Mexiko Schneekönigin hinter Gittern

Sie ist schön, charmant und sehr gefährlich: Die legendäre Kokain-Händlerin Sandra Ávila Beltrán ist von der mexikanischen Polizei verhaftet worden. Ehe sie sich abführen ließ, erbat sie von den Beamten einen ungestörten Augenblick - um sich zu schminken.

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Hamburg - Es gibt diesen Song, der seit wenigen Wochen in den mexikanischen Radio-Stationen zu hören sein soll, in etwa so häufig wie hierzulande die musikalischen Machwerke Dieter Bohlens. Die Formation "Tucanes de Tijuana" besingt darin - so berichten es mehrere internationale Zeitungen, unter anderem die "New York Times" und der "Guardian" - die Geburtstagsfeier eines Drogenbosses. Die Musiker schwärmen von der "wunderschönen Königin des Pazifik, einer sehr starken Frau und Schlüsselfigur des Geschäfts".

Sandra Avila Beltrán auf einem Polizeifoto: Geliebte des "Tigers"
AP/ Mexico's Federal Secretary of Public Safety

Sandra Avila Beltrán auf einem Polizeifoto: Geliebte des "Tigers"

Die melodische Hommage richtet sich an Sandra Avila Beltrán, deren Alter mal mit 44, mal mit 45, mal mit 46 Jahren angegeben wird. Die dunkelhaarige Dame und zweifache Mutter mit einem offenkundigen Faible für Haute Couture und gepanzerte Limousinen deutscher Hersteller gilt als legendäre Größe unter den Drogenhändlern Südamerikas - und kam bereits zu cineastischen Ehren. In dem Kinofilm "Traffic" des US-Regisseurs Steven Soderberg spielt Catherine Zeta-Jones eine Großdealerin, die Beltrán nachempfunden sein soll, wie die Zeitung "Le Monde" berichtet.

Seit drei Wochen sitzt Beltrán nunmehr im Frauengefängnis Santa Martha Acatitla in Mexiko-Stadt. Am 28. September, es war ein Freitag, stürmten 30 Beamte der mexikanischen Bundespolizei in ein Hauptstadt-Café und nahmen die brünette Schönheit fest.

Beltrán habe gelassen auf das Polizei-Aufgebot reagiert und die Beamten gefragt, ob sie sich noch schminken dürfe, ehe sie abgeführt werde, schreibt die "New York Times". Dem Wunsch sei entsprochen worden. Anschließend stöckelte Beltrán, die Haare kokett schüttelnd, am Arm eines Beamten von dannen, wie ein Polizei-Video der Zeitung zufolge zeigte.

Die Nichte des Paten

Nach den Erkenntnissen der Behörden und den Berichten der Blätter wurde Beltrán in das Milieu hineingeboren, in dem sie es im Lauf der Jahre zu großem Erfolg bringen sollte. Ihr Onkel ist Miguel Ángel Félix Gallardo, der Pate des mexikanischen Kokain-Business'. Wegen Mordes an einem US-Fahnder und Drogenhandels brummt Gallardo zurzeit eine langjährige Gefängnisstrafe ab.

Doch Beltrán verdankt ihren einzigartigen Aufstieg in dem knallharten Kokain-Geschäft nicht nur ihrer Herkunft: Mit Charme und Schönheit betörte die junge Frau mächtige Drogenbarone ebenso wie einflussreiche Polizisten. Zweimal war sie mit ranghohen mexikanischen Drogenfahndern verheiratet, doch beide Ehemänner wurden laut Zeitungsberichten von Auftragskillern erschossen.

Dauerhafter und auch einträglicher gestaltete sich offenbar die Liebesbeziehung Beltráns zu dem kolumbianischen Drogen-Boss Juan Diego Espinosa Ramirez, "der Tiger" genannt. Die Liaison katapultierte Beltrán in die Chefetage des südamerikanischen Kokain-Geschäfts. Gemeinsam wickelte das Paar laut "New York Times" in den neunziger Jahren große Schmuggelaktionen zwischen ihren jeweiligen Heimatländern ab - und verdiente Unsummen.

Glücksmoment und der Anfang vom Ende

Doch im Dezember 2001 musste das Duo einen herben Rückschlag hinnehmen. Die Behörden brachten den Fischkutter "Macel" auf - an Bord: mehr als neun Tonnen Koks im Wert von 80 Millionen US-Dollar. Sechs Monate vergingen, so wissen es die Zeitungen zu berichten, da wurde Beltráns Sohn von Unbekannten entführt. 17 Tage später und fünf Millionen US-Dollar ärmer konnte die Grand Dame des Kokshandels ihren Sprössling endlich wieder in die Arme schließen. Doch dieser Moment des Glücks sollte gleichzeitig den Sturz der Schneekönigin einleiten.

Die hohe Lösegeldsumme, die Beltrán innerhalb kurzer Zeit hatte aufbieten können, machte die Ermittler skeptisch. Rasch konnten sie ihr die geschäftliche Verbindung nach Kolumbien nachweisen, wie die "New York Times" erfuhr. Das war der Augenblick, in dem die schrille Dame der schlechten Gesellschaft, Sandra Avila Beltrán, plötzlich verschwand. Sie verwandelte sich in Daniela García Chávez, die unauffällig in einem Mittelklasse-Stadtteil des Molochs Mexiko-Stadt lebte. Jahrelang.

Erst als die US-Behörden, die ebenfalls mit einem Haftbefehl nach der Drogendiva suchten, den Druck auf die mexikanischen Fahnder erhöhten, nahm das angenehme Leben der Sandra Avila Beltrán alias Daniela García Chávez ein jähes Ende. Ihre Grandezza indes verlor sie auch nach ihrer Festnahme nicht. Bei einer Vernehmung durch mexikanische Polizeibeamte winkte sie laut "Guardian" demonstrativ gelangweilt ab: "Oh, ich bitte Sie, lesen Sie mir die Vorwürfe nicht noch einmal vor. Ich kenne sie auswendig."



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