Umweltschützer in Mexiko Tödliche Liebe zum Schmetterling

Er setzte sich für bedrohte Monarchenfalter ein und brachte mächtige Landkartelle gegen sich auf: In Mexiko starb ein Ökoaktivist unter mysteriösen Umständen. War es Mord?
Aus Mexiko-Stadt berichtet Klaus Ehringfeld
Orange-schwarz-weiß gezeichnete Flügel: der Monarchfalter

Orange-schwarz-weiß gezeichnete Flügel: der Monarchfalter

Foto: PEDRO PARDO/ AFP

Wenn man Amado Gómez fragt, was mit seinem Bruder passiert sein könnte, dann sagt er trotz der Trauer fast abgeklärt: "Wir wissen es nicht, für uns ist sein Tod ein Rätsel." Homero Gómez, 50-jähriger Umwelt- und vor allem Schmetterlingsschützer, wurde Ende Januar tot in einem Landwirtschaftsbrunnen tief in den Wäldern des mexikanischen Bundesstaates Michoacán gefunden, nachdem er gut 14 Tage vorher als vermisst gemeldet worden war.

In einem Land wie Mexiko, das vom organisierten Verbrechen dominiert wird, ist in solchen Fällen die erste Frage: War das ein Unglück, wovon die Staatsanwaltschaft zunächst ausgeht? Oder steht der Tod von Homero Gómez in Zusammenhang mit seiner Passion für die Monarchfalter und seiner Mission als Umweltschützer?

Michoacán jedenfalls, das sich von der Pazifikküste bis an den Großraum von Mexiko-Stadt erstreckt, ist von der Gewalt der Kartelle besonders hart getroffen. 2019 gehörte der Bundesstaat mit offiziell 1500 Morden zu Mexikos Hotspots der Kartell-Kriminalität. Insgesamt wurden vergangenes Jahr im ganzen Land mindestens 35.588 Menschen getötet, so viele wie nie zuvor.

Kampf um das "grüne Gold"

Neben dem Drogengeschäft kämpft in Michoacán gleich ein halbes Dutzend großer Syndikate und kleiner Banden um Routen und Reviere für Waren wie Melonen, Zitronen und vor allem Avocados. Die Verbrecher erpressen die Bauern und kontrollieren den Anbau. Vor allem die Avocados werfen jedes Jahr enorme Gewinne ab. Mexiko ist der weltweit größte Exporteur des "grünen Golds", und der ganz überwiegende Teil der Frucht wird in Michoacán angebaut. Aber eben auch der illegale Holzhandel ist lukrativ.

Amado Gómez merkt man im Gespräch an, dass er sich vor Schuldzuweisungen hütet. Er wolle auf den Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft warten, bevor er sich äußert, sagt er, aber so viel sei sicher: "Mein Bruder hatte keine Feinde, er war sehr beliebt in unserem Dorf."

Trauerzug für einen Aktivisten (31. Januar): "Mein Bruder hatte keine Feinde, er war sehr beliebt in unserem Dorf"

Trauerzug für einen Aktivisten (31. Januar): "Mein Bruder hatte keine Feinde, er war sehr beliebt in unserem Dorf"

Foto: Rebecca Blackwell/ AP

Homero Gómez war sehr viel mehr als das. Er war weit über die Grenzen Mexikos bekannt. Denn er erklärte Touristen das Schauspiel der Schmetterlinge mit den orange-schwarz-weiß gezeichneten Flügeln, die jeden Winter Tausende Kilometer aus Nordamerika kommend zurücklegen, um in der "Reserva de la Biosfera Mariposa Monarca" 200 Kilometer westlich von Mexiko-Stadt zu überwintern und sich fortzupflanzen. Homero Gómez war der Herr der Monarchfalter.

Er war angesehen bei Umweltschutzorganisationen wie dem World Wildlife Fund WWF und der Unesco, weil er nicht nur das majestätische Naturschauspiel bekannt machte, sondern sich für den Erhalt der Wälder seiner Heimat und den Schutz der Umwelt stark machte. Dabei erhob er auch immer wieder seine Stimme gegen illegale Abholzung.

"Tod durch Ersticken"

Die Staatsanwaltschaft behauptet, der Tod des Umweltaktivisten sei ein Unfall gewesen. Der Obduktionsbericht konstatiert nüchtern: "Tod durch Ersticken", hält aber auch ein Schädeltrauma fest. "Ein Unglück ist auszuschließen. Homero kannte hier jedes Blatt und jeden Zweig", sagt der Bruder. Ein Gerichtsmediziner habe ihm inoffiziell gesagt, Gómez sei mit einem stumpfen Gegenstand vermutlich der Schädel zertrümmert worden.

Aktivisten, die Familie und auch die Menschenrechtskommission des Bundesstaates wollen wegen dieser Tatumstände nicht ausschließen, dass der Tod des Falter-Freundes im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen steht. Denn die Kartelle verdienen auch mit den Kiefern-, Tannen- und Steineichenwäldern sowie dem in Mexiko heimischen Oyamel-Bäumen gutes illegales Geld. 30 Prozent Michoacáns sind von Wald bedeckt. Ein Gutteil davon steht in dem Biosphärenreservat.

Waldhüter betonen, dass es in den vergangenen Jahren kaum noch Probleme mit dem illegalen Einschlag gegeben habe, auch weil Homero Gómez vor längerer Zeit massiv die Bevölkerung organisierte, um die Holzfäller zu vertreiben. Er sensibilisierte zudem die umliegenden Dörfer, überzeugte die Bauern, anstatt Mais lieber Kiefern und Oyamel anzupflanzen, er baute Waldhüter-Brigaden auf und setzte auf sanften Tourismus in dem Schutzgebiet, das seit 2008 Unesco-Weltkulturerbe ist.

"Aber es kann ja sein, dass die illegalen Holzfäller wieder reinwollen und meinen Vater ermordeten, um Angst und Schrecken zu verbreiten", sagt Homero Gómez junior. Der 19-Jährige sieht jedenfalls, dass seit dem Tod des Vaters Panik in seinem Heimatdorf Ocampo und der Umgebung herrscht. "Niemand geht nach Einbruch der Dunkelheit mehr vor die Tür. Selbst die Geschäfte schließen früher."

"Extrem verstörende Umstände"

Erst recht seit vor ein paar Tagen ein zweiter Schmetterlingsschützer und Touristenführer tot aufgefunden und offensichtlich ermordet wurde. Die Leiche von Raúl Hernández, 44, habe Wunden an unterschiedlichen Körperteilen aufgewiesen, darunter eine mit einem scharfen Gegenstand beigebrachte Kopfverletzung, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Die Unesco fordert daraufhin eine rasche Aufklärung der "extrem verstörenden Umstände", die den Tod von Hernández und Gómez begleiten.

Erst im Dezember konnte die Umweltstaatsanwaltschaft eine Gruppe Männer festnehmen, die im Biosphärenreservat illegal Holz schlug und gleich an Ort und Stelle weiterverarbeitete. Es seien ökologisch wichtige Waldgebiete nahe und in dem Reservat von dem Raub betroffen, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Wird jemals aufgeklärt, wie der Herr der Monarchfalter zu Tode kam? Die Statistik spricht dagegen. In Mexiko bleiben mehr als neun von zehn Gewaltverbrechen unaufgeklärt. Vorerst reiht sich der Schmetterlingsschützer in die traurige mexikanische Statistik ein: 2019 wurden zwölf Aktivisten und zehn Journalisten ermordet. Für keines der Verbrechen wurde ein Täter verurteilt.

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