Vermisste Studenten in Mexiko Die Wahrheit soll nicht ans Licht

Noch immer gibt es in dem Fall der 43 verschwundenen Studenten in Mexiko keine Gewissheit, was geschehen ist. Schuld daran ist laut den Sonderermittlern die Justiz - ihre Arbeit werde stark behindert.
Vermisste Studenten in Mexiko: Expertenkommission kritisiert Behinderung ihrer Arbeit

Vermisste Studenten in Mexiko: Expertenkommission kritisiert Behinderung ihrer Arbeit

Foto: EDGARD GARRIDO/ REUTERS

Fast anderthalb Jahre sind seit dem Verschwinden der 43 mexikanischen Studenten vergangenen. Es gab mehr als 100 Festnahmen, eine 2000 Seiten starke Ermittlungsakte, aber noch keine Verurteilten und keinerlei Gewissheit, was mit den jungen Männern in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 in der Stadt Iguala im Bundestaat Guerrero passiert ist.

Die unabhängige Expertenkommission GIEI zur Aufklärung des Verbrechens beklagt nun kurz vor Ende des Mandats die Behinderung ihrer Arbeit durch die mexikanische Justiz und ultrakonservative Gruppen im Land.

Die von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission beauftragten Experten kritisierten am Sonntag in Mexiko-Stadt "Hindernisse und Schwierigkeiten" bei ihrem Versuch, Licht ins Dunkel eines der fürchterlichsten Verbrechen in der jüngeren Geschichte Mexikos zu bringen.

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Die Staatsanwaltschaft treibe ein juristisches Verwirrspiel, öffne neue unnötige Ermittlungsstränge, verschleppe aber zugleich Anträge der Kommission GIEI. Zudem würde den Experten die Befragung von möglicherweise wichtigen Zeugen beim Militär versagt. Das alles führe dazu, dass die internationale Gruppe aus Juristen, Medizinern und Psychologen mit ihren Untersuchungen kaum vorankäme.

Schmutzkampagne gegen Menschenrechtsanwalt

Besonders gravierend sei zudem, dass der Menschenrechtsanwalt und die zwei Staatsanwältinnen im Team "diffamiert und persönlich angegriffen" würden. So hätte die mexikanische Nichtregierungsorganisation "Bürgerrat für öffentliche Sicherheit und Strafrecht" gegen die drei Juristen eine Schmutzkampagne angezettelt.

"Es gibt Sektoren in Mexiko, die versuchen, Verwirrung zu schaffen und unsere Arbeit zu blockieren", sagte der Spanier Carlos Beristain, Arzt und Mitglied des Expertenteams. "Mit den persönlichen Attacken und Diffamierungen soll verhindert werden, dass wir die Wahrheit ans Licht bringen". Beristain bedauerte ausdrücklich, dass die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto sich nicht zu der Schmutzkampagne äußere.

Die Kommission warnte, dass sich die Untersuchungen an einem "neuralgischen Punkt" befänden und sich nun entscheide, ob das Schicksal der 43 Vermissten aufgeklärt werden könne. Das zweite Mandat der GIEI endet am 30. April. Bis dahin wollen die fünf Juristen, Mediziner und Psychologen ihren Abschlussbericht vorstellen.

Was bisher bekannt ist

Sicher ist bislang lediglich, dass die Lehramtsstudenten der Landuniversität von Ayotzinapa in der 100.000-Einwohner-Stadt Iguala verschleppt und vermutlich ermordet wurden. Sie hatten dort mehrere Busse gekapert, mit denen sie nach Mexiko-Stadt zu einer Demonstration fahren wollten.

Eine Allianz aus lokaler Polizei und Schergen des örtlichen Drogenkartells "Guerreros Unidos" griff die jungen Männer an. Das Verbrechen hat wegen seiner Brutalität und den politischen Verwicklungen das ganze Land in Aufruhr versetzt und international Bestürzung ausgelöst: Es belegt erstmals, wie eng in einer der größten Demokratien der Welt organisiertes Verbrechen, Politik und Sicherheitskräfte zusammenarbeiten.

Wenige Monate nach der Tat präsentierte die mexikanische Justiz angeblich geständige Schuldige und eine Version der Tat, die der damalige Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam als "historische Wahrheit" bezeichnete. Demnach sollen die Jungen von Killern der "Guerreros Unidos" getötet und anschließend auf einer Müllhalde in Cocula, einem Nachbarort von Iguala verbrannt worden sein. Diese Version wurde sowohl von der GIEI als auch von den von Angehörigen der Opfer beauftragten argentinischen Rechtsmedizinern als unhaltbar verworfen.

Zeugen beim Militär können nicht befragt werden

Die GIEI-Experten bestehen nun darauf, Soldaten und Offiziere des in Iguala stationierten 27. Infanteriebataillons befragen zu dürfen. Sie wussten in der verhängnisvollen Nacht von den Vorkommnissen, waren vielleicht sogar beteiligt. In der offiziellen Ermittlungsakte tauchen die Militärs allerdings nicht auf. "Bei einem so gravierenden Fall von Verschwindenlassen kommt es auf alle verfügbaren Informationen an. Und die Soldaten sind wichtige Zeugen", betonte am Sonntag Francisco Cox, chilenischer Menschrechtsanwalt und GIEI-Mitglied. Aber Anträge auf Befragung der Soldaten werden immer wieder hinausgezögert.

Parallel dazu verschleppt die mexikanische Staatsanwaltschaft die Ermittlungen der GIEI zu einem fünften Bus, der in der Nacht vom 26. September 2014 von den Studenten gekapert wurde. Die Existenz dieses Fernbusses, der die Route von Iguala ins amerikanische Chicago bediente, wurde aus der offiziellen Ermittlungsakte getilgt.

Spur führt zu mysteriöser Fracht im Bus

In dem Bus befand sich möglicherweise eine wertvolle Ladung mit Heroin - was die Studenten nicht wussten. Daher setzten die Verbrecher und ihre Komplizen unter den Polizisten alles daran, die jungen Männer mit dem gekaperten Bus nicht nach Mexiko-Stadt entkommen zu lassen. Dieser Bus könnte der Grund sein, warum die Studenten sterben mussten.

Bereits im Dezember bat die Expertenkommission die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft ein Rechtshilfeersuchen an die Justiz von Chicago zu stellen, um Erkenntnisse zu den Drogentransporten zu gewinnen. Aber das Ersuchen leitete die Anklagebehörde erst zwei Monate später in die USA weiter.

Carlos Beristain, der Arzt in der Gruppe der Sonderermittler, umschrieb die Situation der GIEI und ihrer Arbeit in Mexiko mit einer medizinischen Metapher. "Unsere Arbeit ist wie eine Impfung, mit der wir das Land gegen die weit verbreitete Straflosigkeit immun machen können." Aber bestimmte Gruppen in Mexiko sähen das Tun der Experten mehr wie die eines "Fremdkörpers", der isoliert werden müsse.


Zusammengefasst: Noch immer ist unklar, was mit den 43 verschwundenen Studenten in Mexiko in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 geschah - und das obwohl Ende April der Abschlussbericht einer Expertenkommission vorgestellt werden soll. Die Sonderermittler beklagen nun, ihre Arbeit würde massiv behindert. Experten würden diffamiert, Zeugen beim Militär dürften nicht befragt werden und die Staatsanwaltschaft verschleppe mit Absicht Anträge.

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