Entführt, ermordet, verbrannt Staatsanwalt erklärt verschleppte mexikanische Studenten für tot

In Mexiko sind Dutzende Studenten für tot erklärt worden, die mutmaßlich von Kriminellen im Auftrag eines Bürgermeisters entführt und ermordet wurden. Die Hinterbliebenen sprechen von Vertuschung und fordern weitere Ermittlungen.
Eltern der ermordeten Studenten: "Glauben kein Wort von dem, was sie sagen"

Eltern der ermordeten Studenten: "Glauben kein Wort von dem, was sie sagen"

Foto: Sashenka Gutierrez/ dpa

Mexiko-Stadt - Vier Monate nach der Entführung Dutzender Studenten haben die mexikanischen Behörden die jungen Leute für tot erklärt.

"Die Beweise erlauben uns festzustellen, dass die Studenten entführt, getötet und verbrannt wurden", sagte Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam. "Das ist die Wahrheit. Daran gibt es keinen Zweifel." Während einer Pressekonferenz präsentierte Murillo Karam gerichtsmedizinische Ermittlungsergebnisse und referierte Zeugenaussagen. "Es war eine umfassende, profunde und ernsthafte Ermittlung, mit vielen Elementen", so der Staatsanwalt. Die Tatverdächtigen würden nun wegen Mordes angeklagt, versprach er.

Generalstaatsanwalt Murillo Karam: "profunde und ernsthafte Ermittlung"

Generalstaatsanwalt Murillo Karam: "profunde und ernsthafte Ermittlung"

Foto: Sashenka Gutierrez/ dpa

Für die Hinterbliebenen bleiben allerdings viele Fragen offen. Die Tat hatte die engen Verbindungen zwischen Politikern, Sicherheitskräften und dem organisierten Verbrechen in Mexiko offengelegt. Landesweit kam es zu Massenprotesten empörter Bürger.

Eltern und Verwandte der 43 Opfer reagierten dementsprechend empört auf die Entscheidung. "Wir glauben kein Wort von dem, was sie sagen", betonte Carmen Cruz, die Mutter des 19-jährigen Jorge, der unter den Verschwundenen war. "Wir werden es nicht zulassen, dass dieser Fall zu den Akten gelegt wird."

"Sie haben mehr oder weniger dieselbe Geschichte erzählt wie schon vor zwei Monaten, es gibt kaum zusätzliche Details", erklärte der Sicherheitsexperte Alejandro Hope vom Forschungszentrum Wilson Center. "Sie versuchen, das Ganze zu einem Ende zu bringen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihnen das gelingen wird."

Am 26. September hatten Polizisten in der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero 43 Studenten des linken Lehrerseminars Ayotzinapa entführt und sie der kriminellen Organisation Guerreros Unidos übergeben. Mehrere Bandenmitglieder räumten den Mord an den jungen Leuten ein. Ihre Leichen übergossen sie demnach auf einer Müllkippe mit Diesel und steckten sie in Brand.

Offenbar wollte der Bürgermeister von Iguala verhindern, dass die Studenten eine Rede seiner Frau störten. Das Paar soll enge Kontakte zum organisierten Verbrechen unterhalten haben. Die Guerreros Unidos wiederum sollen davon ausgegangen sein, dass unter den Studenten Anhänger der verfeindeten Bande Los Rojos waren.

Bislang wurden 99 Verdächtige festgenommen, darunter das Bürgermeisterehepaar von Iguala, Polizisten und mutmaßliche Bandenmitglieder.

Präsident Enrique Peña Nieto rief die Mexikaner auf, nach vorne zu schauen. "Es ist klar, dass die Regierung bei der Suche und den Ermittlungen beispiellose Anstrengungen unternommen hat", sagte der Staatschef. "Ich bin aber auch überzeugt, dass wir nicht in diesem Moment des Schmerzes verharren dürfen."

Felipe de la Cruz: Regierung will den Fall vom Tisch haben

Felipe de la Cruz: Regierung will den Fall vom Tisch haben

Foto: Sashenka Gutierrez/ dpa

Die Familien der Opfer allerdings zweifeln die bisherigen Ermittlungsergebnisse an. "Die Regierung will den Fall aus politischen Gründen schnell schließen, egal welchen Schmerz sie uns damit bereitet", sagte der Sprecher der Angehörigen, Felipe de la Cruz.

Der Anwalt der Angehörigen, Vidulfo Rosales, erklärte, es gebe noch immer zahlreiche Ungereimtheiten. Er kündigte eine Anzeige gegen die mexikanische Regierung vor dem Uno-Komitee gegen das Verschwindenlassen an. "Der Fall ist nicht ungewöhnlich, sondern typisch für Mexiko", sagte er.

Die Hinterbliebenen monierten, dass Zeugenaussagen von inhaftierten Tatverdächtigen wenig verlässlich seien, würden einige davon doch unter Anwendung von Folter erzwungen.

Anwalt Rosales kritisierte, dass weiterhin mehrere Hauptverdächtige flüchtig seien. Außerdem lägen zu wenige forensische Analysen vor. Bislang wurde erst eines der Opfer zweifelsfrei identifiziert. Im Gerichtsmedizinischen Institut in Innsbruck versuchen Wissenschaftler derzeit, die Identität weiterer Toter zu klären. Die Knochenreste sind allerdings stark verkohlt, was eine DNA-Analyse schwierig macht.

ala/Reuters/dpa
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