Anklage zu MH17-Abschuss Am Ende ist Russland der Hauptverdächtige

Vier prorussische Rebellen sollen sich wegen des Abschusses von Flug MH17 vor Gericht verantworten - das fordert das internationale Ermittlerteam. Beteiligt war den Anklägern zufolge aber auch Moskaus Armee.
Wrack der Boeing 777 in der Ostukraine (2014): Wer ist verantwortlich?

Wrack der Boeing 777 in der Ostukraine (2014): Wer ist verantwortlich?

Foto: © MAXIM ZMEYEV / Reuters/ REUTERS

Igor Girkin, bekannter unter dem Pseudonym "Strelkow", gilt seit Jahren als verdächtig, für den Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs MH17 verantwortlich zu sein. Er führte als Armeechef die prorussischen Separatisten im Donbass. Damals, im Sommer 2014, starben alle 298 Menschen an Bord der Boeing 777, die meisten Opfer waren Niederländer.

Deshalb leitet die niederländische Staatsanwaltschaft die Arbeit eines internationalen Ermittlerteams - und dieses hat nun in Nieuwegein bei Utrecht den Verdacht ganz offiziell formuliert: Girkin und drei weitere prorussische Rebellen sollen sich wegen Mordes in 298 Fällen in Holland vor Gericht verantworten. Die Männer werden nun per internationalem Haftbefehl gesucht.

Der Termin für den Prozess steht fest: 9. März 2020. Völlig unklar ist hingegen, ob die Angeklagten, drei Russen und ein Ukrainer, dann auch im Gerichtssaal erscheinen werden. "Ich bin Realist und halte die Chance nicht für groß", sagt selbst der niederländische Staatsanwalt Fred Westerbeke. Man werde keine Auslieferungsanträge stellen, die seien nach den russischen und ukrainischen Gesetzen aussichtslos. Der Prozess kann jedoch auch in Abwesenheit der Angeklagten geführt werden.

Bericht der internationalen Ermittler in Nieuwegein: Vier Haftbefehle

Bericht der internationalen Ermittler in Nieuwegein: Vier Haftbefehle

Foto: JOHN THYS/ AFP

Der Verdächtige Girkin meldete sich kurz nach dem Bericht der Ermittler zu Wort: Er werde nicht vor Gericht erscheinen und dazu keine Kommentare geben, zitiert ihn die russische Agentur Interfax. "Ich kann nur sagen, dass die Miliz die Boeing nicht abgeschossen hat."

Es ist dieselbe knappe Formulierung, die Girkin seit Jahren benutzt, um seine Schuld abzustreiten - und sie lässt aufhorchen. Eigentlich würde man vom Ex-Chef der Separatistenarmee erwarten, dass er Russland entlastet und der Ukraine die Schuld am Abschuss zuweist - so wie es Moskau regelmäßig tut. Aber Girkin tut das nicht. Er beschränkt sich stets darauf, einzig die "Miliz" von Verantwortung freizusprechen, also die von ihm selbst kommandierte Rebellentruppe, nicht aber die reguläre russische Armee.

Die russische Armee aber war am Abschuss beteiligt - das sieht zumindest das internationale Ermittlungsteam JIT so. Flug MH17 nämlich wurde am 17. Juli 2014 auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine von einer Buk-Rakete der russischen 53. Flugabwehr-Brigade getroffen. Dieses Ermittlungsergebnis hat das JIT nun noch einmal bestätigt. Das heißt: Auch wenn die Ermittler jetzt in einem ersten Schritt Girkin und drei weitere prorussische Rebellen der "Volksrepublik Donezk" als Mitverantwortliche genannt haben - am Ende bleibt Russland selbst der Hauptverdächtige.

Im Video: Todesflug MH17 - Das Recherche-Puzzle (SPIEGEL TV vom 11.1.2015)

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Die russische Regierung allerdings weist weiterhin jede Schuld weit von sich. "Nur Mitleid" riefen die Aussagen der internationalen Untersuchungskommission in den Niederlanden hervor, hieß es aus dem russischen Außenministerium; es handle sich um "absolut unbegründete Anschuldigungen", "nicht ein einziger konkreter Beweis" sei vorgelegt worden. Ebenso wenig stimme der Vorwurf aus den Niederlanden, Russland wirke bei der Aufklärung nicht mit. "Alle zur Verfügung stehenden Daten" habe man übermittelt.

Wladimir Putins Sprecher Dmitrij Peskow hatte schon vorab Erwartungen gedämpft, indem er die internationale Untersuchungskommission kritisierte, die von fünf Staaten gebildet worden war. Russland habe ja "keine Gelegenheit gehabt, an der Untersuchung teilzunehmen", obwohl es "seit den ersten Tagen der Tragödie Initiative gezeigt habe".

So bleibt es dabei, dass die Konfliktparteien im Donbass sich weiter gegenseitig für den Abschuss der Passagiermaschine verantwortlich machen. Das westlich geführte Untersuchungsteam indes präsentierte weitere Indizien, die Russland belasten.

Die internationalen Ermittler bestätigten in ihrem Bericht nicht nur die russische Herkunft des Buk-Flugabwehrgeräts ein weiteres Mal. Sie veröffentlichten auch den angeblichen Mitschnitt eines Telefongesprächs, in dem der hohe Kremlbeamte Wladislaw Surkow zu hören sein soll. Eine Woche vor dem Abschuss stellt er dem "Premier" der "Volksrepublik Donezk" offenbar die Lieferung von militärischem Gerät in Aussicht und sagt, er habe sich selbst darum im Gespräch mit dem Verantwortlichen bemüht. Gerade Flugabwehrgeräte mit der nötigen trainierten Besatzung fehlten den Separatisten damals im Kampf gegen die ukrainische Armee.

Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, sagte der niederländische Staatsanwalt Westerbeke. Weitere Haftbefehle? Nicht ausgeschlossen.

Mit Material von dpa und AFP
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