilt auch ein 18-köpfiges Team, das ihn in der U-Haft regelmäßig beobachtete.

Im zentralen Punkt des Verfahrens widersprach Lippestad damit den Anklägern: Breivik sei bei seinen Taten zurechnungsfähig und damit voll schuldfähig gewesen. Die Staatsanwaltschaft hatte am Donnerstag auf Zwangseinweisung in eine psychiatrische Einrichtung plädiert. Nach Überzeugung der Ankläger bestehen Zweifel an Breiviks Zurechnungsfähigkeit.

"Von kaum vorstellbarer Bösartigkeit"

"Es ist kaum zu verstehen, dass das kleine, sichere Norwegen von einer solch grauenhaften Terrortat betroffen ist", sagte Lippestad. Das könne vielleicht erklären, warum Experten in Gutachten zu unterschiedlichen Auffassungen über Breiviks Geisteszustand gekommen seien. Er teile "voll und ganz" die Meinung der Staatsanwaltschaft, Breivik habe eine grausame Terrorhandlung von kaum vorstellbarer Bösartigkeit begangen.

Lippestad argumentierte ruhig, er legte seinen Gedankengang möglichst einfach und plastisch dar. Er versuchte, den Richtern das Gefühl zu geben, es sei ihre Entscheidung, welchem Gutachten sie in ihrem Urteil folgen wollen.

Er erinnerte sie an die Zeugenaussagen von Rechtsextremen vor dem Gericht, die genauso wie Breivik von einem Art Bürgerkrieg sprachen, der derzeit im Gange sei. Damit wollte er die Ansicht der Psychiater entkräften, es handelte sich um eine bizarre Wahnvorstellung, der Breivik gefolgt und Auslöser seines Tötungsrausches gewesen sei. "Wir sind uns alle wohl darin einig, was wir von den Ideen halten müssen", sagte Lippestad.

Der Anwalt hatte während des Prozesses stets kommuniziert, wie sehr ihn das ganze Geschehen psychisch anstrengt. Immer wieder berichtete er stolz von den positiven Briefen, die er von norwegischen Bürgern bekommt. "Die Tatsache, dass so viele Menschen darin übereinstimmen, im Falle Breivik die gesetzlichen Wege zu beschreiten, war für mich sehr inspirierend", hat Lippestad in einem Interview erklärt.

In dem Verfahren sind für Freitag noch abschließende Bemerkungen von Überlebenden der Anschläge in Oslo und auf Utøya vorgesehen. Dann erhält Breivik das Wort für eine Schlussbemerkung. Er hat dafür eine Stunde Redezeit verlangt. Das Urteil soll am 20. Juli oder 24. August verkündet werden.

Breivik hatte bei zwei Anschlägen 77 Menschen getötet. Zunächst zündete er eine Autobombe vor einem Regierungsgebäude in der Osloer Innenstadt. Dann tötete er auf der Fjordinsel Utøya 69 Menschen, die meisten waren jugendliche Teilnehmer eines sozialdemokratischen Sommerlagers. Der Massenmörder hat die Taten gestanden, zeigt aber keine Reue. Er rechtfertigt sein Verbrechen als Kampf gegen eine angeblich drohende "islamische Machtübernahme" in Norwegen.

Mitarbeit: Benjamin Schulz

Mit Material von dpa/AFP/AP



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Seite 1
theo-matthias 22.06.2012
1. Ich möchte hier nicht Richter sein!
Respekt für alle am Prozess beteiligten. Für das was geschehen ist, war der Prozess, sehr unaufgeregt. Ob das hätte in Deutschland so stattfinden können. Da war die norwegische Bevölkerung vorbildlich. Man kann sich da nur vor verneigen. Für mich Helden wie sie damit umgegangen sind. Auch wenn der Schmerz der Angehörigen noch sehr akut und gegenwärtig war so war es beeindruckend was sie im Prozess geleistet haben. Stark! Mögen sie dort zur ruhe kommen und ihren Frieden wiederfinden soweit das überhaupt möglich ist. Das sind so meine Gedanken heute.....
Steinwald 22.06.2012
2. Das
Freispruch? Das ist nur noch absurd.
LeoYear99 22.06.2012
3. Rechtsstaatsprinzip
Nunja, abgesehen davon, dass Sie mit Ihrer Aussage gleich eine ganze Berufsgruppe kollektiv beleidigen, haben Sie wohl noch nie etwas vom Rechtsstaatsprinzip gehört. Dies gilt zum Glück in Norwegen wie auch in Deutschland, deswegen wird auch hier jedem Täter (bei bestimmten "schwereren" Taten) ein Pflichtverteidiger beigeordnet. Dieser hat nicht dafür zu kämpfen, dass der Angeklagte nicht verurteilt wird, sondern dass rechtsstaatliche Prinzipien eingehalten werden.... Aber Ihnen wäre es wohl lieber wenn Leute wohl einfach abgeholt und ohne Prozess weggesperrt oder einfach an die nächste Wand gestellt werden, was?
johnbatz 22.06.2012
4. Verteidiger?
Was für eine Art Mensch muss man eigentlich sein um Anwalt zu werden? Ich würde eher kündigen und irgendeinen miesen Job machen als mich hinzustellen und soetwas zu fordern.
der_rookie 22.06.2012
5. Hm
Wie schimpfen über Banker die den Hals nicht voll genug bekommen, über rückgratslose Politiker, oder korrupte Fußballfunktionäre. Wie nennt man dann bitte einen Awalt, der für so eine Tat den Begriff Notwehr verwendet? "Unzurechungsfähig"?
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