Millionen-Entschädigung Der Wert des Lebens

Seit einem Autounfall ist ihre Tochter Sarah ein schwerer Pflegefall. Brigitte T. fordert nun die Rekordsumme von 4,4 Millionen Euro Schadensersatz - von einem Versicherungskonzern, bei dem sie selbst beschäftigt ist.


Hamburg - Der Winter in Hamburg ist meist grau und nass. Wie gut haben es da diejenigen, die in den warmen Süden flüchten können? So dachte auch Brigitte T., als sie vor vier Jahren kurz vor Weihnachten in ihrem Büro bei der Volksfürsorge-Versicherung saß. Dann nahm sie ihr Handy und schrieb eine SMS an ihre Tochter. Die war gerade mit ihrem Mann und ihrem neun Monate alten Sohn im Auto unterwegs nach Italien. "Wie weit seid ihr schon?", wollte sie wissen.

Die prompte Antwort verwirrte die Versicherungsmitarbeiterin einen Moment, dann wurde ihr plötzlich klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. "Hospital Roverto", stand auf dem Display, dahinter eine italienische Telefonnummer. Die Nachricht, stellte sich bald heraus, hatte eine Krankenschwester eingetippt. Brigitte T.s Tochter Sarah kämpfte zu der Zeit um ihr Leben, lag im künstlichen Koma.

Auf der Brenner-Autobahn, in der Nähe von Roverto, war ihr Ehemann von der Fahrbahn abgekommen. Das Auto raste in die Leitplanke, und Sarah T. und ihr neun Monate alter Sohn flogen aus dem Fahrzeug auf die Straße. Ihr Mann und das Kind blieben weitgehend unverletzt, doch die damals 19-Jährige trug mehrere Knochenbrüche und schwere Hirnschäden davon. Seither ist sie ein Pflegefall, muss rund um die Uhr betreut werden. Sarah T. sitzt im Rollstuhl, kann sich nur mit Lauten und Gebärden verständigen.

Der Unfall hat nicht nur das Leben der jungen Blondine und ihrer kleinen Familie zerstört. Er ist auch eine unerträgliche Last für ihre Mutter. Seit vier Jahren kümmert sich die kleine, schwarzhaarige Frau nun um ihre Tochter und ist auch ihre rechtliche Betreuerin.

Zu dem alltäglichen Leid kommt aber noch ein fortwährender Streit mit der Haftpflichtversicherung um eine angemessene Entschädigung. Die 52-Jährige hatte die Police selber abgeschlossen - bei dem Konzern, dem sie vertraute: Der Volksfürsorge, seit über drei Jahrzehnten ihr eigener Arbeitgeber.

Pro Monat zahlt die Versicherung dem Opfer bisher 500 Euro

Inzwischen befassen sich nicht nur Anwälte mit der Auseinandersetzung, der Rechtsstreit liegt beim Landgericht Hamburg. Dabei bestreitet die Versicherung, die vom Konzern Generali übernommen wurde, keineswegs, dass sie für die Unfallfolgen haften muss, auch wenn der Verursacher Sarahs Mann war. 375.000 Euro hat sie für Schmerzensgeld und Pflege bezahlt. Außerdem überweist sie pro Monat 500 Euro an das Opfer.

Sarah und ihre Mutter hingegen wollen keine lebenslange Minirente. Sie fordern eine Entschädigung auf einen Schlag: 4,4 Millionen Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz soll die Versicherung zahlen, eine für Deutschland außergewöhnlich hohe Summe.

Vor der zweiten Zivilkammer des Landgerichts Hamburg geht es deshalb um die grundsätzliche Frage: Hat ein Unfallopfer Anspruch auf eine Kapitalleistung statt auf eine Rente? Und: Wie viel ist ein zerstörtes Leben in Deutschland wert? Rechtlich erscheint die Situation eindeutig: Kapitalentschädigung gibt es nur aus einen wichtigen Grund, sagt der Gesetzgeber - und will damit Opfer praktisch vor sich selber schützen: Niemand soll die hohen Zahlungen verprassen und hinterher mittellos dastehen.

Aber gilt das auch, wenn jemand einen Schlussstrich ziehen oder eine neue Existenz aufbauen will? Oder schützt der Paragraph nur die Bilanzen der Konzerne?

Eigentlich war Sarah T.s Wohnung ideal für eine kleine, junge Familie. Erster Stock, zweieinhalb Zimmer, freundliche Farben. An den Wänden hängen Zeichnung, die die junge Frau einst selbst gezeichnet hat.

Heute freilich ist die gemütliche Bleibe eine Art Falle für die 23-Jährige geworden. Für Pfleger und Betreuer fehlt Platz, die Treppe hinunter zur Straße muss sie getragen werden. "Sarah muss hier dringend raus", sagt ihre Mutter, "aber dafür braucht sie Geld." Und auch bei teuren Therapien wolle sie nicht immer auf jeden Cent achten müssen.

Generali: Sarah ist ein "bedauernswerter Personenschaden"

In der Praxis werden heute die meisten Entschädigungsfälle tatsächlich ohnehin mit Abfindungen beendet, sagen Experten. Allerdings kommt es dabei in der Regel zu einem Vergleich - bei dem die Versicherungen die Konditionen bestimmen.

So sollte es auch im Fall von Sarah T. laufen. Eine Million Euro bot das Unternehmen als Einmalzahlung an. Doch als die Familie über die Summe verhandeln wollte, lehnte die Versicherung weitere Gespräche ab. "Dass sich meine Firma so verhält, hätte ich nie gedacht", sagt Brigitte T. entsetzt.

Für ihren Anwalt, den Versicherungsfachmann Jürgen Hennemann aus Buchholz bei Hamburg, hingegen zeigt der Umgang "exemplarisch den unerträglichen Umgang von Versicherungen mit ihren schwerstgeschädigten Opfern". Die würden so lange "mürbe" gemacht, bis sie auf die Konditionen der Konzerne eingehen.

Generali-Sprecher Michael Segal bemüht sich hingegen, die Angelegenheit herunterzuspielen. Es stehe außer Zweifel, dass es sich um einen "äußerst bedauernswerten Personenschaden" handele. Die "Auffassungen" seien aber derart unterschiedlich, das dieser Fall nur vor Gericht geklärt werden könne.

Dort gibt es Hoffnung für die Kläger. Bereits im November hat das Landgericht Sarah T. Prozesskostenhilfe bewilligt. Es bestehe "hinreichend Aussicht auf Erfolg", ihre Forderungen durchzusetzen, urteilte es. Die vorgetragenen Gründe könnten dazu führen, einen "Kapitalisierungsanspruch" zu bejahen.

Und auch mit einem anderen Einwand der Versicherung räumten die Juristen auf. Der Konzern hatte nämlich argumentiert, die Frau sei womöglich nicht angeschnallt gewesen, als sie aus dem Auto geschleudert wurde. Deshalb treffe sie eine Mitschuld. Dies aber, fanden die Richter nun, könne die Versicherung wohl kaum beweisen.

Trotz dieser guten Nachricht sind Brigitte T. die Mühen der Auseinandersetzung deutlich anzusehen. Im Gesicht hat sie tiefe Falten, unter den Augen dunkle Ränder: "Ich liebe meine Arbeit", sagt sie, "und bin immer gerne ins Büro gegangen. Aber es fällt mir zunehmend schwerer, je öfter ich daran denke, wie die Firma mit meiner Tochter umgeht."



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