Messer-Attentat Bestürzung über Mord an Frère Roger

Vertreter der christlichen Kirchen haben mit Entsetzen auf die Ermordung von Frère Roger reagiert. Der Gründer der ökumenischen Taizé-Gemeinde war gestern Abend in Frankreich erstochen worden. Die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Weltjugendtag in Köln werden dennoch nicht verstärkt.

Köln - Sicherheitschef Winrich Granitzka sagte, die Situation in Köln sei mit der in Frankreich nicht zu vergleichen. Während Frère Roger stets inmitten der Gläubigen, für jeden gut erreichbar und in einem dunklen Raum gebetet habe, werde Papst Benedikt XVI. sich in Köln in abgesperrten Sicherheitsbereichen bewegen, zu denen nur wenige überprüfte Personen Zugang hätten. Außerdem werde der Papst von Personenschützern seiner Schweizer Garde und des Bundeskriminalamtes bewacht.

Auch das Programm des Weltjugendtages wird nach dem Mord voraussichtlich nicht geändert. Eine Sprecherin sagte, es könne jedoch sein, dass es in der Kölner Kirche St. Agnes, in der die von Frère Roger gegründete ökumenische Gemeinschaft von Taizé zu Gast ist, besondere Gottesdienste geben werde. Ob es größere Gedenkgottesdienste geben werde, sei noch unklar.

Angriff beim Abendgebet

Der 90-jährige Frère Roger war gestern Abend beim Gebet in der ökumenischen Gemeinde im französischen Taizé von einer Frau niedergestochen worden und seinen Verletzungen kurz darauf erlegen. Auch zwei sofort herbeigeeilte Ärzte konnten den Geistlichen nicht mehr retten. Rogers Kehle sei durchschnitten worden, sagte Rogers Mitbruder und Augenzeuge Emile. 15 Minuten später sei Roger gestorben. Die französische Polizei teilte dagegen mit, Frère Roger sei sofort tot gewesen.

2500 Gläubige wurden Zeugen des Vorfalls. Einige der Kirchenbesucher konnten die Täterin überwältigen und bis zum Eintreffen der Polizei festhalten. Nach Angaben der französischen Polizei handelt es sich um eine 36-jährige Rumänin. Berichte, wonach die Täterin psychisch krank sein soll, wurden vom zuständigen Staatsanwalt in Frage gestellt. Die Frau sei jedenfalls "nicht so gestört, dass eine Unterbringung in der Psychiatrie gerechtfertigt wäre", sagte Staatsanwalt Jean-Louis Coste nach der Vernehmung der Frau. Das Motiv ist noch unklar.

Der Tod Rogers löste international Bestürzung aus. Weil sich Roger für die Versöhnung der Konfessionen stark gemacht und die erste ökumenische christliche Glaubensgemeinschaft gegründet hatte, genoss er weltweit hohes Ansehen.

Rogers Brief an den Papst

Er sei "sehr traurig", sagte Papst Benedikt XVI. während der Generalaudienz in seiner Sommerresidenz Castelgandolfo bei Rom. Gerade gestern habe er einen "bewegenden" Brief von Frère Roger erhalten, in dem dieser geschrieben habe, er sei mit ganzem Herzen mit dem Papst und allen Teilnehmern des Weltjugendtages in Köln. Er werde "im Geiste" in Köln anwesend sein, wohin er aus gesundheitlichen Gründen nicht werde fahren können, schrieb der Taizé-Gründer.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, zeigte sich "tief bestürzt". Die Bischofskonferenz verurteile "diese unbegreifliche Tat auf das schärfste", erklärte Lehmann in Bonn. Frère Roger habe ein Schicksal erlitten, "das uns an das gewaltsame Geschick Jesu und anderer Zeugen für ein gewaltfreies Leben der Menschen" wie Martin Luther King erinnere. Lehmann zeigte sich überzeugt, dass der Weltjugendtag in Köln in allen Gottesdiensten "für unseren großen Freund und Pionier einer geistlichen Ökumene" beten werde.

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, reagierte mit "fassungsloser Bestürzung und in persönlicher Betroffenheit" auf die Nachricht des Mordes. Roger sei "ein Mensch der Versöhnung, des Trostes und der Zuversicht aus dem Glauben" gewesen. Er habe unzählige insbesondere junge Menschen geprägt und sie eine geistige Heimat finden lassen. Sein Tod in den Tagen des Weltjugendtages zeichne diese Verbindung auf tragische Weise nach.

"Tiefe Erschütterung"

Der Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner, schrieb in einem Kondolenzschreiben an die Gemeinschaft, er habe die Nachricht mit tiefer Erschütterung aufgenommen. Die zum Weltjugendtag versammelten Jugendlichen aus 193 Ländern würden des Verstorbenen im Gebet gedenken. Der Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe, Prälat Karl Jüsten, sagte im ZDF, als Katholik sei es schwierig zu sagen, dass Roger ein Heiliger gewesen sei, aber vielleicht würden es die Evangelischen verstehen, wenn die Katholiken ihn als einen solchen verehrten. Jüsten sagte, die Taizé-Bewegung habe die katholische und die evangelische Kirche wie kaum eine andere geprägt. Eine solche Spiritualität sterbe nicht mit dem Tod eines Menschen.

Auch Frankreichs Ministerpräsident Dominique de Villepin erklärte, er sei über die Bluttat tief betroffen. "Frère Roger wird uns als prägende Figur unserer Religionsgeschichte in Erinnerung bleiben", erklärte der Premierminister in Paris. Roger habe mit Taizé eine ökumenische Bewegung geschaffen, die Menschen in aller Welt begeistere. Die französische Regierung versichere der Gemeinschaft und allen ihren Anhängern ihre Solidarität und Anteilnahme "während dieser Prüfung", sagte Villepin.

Roger Louis Schutz-Marsauche wurde am 12. Mai 1915 als Sohn eines protestantischen Pfarrers in der Schweiz geboren, seine französische Mutter stammte aus Burgund. Er studierte Theologie in Lausanne und Straßburg und wurde als Pastor ordiniert. 1940 gründete er die ökumenische Gemeinschaft der Taizé-Brüder im ostfranzösischen Burgund. Während des Zweiten Weltkrieges nahm er dort auch zahlreiche Flüchtlinge und verfolgte Juden auf. Die Taizé-Bewegung ist vor allem bei jungen Christen aus aller Welt sehr beliebt. Ihr Anliegen ist es, die Spaltung der Christenheit zu überwinden. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. besuchte Taizé 1986. Zu den jährlichen Jugendtreffen der Gemeinschaft in Europa strömen Zehntausende. Das ganze Jahr über kommen Jugendgruppen nach Taizé.

Nachfolger bereits eingetroffen

Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Knuth Erbe, sagte im ZDF-"Morgenmagazin", der Geistliche sei eine der "sehr prägenden Persönlichkeiten" der Kirchen in den vergangenen Jahrzehnten gewesen. "Ich glaube, dass er fast in einer Linie steht mit Papst Johannes Paul II. und Mutter Teresa", sagte Erbe.

Inzwischen ist Rogers designierter Nachfolger in Taizé eingetroffen. Der in Deutschland geborene Frère Alois sei am Vormittag angekommen, teilte die Glaubensgemeinschaft mit. Er hatte zuvor am Weltjugendtag in Köln teilgenommen. Roger hatte Alois schon vor acht Jahren als Nachfolger bestimmt.

Der 51-jährige Alois wurde 1954 in Stuttgart geboren und nahm schon als Jugendlicher an Treffen der ökumenischen Begegnung teil. Vor 32 Jahren trat er der Bruderschaft bei, die zu einem mönchischen Leben verpflichtet. In den vergangenen Jahren organisierte er laut einem Taizé-Sprecher zahlreiche Jugendtreffen im Ausland, die mit als Anregung für den katholischen Weltjugendtag gelten. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs reiste er auch viel durch Osteuropa, um für die Idee einer die Glaubensrichtungen zusammenbringenden Bewegung zu werben. In der Gemeinschaft trägt Alois den Beinamen "der Erzengel".