Chemnitz-Prozess Zeuge der Messerattacke erkennt den Angeklagten nicht

Im Prozess um den Chemnitzer Messerangriff hat der erste von etwa 50 Zeugen ausgesagt. Er beschreibt, wie es zum Streit und schließlich zum Tod von Daniel Hillig kam.


Im Prozess um eine tödliche Messerstecherei hat ein erster Zeuge vor dem Landgericht Chemnitz ausgesagt. Der 38-jährige Dimitri M. konnte den Angeklagten allerdings anhand ihm vorgelegter Lichtbilder nicht als Täter identifizieren.

Die Anklage wirft dem Syrer Alaa S. vor, Ende August gemeinsam mit einem zweiten, flüchtigen Tatverdächtigen aus dem Irak den 35-jährigen Daniel Hillig erstochen zu haben. Staatsanwalt Stephan Butzkies sprach bei der Anklageverlesung von vier Stichen in den Brustkorb und einem Stich in den Unterarm. Daniel Hillig starb unmittelbar nach der Tat.

Bei seiner Aussage beschrieb Dimitri M. lediglich einen weiß gekleideten Mann, der auf den am Boden liegenden Daniel Hillig eingestochen habe. Ein zweiter Mann habe auf das Opfer eingeschlagen. "Ob mit oder ohne Messer, habe ich nicht gesehen." Zuvor seien "drei kleine Asylbewerber" auf die Gruppe um Dimitri M., die beim Chemnitzer Stadtfest am 26. August 2018 gefeiert hatte, zugekommen und hatten zunächst nach Zigaretten gefragt. Später sei ein Streit ausgebrochen.

Die Verteidigung des angeklagten Syrers hatte zum Prozessauftakt die Einstellung des Verfahrens gefordert. "Es mangelt an handfesten Beweisen", erklärten die Anwälte. Tatablauf, Tatbeteiligung und Motiv seien unklar.

Keine DNA von Alaa S. an der Tatwaffe

Anwalt Frank Drücke sprach von "eklatanten Ungereimtheiten" und "widersprüchlichen Zeugenaussagen". Zudem sei an der gefundenen mutmaßlichen Tatwaffe keine DNA von Alaa S. entdeckt worden. Die Verteidigung forderte die Aufhebung des Haftbefehls gegen den 23-Jährigen aufgrund des fehlenden dringenden Tatverdachts.

Der Angeklagte machte am ersten Prozesstag weder Angaben zur Sache noch zu seiner Person. Er nannte lediglich sein Geburtsdatum und seinen Beruf, er ist ausgebildeter Frisör.

Die beiden Tatverdächtigen sollen einen weiteren Mann durch einen Stich in den Rücken verletzt haben. Die Anklage wirft Alaa S. daher gemeinschaftlichen Totschlag sowie versuchten gemeinschaftlichen Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor.

Wie Dimitri M. treten auch die Mutter und die Schwester von Daniel Hillig als Nebenkläger auf. Beide verfolgten den Prozessauftakt im Gericht.

Noch vor der Anklageverlesung stellte S.s Anwältin Ricarda Lang einen Antrag, der auf eine mögliche Befangenheit der Richter abzielte. Konkret wollte die Verteidigung unter anderem wissen, ob die Berufs- und Laienrichter an Kundgebungen der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung oder anderer rechter Organisationen teilgenommen hätten und ob sie Sympathisanten beziehungsweise Mitglieder der AfD sind. Eine weitere Frage betraf die Einstellung zu Flüchtlingen.

Befangenheitsantrag zurückgestellt

Lang sagte zur Begründung, ihr Mandant müsse wissen, ob ihm die Richter "unbefangen gegenüberstehen". "Er entspricht dem erklärten Feindbild der Menschen, die die AfD und ähnliche Organisationen unterstützen", sagte Lang. Die Entscheidung über diesen Antrag stellte das Gericht zunächst ebenso zurück wie über die beantragte Einstellung des Verfahrens. (Alle Hintergründe zum Prozess erfahren Sie hier.)

Verhandelt wird im Oberlandesgericht in Dresden. Das Landgericht Chemnitz hatte dies mit dem großen öffentlichen Interesse und den Sicherheitsanforderungen begründet. Bislang sind Prozesstermine bis Ende Oktober anberaumt.

Die Gewalttat hatte in Chemnitz eine Reihe ausländerfeindlicher Demonstrationen und teils gewaltsame Ausschreitungen von Rechtsextremen ausgelöst, die bundesweit für Schlagzeilen sorgten. Auch die AfD und Pegida hatten versucht, den Fall für ihre politischen Zwecke zu missbrauchen.

Der Linken-Politiker und Sprecher des Bündnisses "Chemnitz nazifrei", Tim Detzner, hat eine klarere Haltung von Polizei und Staat gegenüber rechten Kräften in der Stadt gefordert. Vor der für Montag geplanten Beisetzung des Chemnitzer Ex-Stadionordners und Neonazis Thomas Haller sagte Detzner im Radioprogramm SWR Aktuell, bei vielen Verantwortlichen komme "immer wieder das Gefühl hoch, Chemnitz würde in eine negative Ecke gestellt".

"Genau dort liegt das Problem, denn Chemnitz hat nun mal gefestigte Nazi-Strukturen seit Jahren", sagte der Linken-Politiker. Die Stadt sei seit Jahrzehnten "das ruhige Hinterland für militante Neonazis, was auch die bundes- und europaweite Bekanntheit und Verankerung von Thomas Haller zeigt".

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Rechtsextremismus in Sachsen: Chaostage in Chemnitz

ala/dpa/AFP

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