Fischer antwortet Fleischhauer Deutsche Türken Fremde

Eine brandneue Theorie über das Gutwillige und das Verrücktwerden: Über kleine Missverständnisse unter Kolumnisten.

Frau mit Kopftuch
Christian Thiel/ imago images

Frau mit Kopftuch

Eine Kolumne von


Spiegelung

Man sollte sich als Kolumnist aus den Texten von Kolumnistenkollegen heraushalten - schon aus dem schlichten Grund, dass man sich sonst die Themenfindung unangemessen leicht machen würde, was nach einer kurzen Phase des Wandels durch Annäherung unweigerlich dazu führen müsste, dass am Schluss alle nur noch über dasselbe Thema schreiben. Zwar ist der Hang zum Monothematischen eine Schwäche, derer sich viele Kolumnisten gegenseitig verdächtigen, ohne diesen Verdacht jemals gegen sich selbst zu hegen, aber eine monothematische Mannschaft von elf Freunden plus Trainer wäre mehr, als der Leser verkraften könnte.

Heute will ich einmal eine Ausnahme machen und auf die Kolumne "Wie man Menschen verrückt macht" des Kollegen Fleischhauer vom 2. Mai 2019 zu sprechen kommen. Sie befasste sich mit einem Buch der Kollegin Ferda Ataman ("Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!", S. Fischer Verlag 2019). Herrn Fleischhauer entfährt insoweit einleitend die Bemerkung, dass es Menschen gebe, die ihr Hobby zum Zentrum ihrer Arbeit machen, ihre "politischen Überzeugungen" oder ihre "Wahrnehmung der Welt".

Unter Umständen wäre es möglich, auch den Autor Fleischhauer einer oder zwei dieser Gruppen zuzuordnen; aber so meint er das vermutlich nicht.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:31 Uhr
Ohne Gewähr

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Ferda Ataman
Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!

Verlag:
S. FISCHER
Seiten:
208
Preis:
EUR 13,00

Sein Kolumnentext wendet sich vielmehr der Frage zu, wie die Schizophrenie, die gefühlte Überempfindlichkeit von Migrantenabkömmlingen und die Genervtheit normaler deutscher Rezipienten, also zum Beispiel eines SPIEGEL-Redakteurs, zusammenhängen. Die Assoziationskette geht kurz gefasst so:

(1) Fleischhauer leistete einst Zivildienst unter Verrückten.
(2) Verrückt wird man, so behauptete früher einmal der Anthropologe Bateson, durch paradoxe Kommunikation.
(3) Migranten und deren Abkömmlinge vom Stamm der Atamans kommunizieren mit normalen Deutschen paradox.
(4) So, sagt Fleischhauer, "macht man die gutwilligsten Menschen verrückt".

Bevor wir uns vorschnell an der Begeisterung über die Gutwilligkeit beteiligen oder in Sorge über die Gesundheit des Kolumnisten geraten, wollen wir noch einen Blick darauf werfen.

Gewissen

Es fängt damit an, dass Herr Fleischhauer, wie er schreibt, zu einem Jahrgang gehört, für den es "selbstverständlich (war), den Wehrdienst zu verweigern". Dies soll zur Notwendigkeit geführt haben, sich vor einem Prüfungsausschuss fiktive Argumente auszudenken, weil die wahren Gründe zur Anerkennung nicht hätten reichen dürfen. Der Perspektivenwechsel, der sich hinter dieser Beschreibung verbirgt, erklärt sich vermutlich weniger aus der Sache selbst als aus dem Alter (57) des Protagonisten: Schon zu Zeiten Diederich Heßlings stieg der Wehrwille des deutschen Mannes mit der Entfernung vom Felde; ich kann diese Tendenz aus eigener Anschauung bestätigen.

Die Sache heißt "Kriegsdienstverweigerung" und steht (noch immer) in Artikel 4 Abs. 3 Satz 1 des Grundgesetzes. Herr Fleischhauer, geboren 1962, rutschte 1980 in den Fokus der Wehrerfassung. Da lag die Zahl der KDV-Anträge vergleichsweise niedrig (53.000; zum Vergleich: in den Jahren 2002 bis 2012 betrug sie durchschnittlich 120.000); von 1,2 Millionen im Jahr 1962 geborenen deutschen Knaben stellten also später nur 4,6 Prozent einen KDV-Antrag. Dies kann man nicht "mein Jahrgang" nennen; die Verweigerung war also keineswegs "selbstverständlich". Hieraus folgt erneut dreierlei:

  • Kriegsdienstverweigerung war 1980 keine Modeerscheinung.
  • Falls Herr F. mit "Jahrgang" die Kumpels aus seiner Hamburger Abiturklasse meint, deutet er die eigene Müslischüssel als Hirnschale des Riesen Ymir.
  • Herr F. täuschte dem Ausschuss Gründe vor, die von 95 Prozent seiner Alterskohorte jedenfalls nicht offensiv geteilt wurden.

Dies nachträglich als Anpassung an eine angebliche "Selbstverständlichkeit" zu deuten, ist entweder falsch oder unterkomplex, könnte aber - siehe oben - Hobby, politischer Überzeugung oder Weltwahrnehmung entspringen. Solche Neudeutungen sind eine bekanntlich nicht nur unter Linken durchaus verbreitete menschliche Schwäche beim Betrachten der eigenen biografischen Himmelsbahn.

Kriegsdienstverweigerung hat mit der Weigerung, sich zu wehren oder Nothilfe zu leisten, nichts zu tun, sondern mit dem gewissensgestützten Unwillen, auf Befehl und zu Zwecken, die man weder gutheißt noch mitbestimmt, Massenvernichtungswaffen auf möglichst große Ansammlungen von Menschen zu schießen, die man nicht kennt. Insoweit liegt das Beispiel "Frau und Kind vor vergewaltigenden/mordenden Russen beschützen" nicht ganz auf Kurs. Vorsitzende von Prüfungsausschüssen, die so doof waren, die Witzfrage zu stellen, ob der Antragsteller notfalls seine Freundin vor einem Russen zu beschützen bereit sei, waren 1980 schon eine senile Minderheit.

Verrückt

Damit sind wir bei der Psychiatrie angelangt, in deren weiterem Umfeld sich die fleischhauersche Gewissensdarstellung abspielte: unter Schizophrenen und Bipolaren, oder, wie er formuliert, Verrückten: "Im Zivildienst war ich anderthalb Jahre in der Psychiatrie." Die Verrücktheit bemächtigt sich ihrer Objekte, so berichtet F., der Theorie von der "Doppelbindung" zufolge als Auswirkung einer widersprüchlichen Kommunikation. An dieser Stelle folgt - Schritt (4) der obigen Assoziationskette - ein etwas komplizierter Kunstsprung vom gesunden Verrücktenbetreuer des Jahres 1980 zum verrückten Türkenbetreuer des Jahres 2019. Der von Immigranten und ihren Abkömmlingen neuerdings verrückt Gemachte, also der "gutwilligste Mensch" - womit, wenn wir uns nicht sehr irren, der Kriegsdienstverweigerer F. selbst gemeint ist - war, als er im Jahr 1980 Betreuer ihrerseits gutwilliger, durch ambivalent kommunizierende Mütter verrückt gewordener Psychiatriepatienten war, noch ganz gesund. 39 Jahre später nun wähnt er sich in einem wehrlos ungeformten Zustand von Gutwilligkeit und dieserhalb der Gefahr des Verrücktwerdens durch unerfüllbar widersprüchliche Forderungen von Migrantensprösslingen ausgesetzt:

Der ihn bedrohende Wahnsinn sickert aus dem Kommunikationsverhalten von Immigranten und deren Abkömmlingen. Ferda Ataman aus Nürnberg hat Eltern aus der Türkei und sendet, so Fleischhauer, beispielhaft verstörende, bipolare Signale zwischen Sehnsucht und Beschuldigung aus: Interessiere Dich für mich, aber frage mich nicht dauernd, woher meine Vorfahren kommen! Ataman hat, so lesen wir, "sogar" einen Verein gegründet, dessen Gegenstand migrantische Identität ist, und repräsentiert somit nach Fleischhauers Beobachtung "eine ganze Generation von Migranten", die sich "hingebungsvoll mit der eigenen Herkunftsgeschichte beschäftigt".

Es darf nun, wenn ein SPIEGEL-Redakteur schreibt, jemand befasse sich "hingebungsvoll" mit etwas, der erfahrene Leser vermuten, dass es sich um einen engagierten Versuch handelt, die betreffende Person lächerlich erscheinen zu lassen. Denn obwohl das Hingebungsvolle an sich eine schöne Charaktervariante ist, sind echte Journalisten, so lautet deren Theorie über sich, allenfalls der Leidenschaft, nie aber der Hingebung zugeneigt. Anders lässt sich ein Nannen-Preis auch gar nicht erringen! Der eigenen Identität gewidmete literarische Hingebungen sollten sich daher auf personenbezogene Themen wie Kindheit, Jugend und Scheidung beschränken.

Das Problem, das ich mit der Fleischhauer-These habe, betrifft weniger die emotionale Zerrissenheit selbst. Solche Krisen kommen bekanntlich im Leben selbst des gutwilligsten Mannes vor, lange nachdem er die Mutter/Sohn-Versuchsanordnung verlassen und sich in die Geborgenheit partnerschaftlicher Beziehungsgespräche begeben hat: An der Bipolarität des feministischen Wunsches nach einem Alphamännchen als beste Freundin ist schon so mancher Hamburger Abiturient zerbrochen.

Natürlich könnte Geisteskrankheit von Gutwilligen auch daher rühren, gleichzeitig das christliche Menschenbild preisen und schwarze Kinder massenhaft verhungern oder ersaufen lassen zu wollen; oder aus der Forderung, unermesslichen Reichtum und Macht von wenigen als Garantie für Wohlstand und Selbstbestimmung aller auszugeben; oder aus dem Unterfangen, sich die Wahlsondersendungen von Tina Hassel und Jörg Schönenborn am Abend der Bundestagswahl 2164 vorzustellen. All diese Herausforderungen aber lassen, soweit aus den Selbstbeschreibungen ersichtlich, den Geisteszustand des Gutwilligen nicht nur unbehelligt, sondern schärfen noch dessen Kraft zur Synthese.

Viel spricht dafür, dass es schon der theoretischen Grundlage ein wenig an Erhellungskraft fehlt. Die genannte Theorie von der "Doppelbindung", formuliert 1951, gilt den Kundigen als ungefähr so bewiesen wie der Zusammenhang von Chemtrails und Abiturdurchschnitt. Das könnte uns Vernünftigen eigentlich egal sein; allerdings wird auch die widerlegteste und verrückteste Theorie bedenklich, wenn sie geglaubt oder zumindest angewendet wird. Man findet dies bestätigt, wenn man eine kleine Auswahl von derzeit populären Theorien betrachtet, die zum Zusammenhang zwischen Deutschsein und Nichtdeutschsein vertreten werden.

Fremd

An dieser Stelle nun muss ich autobiografisch abschweifen. Ich gehöre dem Jahrgang 1953 und einer Bevölkerungsgruppe an, welcher das Fremde, das Kriegerische, das Flüchtlingshafte und das paradox Kommunikative noch deutlich näher war als den Hamburger Abiturienten von 1980. Damit soll nicht behauptet sein, ich sei ein Kriegskind: Die Leiden meines Jahrgangs waren nicht die Steckrübe, die Brotsuppe und die Luftmine, sondern die Buttercremetorte und die Behauptung derjenigen, die das Unanständigste der Welt getan hatten, sie seien dabei immer anständig geblieben. 1968, als der junge Herr Fleischhauer eingeschult wurde, erschienen immerhin schon das sog. "White Album" von den Beatles und "Beggars Banquet" von den Rolling Stones, wovon das erste "Happiness is a warm gun" enthielt und das zweite "Sympathy for the Devil". Zwei Jahre zuvor war Ludwig Erhard, Erfinder der formierten Gesellschaft, von KGK abgelöst worden, Spezialist für Kommunikation.

Mein Vater war zunächst 20 Jahre lang Österreich-Ungar und dann 20 Jahre lang Tscheche, wurde 1938 ins Große-Ganze heimgeführt und kam nach dessen Misslingen mit einem Pappkarton aus Böhmen, der so genannten Heimat, ins neue kleine Vaterland im Lennetal. In meinem Geburtsjahr 1953 war Theodor Oberländer, Teilnehmer am Hitlerputsch 1923, Bundesminister "für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte"; ihm folgte 1960 der Herr von Merkatz, Monarchist, Deutschnationaler und "Entnazifizierungs"-Gegner aus Pommern.

Bis in die Siebzigerjahre prägten Landsmannschaften und Verbände der "Vertriebenen" die westdeutsche Politik. Sie forderten, man solle sie nicht länger als Fremde verachten, sondern ihnen und ihren Kindeskindern Ausgleiche gewähren für den Verlust der alten Heimat und die Beschwernisse der neuen. Noch 22 Jahre nach dem Tod Herbert Czajas halten die Enkel der Heimatlosen die alten Tänze und Landgüter in Ehren, zeitweise angeführt von Erika Steinbach, die eine "original Vertriebene" genannt werden möchte, weil ihr Vater aus Hanau und ihre Mutter aus Bremen ins besetzte Polen kommandiert wurden, wo Klein-Erika im Jahr 1943 das helle Licht der frisch eroberten Heimat erblickte, aus welcher sie sodann im Jahr 1945 vertrieben wurde.

Ich mag solche Geschichten schon deshalb, weil ich als "Flüchtling" erzogen wurde, obgleich ich im Sauerland geboren bin und dort bis 1970 verblieb. Bis zum Tod meines Vaters 1967 galt: "Wir sind Flüchtlinge", was für endlose Befassung mit Identität, Selbstbehauptung, Beweisen-Müssen und Verstoßensein ausreichte. Nachdem man schrecklich unter den undankbaren "Tschuschen" hatte leiden müssen, die einem die Heimat erst neideten und dann raubten, wurde in der Ersatzheimat, bevölkert von Hinterwäldlern, welche die Namen Brüx und Teplitz-Schönau nie gehört hatten, jede der Familie zustoßende Schwierigkeit dem "Flüchtlings"-Status zugeordnet, was gelegentlich überinterpretiert, meist aber zutreffend war. Richtig gute Wurst jedenfalls gab es daher nur beim Flüchtlings-Metzger, Kartoffeln beim Flüchtlings-Bauern, Schwarzarbeit vom Flüchtlings-Maurer. Die Verwandten und Freunde waren Flüchtlinge. Sonntags kamen Flüchtlinge zu Besuch und schauten Fotos aus der Heimat an. Gekocht wurde böhmisch, und Nachhilfestunden in Französisch erteilte mir eine ostpreußische Adlige. Draußen ersannen rotbackige Sauerländer regnerische Intrigen, um Flüchtlinge nicht hochkommen zu lassen. Zu der Zeit, als Herr Fleischhauer die Krabbelgruppe besuchte, fuhr ich mit meinem Vater zum Sudetentreffen.

Trotz alledem sollte man mich heute nicht auf jeder Party fragen, wie ich die knedlíky am liebsten mag oder ob Konrad Henlein zuerst Gauleiter und dann SS-Obergruppenführer wurde oder umgekehrt.

Mit dem Fremdsein kenne ich mich daher ein wenig aus. Es ist nicht stets schön, aber auch nicht immer fürchterlich. Manche suchen es, manche müssen es; viele schöpfen Kraft daraus, andere leiden. Den meisten Nichtfremden bleibt es, aus Borniertheit, Neigung oder Hobby, unerklärlich. Fremdsein heißt Mutigsein-Müssen oder -Wollen; zwischen beidem besteht bekanntlich ein großer Unterschied. Viele Fremde waren nicht mächtig in ihrer Heimat, oft aber mutig und innovativ. Wer aus Zwang in die Fremde geworfen wird, bleibt dort oft furchtsam und klein.

Hätte es die Vorfahren des Kolumnisten Fleischhauer einst von Hamburg nach Konstantinopel verschlagen, würde er heute dort vielleicht einem "Original deutschen Shanty-Verein" angehören. Er wäre gewiss genervt davon, bei jedem Abendessen mit Kollegen gefragt zu werden, wie er den deutschen Völkermord an den Nama beurteile, oder ausschließlich zu Talkshows mit dem Thema" Wie unverschämt sind die deutschen Touristen in Antalya?" eingeladen zu werden. Ähnlich geht es nach 150 Jahren den Abkömmlingen von Migranten aus Irland, Schweden, Italien oder Deutschland in den Welten ihrer neuen Heimaten.

Wir sind von hier

Insgesamt also: Wenn hier überhaupt jemand Anlass hat verrückt zu werden, dann vielleicht der deutsche Böhme, der deutsche Türke, der deutsche Buddhist oder der deutsche Jude. Der deutsche Hamburger des Jahrgangs 1962 muss sich vor dem Wahnsinn nicht fürchten. Das Maß an Sehnsucht nach der Einheit des Nichtfremden, welches er aufbringen muss, um sich als verfolgtes Opfer bipolarer migrantischer Botschaften zu verstehen, mag anstrengend sein. Es ist aber nicht schlimmer als, sagen wir, für den Münchner der Anblick eines Hamburgers, der Weißwurst mit dem Löffel isst und dabei in gepflegtem Starnbergerisch von den verkannten Vorzügen des Matjes berichtet.



insgesamt 417 Beiträge
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bukowski1920 10.05.2019
1. Ich hoffe inständig....,
dass die Kolumnen des Herrn Fischer nie zu Spiegel+ wandern, wäre doch dann der Punkt erreicht, an dem ich erstmals in meinem Leben Geld für eine Onlinezeitung ausgeben würde.
DietrichHorstmann 10.05.2019
2. Ein Genuß inhaltlich und stilistisch
werde ich gleich mit meinen Verwandten teilen. Die Opferrolle als Machtinstrument von F. und der Flüchtlinge in den Herkunftsmilieus und politisch mit den jeweils Herrschenden und z. T. ehemaligen Tätern. Gelungene Entmytholgisierung der konservativen Mentalität von F.
bobjesse 10.05.2019
3. Danke Fleischhauer!
Ich mag ihn nicht und hab mir abgewöhnt seine Kollumne zu lesen. Immer besserwissend und arrogant im Ton was er als klug und notwendige Meinung verkauft. Nur diesmal bin ich ihm zum Dank verpflichtet. Er hat Thomas Fischer zu einem Artikel von höchster Qualität und Inhalt inspiriert. Dass hat mich an die gute alte SPIEGEL Zeit erinnert, wo solche Texte nicht "selten" waren. Bravo!
chiemseecorsar 10.05.2019
4. Yippieejyeah!
Fischer schreibt Fleischi aus dem Spiegel-Kosmos. Chapeau, die Doppelbindungsthese in derart zynischer Form dem Herrn aus Fischkopfhausen in sein - zugegeben - schwächelndes Schandmaul zu stopfen. Und - sind wir nicht alle immer irgendwo Fremde? Nur eines, Herr Fischer, das mit der Böhmischen Küche hätten Sie sich wahrlich sparen können, damit großgeworden läuft mir jetzt gedächtnisbedingt in unerträglicher Weise das Wasser im Mund zusammen. Mohnbaben, Enten, Topinky, Serviettenknödl ... mußte das sein? OneWorldNoBorder
dasfred 10.05.2019
5. Einfach köstlich Herr Fischer
Ihre heutige Kolumne enthält so viele Punkte, die bei mir Erinnerungen wecken und ist gleichzeitig wieder äußerst kurzweilig formuliert. Ich gehöre zum selben Jahrgang wie Herr Fleischhauer und bin nicht allzuweit von ihm aufgewachsen. Ich erinnere mich allerdings, dass die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer damals meist nur auf Anhieb gelang, wenn man nachweislich seit Jahren in der kirchlichen Jugend aktiv war. Andere hatten es schon schwerer. Allerdings war es nicht so kompliziert, als untauglich ausgemustert zu werden. Mir half ein kleiner Sehfehler und ein Attest eines Augenarztes, der im Auftrag für das Kreiswehrersatzamt Gutachten schrieb. In meinem Fall hatte ich den selben Sehfehler, wie sein ein Jahr jüngerer Sohn. Da wurde das Gutachten entsprechend dramatisiert. Zum Thema Flüchtlinge. Ich erinnere mich, dass in den sechziger und siebziger Jahren viele neue Wohngebiete Straßennamen mit Städten aus der "alten Heimat" erhielten. Viele Flüchtlinge waren noch nach Jahrzehnten an ihrem Dialekt zu erkennen und ein Freund meinte noch vor zwanzig Jahren, also zehn Jahre nach der Wiedervereinigung, seine Eltern werden auf dem Dorf von den alten Bauern noch heute zu den Flüchtlingen gezählt, obwohl sie schon dort geboren sind. Vor diesem Hintergrund habe ich mich immer gefragt, wie man von Migranten vollständige Integration verlangen kann, wenn man schon seine Ostverwandtschaft nach sechzig Jahren immer noch gesondert betrachtet. Meine Vorfahren siedeln seit Jahrhunderten hier in Norddeutschland. Allerdings, da viele Schiffer und Kapitäne, sowie Bauingenieure dazwischen waren, wurden die großen Vermögen, die vor der Inflation zusammengetragen wurden vor allem im Ausland verdient. Von daher gab es in unsrer Familie weniger Berührungsängste mit Menschen aus fremden Kulturkreisen. Ich wurde danach erzogen, Menschen nach ihrem persönlichen Charakter und nicht nach ihrer Herkunft zu beurteilen, weil sowohl Reichtum kommt und geht, als auch die Menschen nicht alle aus Lebzeiten sesshaft bleiben müssen. Zu Herrn Fleischhauer möchte ich mich weiter nicht äußern, dass haben Sie wunderbar dargestellt.
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