"Milliarden-Mike" Bräunen statt schmoren

Er ist seit fast einer Woche auf der Flucht: Der Hamburger Betrüger "Milliarden-Mike" riss aus, ehe er in die Sicherungsverwahrung überstellt werden konnte. Jetzt wartet er im Ausland darauf, dass ihm ein Freifahrtschein nach Hause beschert wird.

Flüchtiger Peter Mike Wappler: "Das kann ich nur empfehlen"
Polizeidirektion Lübeck

Flüchtiger Peter Mike Wappler: "Das kann ich nur empfehlen"

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Straßburg/Hamburg - Der Anruf kommt am frühen Morgen, eine heisere Stimme, es hallt in der Leitung: "Hallo, hier ist Mike!"

Peter Mike Wappler, genannt "Milliarden-Mike", ist ein Hamburger Betrüger, mehr als 18 Jahre seines Lebens saß er im Gefängnis. Vor einer Woche türmte er dann während eines Grillfests seiner Schwester in Lübeck. "Ich bin einfach zur Haustür raus." Er sei nicht gefesselt gewesen - und die beiden Beamten, die ihn eigentlich bewachen sollten, hätten im Garten gegessen.

Die Justizbehörde bestreitet das.

"Ich sehe nicht ein, dass ich noch länger schmoren soll", empört sich Wappler, 54, gegenüber SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Ich bin kein Vergewaltiger oder Kinderschänder." Er habe seine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel vollständig verbüßt und sei - "das ist eine Premiere in Deutschland" - erst dann geflohen, als er die Sicherungsverwahrung hätte antreten sollen. "Das kann ich nur empfehlen", witzelt er.

Erst mal abwarten

Wegen seiner kriminellen Energie und der nicht gezeigten Reue hatten die Richter bei Wapplers bislang letzter Verurteilung 2004 die Sicherungsverwahrung verhängt. Demnach wäre "Milliarden-Mike" erst freigekommen, wenn ein Gutachter festgestellt hätte, dass er sich grundlegend gebessert hat. Und das hätte - auch nach seiner eigenen Einschätzung - durchaus dauern können.

Im Ausland wolle Wappler nun abwarten, dass die Straßburger Richter die deutschen Regelungen zur Sicherungsverwahrung kippten, und dann nach Hamburg zurückkehren. "So lange erhole ich mich von dem ganzen Stress", sagt er am Telefon und behauptet: "Hier sind es 25 Grad und das Meer ist nicht weit."

Aller Voraussicht nach bleibt "Milliarden-Mike" zum Bräunen auch noch genügend Zeit.

An diesem Donnerstag nämlich hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) befunden, dass die Sicherungsverwahrung gewöhnlicher Straftäter nicht generell gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt. Der EGMR wies die Beschwerde des mehrfach vorbestraften deutschen Einbrechers Ekkehard G. ab, der seine inzwischen acht Jahre währende Sicherungsverwahrung als Verstoß gegen das Recht auf Freiheit und Sicherheit betrachtet.

"Keine andere Möglichkeit"

Die deutschen Gerichte hätten in diesem Fall "keine andere Möglichkeit als die Sicherungsverwahrung gehabt, um G. daran zu hindern, Straftaten zu wiederholen", hieß es in der Urteilsbegründung. Es handelt sich jedoch nicht um ein endgültiges Urteil des EGMR. Die betroffenen Parteien können Berufung dagegen beantragen, der Anwalt des Klägers kündigte das bereits an.

Dennoch - und darin liegt vielleicht auch eine Chance für "Milliarden-Mike" - kritisierte die Kammer, dass Sicherungsverwahrte in Deutschland nicht anders behandelt würden als Langzeithäftlinge. Insbesondere gebe es keine Angebote, die darauf abzielten, ihre Gefährlichkeit zu reduzieren. Offenbar hatte die Politik bei allem Law-and-Order-Ehrgeiz auf die Ausgestaltung der unbegrenzten Gefangenschaft keine besondere Mühe verwendet.

Obwohl die Zahl etwa der Sexualstraftaten rückläufig ist, sind die Gesetze für Mehrfachtäter in den vergangenen Jahren immer wieder verschärft worden. Vor knapp zehn Jahren erlaubte die rot-grüne Regierung den Gerichten, auch noch während der Haft eine Sicherungsverwahrung anzuordnen. Zuvor hatte ein Maskenmörder im Fasching eine Zwölfjährige umgebracht.

Die Große Koalition führte die Sicherungsverwahrung dann auch für Schwerverbrecher ein, die nach dem Jugendstrafrecht verurteilt worden waren. Die Verschärfung war eine Reaktion auf die Tat eines 28-Jährigen, der in München einen neun Jahre alten Jungen mit einer Plastiktüte erstickt hatte. Der Mörder war einige Monate zuvor aus der Haft entlassen worden. Als Heranwachsender hatte er einen Jungen mit 70 Messerstichen getötet.

Die Sicherungsverwahrung traf den Zeitgeist. Eine Untersuchung der Universität Bochum aus dem Jahr 2008 zeigte, dass die Gerichte sie mittlerweile fast maßlos angeordnet hatten: Seit 1990 war die Zahl der Inhaftierten um 140 Prozent gestiegen.

Öffentliche Erregung

Dem EGMR ging das zu weit. Im Dezember 2009 entschieden die Straßburger Richter in einem Fall, die Bundesrepublik dürfe den zu Unrecht Verwahrten nicht weiter festhalten. Es sei unzulässig, Strafgesetze rückwirkend zu erlassen, denn im Vollzugsalltag werde nicht zwischen Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten unterschieden.

Die öffentliche Aufregung war groß, als im Sommer die ersten Straftäter freikamen. Man sah, wie manche Männer von Fotografen und Journalisten gejagt wurden, man sah überforderte Politiker, hilflose Richter und Staatsanwälte - und Mütter mit Pappschildern, die um das Leben ihrer Kinder bangten, nachdem ein verurteilter Triebtäter in die Nachbarschaft gezogen war.

In manchen Städten taten Zivilfahnder wochenlang nichts anderes, als hinter einem entlassenen Sexualstraftäter herzulaufen: Drogenverkäufe, Autoaufbrüche, Straßengewalt - das zu bekämpfen, blieb den Nichtuniformierten keine Zeit. "Wir machen hier bloß noch Babysitting", klagte ein Beamter.

Inzwischen sind in Deutschland etwa 20 Kriminelle aus der Sicherungsverwahrung entlassen worden, weit mehr als hundert könnten noch folgen. Verhindern lässt sich das wohl nicht mehr.

Mit einer Gesetzesreform will die Regierung die beanstandete nachträgliche Verhängung der "Maßregel zur Besserung und Sicherung" abschaffen. Auch soll die Maßnahme in Zukunft nur noch für gemeingefährliche Schwerverbrecher gelten. Darauf hat sich das Kabinett am Mittwoch verständigt.

"Milliarden-Mike" hofft auf eine für ihn günstige Regelung und träumt weiter von der Freiheit - in Freiheit.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
ykarsunke 21.10.2010
1. der mann...
...hat recht. mich macht die ganze geschichte mit der "sicherheitsverwahrung" fassungslos: solange in der praxis kein oder kaum ein unterschied zwischen "verwahrung" und normalem knast besteht, kann man ebenso gut die festgelegten hoechststrafmasse abschaffen.
atomkraftwerk, 21.10.2010
2. .
Hm, Sicherheitsverwahrung für einen "Betrüger", komisch nur daß andere vom gleichen Schlag vor Gericht noch ein paar Millionen Euro zugesprochen bekommen nachdem sie ganze Konzerne gegen die Wand gefahren haben. Hauptsache Vergewaltiger, Kinderschänder und Triebtäter laufen frei herum, weil sie ja ungefährlich sind, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,724083,00.html
pierrotlalune, 21.10.2010
3. gleiches Recht für alle
Ich habe den Artikel gelesen, und wundere mich über das Strassburger Urteil. Dementsprechend müsste es aber auch dann möglich sein, Banker die dem Volk geschadet haben, und dies auch weiterhin tun, das gleich Recht zukommen lassen. Sicherheitsverwahrung für gierige die der Volkswirtschaft schädigen. Wäre eine gesund Massnahme und gerecht, da Räuber ja so bestraft werden können. Dann sollte man überlegen Politiker mit zu integrieren in das Programm. Ich wette, dass es besser werden könnte, weil sich dann die Profilierungssüchtigen sich rar machen würden. Gleiches Recht für alle.
autocrator 21.10.2010
4. i.m.h.o. animal farm
Zitat von pierrotlaluneIch habe den Artikel gelesen, und wundere mich über das Strassburger Urteil. Dementsprechend müsste es aber auch dann möglich sein, Banker die dem Volk geschadet haben, und dies auch weiterhin tun, das gleich Recht zukommen lassen. Sicherheitsverwahrung für gierige die der Volkswirtschaft schädigen. Wäre eine gesund Massnahme und gerecht, da Räuber ja so bestraft werden können. Dann sollte man überlegen Politiker mit zu integrieren in das Programm. Ich wette, dass es besser werden könnte, weil sich dann die Profilierungssüchtigen sich rar machen würden. Gleiches Recht für alle.
Lesen Sie animal farm. Es gibt immer welche, die "gleicher" sind.
Münchner-Kindl 21.10.2010
5. ...
Zitat von atomkraftwerkHm, Sicherheitsverwahrung für einen "Betrüger", komisch nur daß andere vom gleichen Schlag vor Gericht noch ein paar Millionen Euro zugesprochen bekommen nachdem sie ganze Konzerne gegen die Wand gefahren haben. Hauptsache Vergewaltiger, Kinderschänder und Triebtäter laufen frei herum, weil sie ja ungefährlich sind, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,724083,00.html
was sollen eigentlich beiträge dieser art? diese argumenation ist einfach nur für den a.... böse politiker dürfen machen was sie wollen, kinderschänder laufen frei herum usw. am besten nehmen uns noch böse ausländer die arbeitsplätze weg und die welt ist ja sowieso schlecht. klar ist auch das deutsche rechtssystem nicht perfekt aber ziel der legislative ist es sicher nicht kinderschänder zu schützen oder ähnliches!
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