"Milliarden-Mike" in Freiheit "Jeder gute Betrüger bunkert"

Mehr als 18 Jahre seines Lebens saß "Milliarden-Mike" hinter Gittern. Jetzt ist der berühmt-berüchtigte Hamburger Betrüger wieder auf freiem Fuß, entlassen aus der Sicherungsverwahrung. Die Freiheit genießt er in vollen Zügen - und gibt sich geläutert. Ein Besuch.

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Hamburg - In einem Motel in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs hält Peter Wappler Hof. An der Wand glüht ein digitales Kaminfeuer, die Sessel in der Lobby leuchten so himmelblau wie die Blusen der Empfangsdamen. "Milliarden-Mike?" Die Mädchen an der Rezeption kichern unsicher. Nein, man könne ihn nicht auf seinem Zimmer anrufen, da gebe es kein Telefon.

Ist auch nicht nötig, denn da kommt er schon - der vielleicht berühmteste Betrüger der Hansestadt. "Tach", sagt er und reicht dem Besucher freundlich seine unerwartet warme, weiche Hand. Schick hat sich der 55-Jährige gemacht: Zum Nadelstreifen-Maßanzug trägt ein zartrosa Hemd und die unvermeidliche Sonnenbrille, das feine Deckhaar ist vollendet nach oben gefönt - "topp" oder "1A" würde er selbst das wohl nennen.

Anfang März wurde der Mann mit dem gekauften Titel "Ernst-August-Mike Baron von Wappler", besser bekannt als "Milliarden-Mike", aus der Sicherungsverwahrung in der JVA Fuhlsbüttel entlassen. Mehr als 18 Jahre seines Lebens hat der Gauner hinter Gittern verbracht, saß zuletzt sechs Jahre wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Hehlerei in "Santa Fu", wie der Hamburger Knast umgangssprachlich heißt.

Die Sicherungsverwahrung hatten die Richter des Oberlandesgerichts Hamburg bei seiner Verurteilung 2004 verhängt, weil sie ihn als besonders renitent und rückfallgefährdet einstuften. "Total ungerecht", wie der Verurteilte seinerzeit befand.

"Sie können sich vorstellen, dass die Richter Sicherungsverwahrung bei einem Betrüger wirklich nur dann verhängen, wenn sie echte Bedenken haben", sagt der ehemalige Anstaltsleiter der JVA Fühlsbüttel, Jobst Pönighausen, der sich gut an Wappler erinnert. Man habe damals drei solcher Kandidaten gehabt, "allesamt so richtige Knaller".

"Achtung, Bombe an Bord!"

Kurz vor Ablauf der regulären Strafe, den Übergang in die Sicherungsverwahrung vor Augen, sorgte "Milliarden-Mike" im Oktober 2010 für Aufsehen: Zu Besuch bei seiner Halbschwester in Lübeck entkam er während des Freigangs durch ein Toilettenfenster - da servierte die Dame des Hauses den begleitenden Beamten gerade Grillwürste.

Mike hatte Zeit sich nach Portugal abzusetzen, von wo aus er via "Bild" die deutschen Behörden aufforderte, seine Sicherungsverwahrung aufzuheben. Dann würde er sich sogar stellen. Niemand ging auf den Vorschlag ein. Wappler wurde Wochen später von der portugiesischen Polizei in Faro aufgespürt und nach Deutschland ausgeliefert.

Auf dem Rückflug habe er noch "ein bisschen Geld" ausgeben wollen, erzählt er heute, in der Lobby sitzend. Die Polizisten hätten ihn ermahnt, dass die 6000 Euro in seiner Tasche konfisziert seien. "Dann schrei ich jetzt 'Bombe an Bord'", habe er daraufhin gedroht. Die Beamten seien "geschockt" gewesen und hätten ihm erlaubt, für 1000 Euro Parfum für seine Verlobte zu kaufen.

Das sind die Geschichten, die Wappler erzählt. Ob sie stimmen, weiß niemand so recht.

Gute Geschichten. Von einem Erzähler, der gelernt hat, wie weit er mit Schmeicheleien kommt. Der immer wieder zustimmend "Ja, genau" und "Das ist richtig" sagt, die Fragen seines Gegenübers als Bestätigung wiederholt, und damit ein kleines, vertrautes Echo produziert, das Nähe schafft.

Am vergangenen Donnerstag - Wappler war gerade dabei, mit Boulevard-Reportern seine zukünftige Medienstrategie zu besprechen - wurde er urplötzlich und eine Woche zu früh aus dem Knast zurück ins wahre Leben katapultiert.

Wie fühlt sich die Freiheit an, nach all den Jahren? "Sehr gut", sagt Wappler, der sich am Wochenende erstmal in Timmendorfer Strand an der Ostsee von seiner anstrengenden Pressearbeit erholte.

"Ich bin viel auf Partys eingeladen bei Kollegen, aber ich sag auch einigen ab, vor allem denen, die sich die letzten Jahre nicht haben blicken lassen." Strafe muss halt sein. So treue Seelen wie Kumpel Fritz Forster - laut Eigenwerbung "patentierter Blondinenflüsterer" und Bordellbesitzer aus Lübeck - seien eben rar gesät. Die erste Pressekonferenz nach seiner Freilassung hat Wappler noch im exquisiten Marriott-Hotel gehalten. Jetzt hat er sich für 69 Euro pro Nacht in ein Motel eingemietet. "Was soll ich so viel Geld ausgeben", sagt er. "Hier ist es doch auch nett."

Ist das noch der alte "Milliarden-Mike"? Der Boxer und Börsenspekulant, Restpostenhändler, Model-Agentur-Besitzer und Brillanten-Rolex-Träger, der Typ, der Ben Becker, die Klitschkos und Dariusz Michalczewski kennt, der für Hunderttausende Euro nicht existierende Diamanten vertickte, der einst mit Scheinen um sich warf?

"Immer ein paar Zehntausend in der Tasche"

"Geld ist genug da", sagt Wappler mit Nachdruck.

Echtes oder Blüten? Jetzt ist Mike beleidigt. "Ich gehe nie mit weniger als 30.000 auf die Straße", mosert er und holt zum Beweis ein dickes Bündel 500-Euro-Scheine aus seiner Jackentasche. Das macht er oft und gern, die Geste ist so eine Art Leitmotiv in seinem Leben, ein Running Gag, der zeigt, wie wichtig ihm der Mammon ist.

"Jeder gute Betrüger bunkert", betont Wappler. "Jeder weiß, irgendwann bis du weg, das ist nur eine Frage der Zeit." Wenn man heute eine Million bekomme, müsse man die Hälfte davon auf die hohe Kante legen. Es sei eine "Horrorvision", aus dem Knast zu kommen, keinen Cent in der Tasche zu haben und zum Sozialamt gehen zu müssen.

Tatsächlich scheint der Gefängnisaufenthalt diesmal Spuren hinterlassen zu haben. "Es war beschissen. Die erste Haft ist mir leichter gefallen, aber ich bin älter geworden." Mit 55 Jahren falle jeder Tag im Knast schwer, die Zeit laufe einem langsam davon. Ob er Probleme gehabt habe, sich durchzusetzen? "Nein, ich war Profiboxer, die hatten alle Respekt vor mir, egal ob Beamte oder Mitgefangene." Das gelte für Italiener ("gut organisiert") und Russen ("zuverlässig, ganz gerade Jungs"), definitiv aber nicht für Albaner und Türken ("können sich nicht anpassen").

Er vermisse seinen Kumpel, Ronald Miehling, den "Schneekönig", wie sie ihn wegen seines einst prosperierenden Kokainhandels nennen. Er ist Protagonist des gleichnamigen Buches und wird vermutlich noch Jahre in "Santa Fu" bleiben müssen, wenn auch demnächst als Freigänger.

Wapplers Berater, "Universum"-Ringsprecher Gerhard Müller aus Hamburg, bezeichnet Mike als ausgezeichneten Verkäufer, der gut mit Menschen umgehen könne und "Kontakte ohne Ende" habe: "Leider hat er seine Talente nicht immer vernünftig eingesetzt." Das soll sich jetzt ändern. Gemeinsam wollen die beiden im Ausland einen Profi-Box-Stall aufbauen. "Wir sind mit mehreren potentiellen Partnern im Gespräch", so der Agenturinhaber vage.

"Die Leute sind so dumm, die glauben einfach alles"

Ist das Business in Deutschland also gestorben? "Viele finden meine Geschichte witzig und lachen über mich, aber ich gelte hier als Betrüger", sagt Mike. "Ich hab' hier keine Chance mehr."

Ein gefährlicher Krimineller also? "Wir sind alle kriminell. Der eine betrügt seine Frau, der andere seinen Arbeitgeber oder das Finanzamt. Ich tu' ein bisschen mehr betrügen", so die Selbsteinschätzung des überführten Ganoven. Wenn er wollte, könne er noch heute eine Million verdienen - als Anlageberater, natürlich. "Die Leute sind ja immer noch so dumm, die glauben einfach alles. Dabei sollten sie ihr Geld lieber zu Hause lassen oder auf die Bank bringen." Ihm selbst habe die Finanzkrise nichts anhaben können: "Alles im Schließfach."

Ob er gedenke, rückfällig zu werden? "Nein, ich bin zu alt für solche Spiele", lenkt er ein. "Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, würde ich vielleicht noch mal ein Ding starten, aber so …"

Für ihn sei immer nur das "Kribbeln" ausschlaggebend gewesen, das gute Gefühl, "Leute zu bescheißen, die meinen, sie sind schlauer als ich", betont Wappler und setzt auf die Robin-Hood-Karte: "Ich hab' ja keine kleinen Leute betrogen, sondern immer nur Reiche, für die zwei Millionen nur Peanuts waren."

So einiges kommt dem Ex-Knasti draußen eigentümlich vor. Zum Beispiel die Unterstützung für den wegen der Plagiatsaffäre zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. "Der Mann ist kein Doktor, er hat betrogen", wettert Wappler. "Was er gemacht hat, ist vorsätzliche Urkundenfälschung, für die Leute wie ich sofort wieder ins Gefängnis gehen würden. Aber für den gehen die Menschen sogar auf die Straße."

Nach dem Gespräch im Motel steigt Wappler in einen schwarzen Kleinwagen. An der Windschutzscheibe klebt ein Strafzettel, den seine Begleiterin wutentbrannt unter dem Scheibenwischer hervorzieht. "Milliarden-Mike" schmeißt entnervt den Motor an. Ein bisschen ist er zum 69-Euro-Peter geworden.



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