Middelhoff-Beschwerde Schlafentzug in deutscher Haft - gibt es das wirklich?

Die Anwälte von Thomas Middelhoff behaupten: Ihr Mandant sei in der U-Haft alle 15 Minuten geweckt geworden. Folter? Tatsächlich ist diese Art der Überwachung in deutschen Gefängnissen üblich.

Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff (Archiv): Strenge Überwachung
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Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff (Archiv): Strenge Überwachung

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Es ist ein Absturz, wie es ihn in der deutschen Wirtschaft nur selten gab. Seit vier Monaten sitzt der einstige Top-Manager Thomas Middelhoff in Essen im Gefängnis. Eingesperrt auf ein paar Quadratmetern - nach Jahrzehnten in Luxusvillen mit Pferdestall und eigenem Kino. Wegen Untreue und Steuerhinterziehung verurteilte ihn das Landgericht Essen zu drei Jahren Haft. Obwohl sein Anwalt Revision eingelegt hat, sitzt der 61-Jährige im Gefängnis - wegen Fluchtgefahr.

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Erst kürzlich meldete er Privatinsolvenz an. Nach Informationen des SPIEGEL versuchte er offenbar vorher, Vermögen vor seinen Gläubigern zu retten.

Jetzt haben seine Anwälte laut "Bild am Sonntag" schwere Vorwürfe erhoben. Demnach konnte Middelhoff zu Beginn seiner Haft über 672 Stunden hinweg nicht schlafen. Das soll dem Bericht zufolge aus einer Haftbeschwerde hervorgehen. Über einen Monat lang soll Middelhoff tags und nachts alle 15 Minuten geweckt worden sein. "Von Mitte November bis Mitte Dezember wurde er in seiner Zelle ständig kontrolliert, weil die Essener Justiz eine Selbstmordgefahr sah", schreibt die "BamS" unter Berufung auf Middelhoffs Anwälte.

Die engmaschige Überwachung war bereits im Dezember bekannt geworden. Anstaltschef Alfred Doliwa räumte schon damals gegenüber der "Wirtschaftswoche" ein, dass Middelhoff wie jeder andere suizidgefährdete Häftling behandelt werde. "Wenn jemand alles zu verlieren droht, was er sich erarbeitet hat, ist das der typische Fall eines Bilanz-Selbstmordes", sagte er dem Magazin damals.

Die Anwälte des früheren Top-Managers legen laut "BamS" nun einen Zusammenhang zwischen der Überwachung und der Erkrankung Middelhoffs an der seltenen Autoimmunkrankheit Chilblain Lupus nahe.

Alle paar Minuten Licht an

Klar ist, dass eine derart strenge Überwachung für einen Häftling eine schwere Strapaze bedeutet. Sie ist unter der Überschrift "Besondere Sicherungsmaßnahmen" in Paragraf 42 des nordrhein-westfälischen Untersuchungshaftvollzugsgesetzes geregelt. Alle paar Minuten schaltet ein Gefängniswärter das Licht in der Zelle an und schaut durch den Spion in der Tür. Kann er kein Lebenszeichen erkennen - etwa dass sich der Brustkorb hebt und senkt -, geht er hinein und spricht den Häftling an, bis er reagiert.

Für die Leitungen von Haftanstalten ist Selbstmord ein großes Thema. Laut einer Studie des Kriminologischen Dienstes im Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzugs aus dem Jahr 2012 brachten sich zwischen 2000 und 2010 insgesamt 907 Häftlinge in Deutschland selbst um - 884 Männer und 23 Frauen. Viele von ihnen in den ersten drei Tagen, fast ein Drittel innerhalb des ersten Haftmonats.

"Das Leben des Gefangenen hat Vorrang", sagte nun auch JVA-Chef Doliwa der "BamS". "Was wäre denn passiert, wenn sich Herr Middelhoff etwas angetan hätte?", zitiert ihn die Zeitung weiter.

Tatsächlich ein Dilemma für die Haftanstalten. Denn wenn sich ein Häftling umbringt, ist die Frage nach mangelnder Aufsicht schnell da. Und für einen Außenstehenden sind Suizidabsichten nur schwer zu erkennen.

Der Statistik zufolge kommt es am häufigsten nachts zu Suiziden. Besonders gefährdet sind bereits verurteilte, verheiratete Männer. Beide Punkte treffen auf Middelhoff zu.

In manchen Justizvollzugsanstalten verbringen hochgradig suizidal eingeschätzte Neunankömmlinge die erste Zeit unter Video-Überwachung. Es gibt Versuche mit speziellen Seelsorge-Telefonen und Tests, in denen Häftlingen in der ersten Nacht erfahrene und geschulte Mithäftlinge an die Seite gestellt werden.

Aber ist das alles für den Fall Middelhoff relevant? Die Anwälte des einstigen Karstadt- und Arcandor-Chefs bezweifeln, dass ihr Mandant überhaupt selbstmordgefährdet war.

Die Haftleitung hat das offenbar anders gesehen.

insgesamt 235 Beiträge
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Seite 1
AndreHa 05.04.2015
1.
Sofort freilassen, diesen armen Kerl. Und großzügig entschädigen bitte!
indy555 05.04.2015
2.
Jedes noch so kleine Provinzkrankenhaus besitz autarke oder bereits vernetzte Pulsoximeter. Schon im Interesse des Häftlings, Schlaf zu bekommen, werden hier Sauerstoffsättigung und Puls ohne diese mittelalterlichen Methoden zufriedenstellend geprüft. Bitte umgehend umsetzen!!!
vertige 05.04.2015
3. Guantamano
jede 15 Minuten ein Licht einschalten... Ich wäre wahnsinnig geworden. Bin gesundheitlich angeschlagen. Überhaupt einzuschlafen ist für mich ein Problem. Deshalb kann ich schon mitfühlen. Das ist ein klarer Fall von Folter, meiner Ansicht nach. Ich denke, wenn der Mensch sterben will, soll man ihn nicht daran hintern - diese Freiheit soll man einfach haben.
rugall70 05.04.2015
4. Unglaublich! Und in höchstem Maße empörend!
Das kann doch unmöglich wahr sein! Häftlinge werden alle 15 Minuten geweckt, um zu sehen, ob sie noch atmen? Das ist in der Tat ganz unzweifelhaft schwere Folter und gehört sofort unter härtester Strafandrohung verboten. Wie kann ein Rechtsstaat derlei nicht nur dulden, sondern sogar anordnen? Ich finde das in höchstem Maße empörend. Das sind Überwachungsmethoden eines totalitären Polizeistaats! Und das Ganze bei Verdacht! Weil sich jemand umbringen KÖNNTE. Was bilden die Behörden sich hier eigentlich ein?! Wie ist das möglich, dass Menschen nicht sehen, dass man das nicht tun darf? Wer von denen, die das anordnen, würde einem geliebten, aber selbstmordgefährdeten Menschen so etwas antun? Das sollen sich alle Beteiligten mal fragen! Würden Sie ihre Frau monatelang dieser Folter aussetzen, wenn sie suizidgefährdet wäre? Das kann ich mir nicht vorstellen. Besonders beschämend: dass man nicht in der Lage ist, auf anderem Weg sicherzustellen, dass ein Mensch sich nicht umbringt. - Ich kann gar nicht sagen, wie empörend ich das finde.
Greggi 05.04.2015
5. Hätte da ...
schon ein paar Fragen an die JVA-Leitung. Ist das der erste Häftling mit suizidaler Absicht, der alle 15 Minuten kontrolliert wird? Die JVA ist nicht in der Lage, die Haftbedingungen so zu gestalten, dass kein Suizid möglich ist? Alles sehr, sehr merkwürdig. Auch wenn Herr M. (ehemals) das in einer Woche verdient hat, was der Anstaltsleiter in einem Jahr verdiente, sollte man sich zur Gleichbehandlung durchringen - auch wenn´s schwer fällt.
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