Polizei und Drogenbanden Mexikos mörderische Allianz

Der Fall erschüttert Mexiko: 43 Studenten sollen im Bundesstaat Guerrero ermordet worden sein - mutmaßlich unter Mithilfe der örtlichen Polizei. Der Bürgermeister und sein Sicherheitschef sind untergetaucht.
Polizei und Drogenbanden: Mexikos mörderische Allianz

Polizei und Drogenbanden: Mexikos mörderische Allianz

Foto: YURI CORTEZ/ AFP

Am zehnten Tag meldete sich endlich der Präsident zu Wort. Enrique Peña Nieto trat am Montagvormittag eilig vor die Presse und forderte mit ernster Miene intensivere Ermittlungen in dem Fall, der seit Ende September selbst das an Gewalt gewöhnte Mexiko erschüttert: Das mysteriöse Verschwinden von 43 Studenten im Bundesstaat Guerrero sei "empörend, schmerzvoll und inakzeptabel", sagte der Staatschef. "Es darf keinen Raum für Straflosigkeit geben." Denn wenn sich bewahrheitet, was die Indizien nahelegen, bilden Drogenkartelle und lokale Polizisten in dem verarmten Bundesstaat eine mörderische Allianz, der die jungen Leute zum Opfer fielen.

Peña Nieto verabscheut derartige Auftritte. Er versucht seit seinem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren, das Gewaltthema aus den Medien zu verdrängen und Mexiko als ein reformfreudiges Paradies für Investoren darzustellen. Ein Land mit rosiger Zukunft, auf dem Sprung zu den großen Industrienationen. Tote Studenten, ermordet von Verbrecherbanden unter Mitwirkung lokaler Polizeikräfte, verbrannt und verscharrt - solche Fälle passen nicht ins Bild. Und so reagierte der Präsident erst, als es nicht mehr anders ging, als am Wochenende die Bilder der Massengräber nahe der Stadt Iguala um die Welt gingen, aus denen bisher 28 verkohlte Leichen geborgen wurden.

Noch am Montag beorderte Peña Nieto die Streitkräfte und die Bundespolizei in die 130.000-Einwohner-Stadt, rund 200 Kilometer südlich der Metropole Mexiko-Stadt. Die Gemeindepolizei wurde entwaffnet und die Beamten zum Verhör in Kasernen gebracht.

So soll endlich ein umfassendes Bild von dem Horror entstehen, der nur nach und nach an die Oberfläche kommt. Aber schon jetzt ist klar, dass die mutmaßliche Ermordung der 43 Studenten eines der fürchterlichsten Verbrechen im mexikanischen Drogenkrieg ist, vergleichbar mit der Hinrichtung von 72 Migranten im August 2010.

"Vereinigte Krieger" unter Verdacht

Nach den bisherigen Erkenntnissen fuhren am 26. September rund hundert Studenten der pädagogischen Hochschule von Ayotzinapa in das zwei Stunden entfernte Iguala, um Spenden zu sammeln. Das Lehrerseminar Ayotzinapa ist traditionell links orientiert und besonders aktiv bei politischen Protesten. Die meisten Hochschüler stammen aus einfachen Verhältnissen. Nach der Sammlung kaperten die zwischen 18 und 23 Jahren alten Studierenden drei Busse, weil sie damit zu einer Demonstration nach Mexiko-Stadt fahren wollten. Aber örtliche Polizisten versperrten den Bussen den Weg und eröffneten ohne Zögern das Feuer. An dem Überfall auf die Studenten beteiligten sich auch Männer in zivil, vermutlich Pistoleros der "Guerreros Unidos", einer örtlichen Splittergruppe des organisierten Verbrechens. Anschließend nahm die Polizei 43 Studenten fest und brachte sie auf Polizeireviere der Stadt.

Von dort wurden die Jugendlichen dann an Mitglieder der "Guerreros Unidos" übergeben. Die Mörder brachten ihre Opfer anschließend in den Weiler Pueblo Viejo außerhalb von Iguala, misshandelten einige und richteten mindestens 17 von ihnen hin. Danach warfen sie die Leichen in ein Massengrab, aufgeschichtet wie bei einem Lagerfeuer. Sie legten Äste und Baustämme darüber, übergossen diese mit Benzin und zündeten sie an. Der Tötungsbefehl kam offenbar vom Anführer der Verbrecherbande.

Diese Erkenntnisse stützen sich auf die Aussagen von zwei Kämpfern der "Guerreros Unidos" (Vereinigte Krieger), die am Wochenende gefasst wurden. Die Bande gilt als der bewaffnete Arm des Drogenkartells Beltrán Leyva, dessen Chef erst vergangene Woche gefasst wurde.

Warum die Studenten ihren Protest mit dem Leben bezahlten, ist unklar. Vermutlich bestand ihr Verbrechen darin, die organisierten Banden in Guerrero herausgefordert zu haben. Und die örtlichen Polizisten diente den Kriminellen als Erfüllungsgehilfe.

Guerrero gilt als einer der gefährlichsten Bundesstaaten

Schon vorher war bekannt, dass die Polizei in Iguala eng mit der organisierten Drogenkriminalität verfilzt ist. "Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen den staatlichen Institutionen und dem organisierten Verbrechen. Man kann sie nicht mehr auseinanderhalten", sagt Edgar Cortez vom Mexikanischen Institut für Menschenrechte und Demokratie (IMDHD). Mittlerweile wurden 22 Beamte festgenommen, der Bürgermeister von Iguala und sein Sicherheitschef sind untergetaucht.

Dass die Polizei in Mexiko die Gesetze nicht hochhält, prangerte jüngst schon die Menschenrechtsorganisation Amnesty International an. Festgenommene würden bei Verhören zum Teil systematisch gefoltert und bedroht. Menschenrechtsverletzungen seitens der Staatsorgane würden aber kaum geahndet, es herrsche weitgehende Straflosigkeit.

Besonders ausgeprägt sind diese Missstände in Guerrero: Der Bundesstaat, in dem auch der Pazifikbadeort Acapulco liegt, gilt als der gefährlichste Mexikos. Mit 62 Morden je 100.000 Einwohner liegt die Region noch weit vor den Rauschgifthochburgen im Norden des Landes. Der Staat liegt strategisch günstig zwischen Pazifikküste und der Hauptstadt und entlang der Schmuggelrouten in den Norden. Zudem bauen die Landwirte im Hinterland von Guerrero längst mehr Mohn als Mais an.

Nach seiner Wutrede am Montag ging Präsident Peña Nieto umgehend wieder angenehmeren Dingen nach. Er empfing das kaiserliche japanische Prinzenpaar Akishino mit protokollarischen Ehren. Schließlich ist Japan einer der wichtigsten Auslandsinvestoren in Mexiko.

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