Missbrauch durch Jugendliche Im Sog des Grauens

Die mutmaßlichen Täter sind noch fast Kinder - und doch sollen sie ihre Opfer mit erschreckender Brutalität gequält haben. Nach den Übergriffen bei der Ferienfreizeit auf Ameland greift Fassungslosigkeit um sich. Tatsächlich sind erschreckend viele Missbrauchstäter Jugendliche. Eine Spurensuche.

Tatort Silbermöwe-Haus: Offenbar sexueller Missbrauch bei Ferienfreizeit
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Tatort Silbermöwe-Haus: Offenbar sexueller Missbrauch bei Ferienfreizeit

Von und Simone Utler


Hamburg - In Osnabrück herrscht Entsetzen. Beim Stadtsportbund, beim Leiter der Freizeit, bei den Betreuern, die auf Ameland dabei waren und die Jugendlichen bekocht, beaufsichtigt und betreut haben - und die nun feststellen müssen, dass für einige Kinder, die im Haus "De Zilvermeeuw" ("Die Silbermöwe") schliefen, das Feriencamp zum Alptraum wurde.

In regelrechten Gewaltexzessen soll eine Gruppe von bis zu 13 Tätern sechs 13-jährige Jungen mit Gegenständen schwer sexuell missbraucht haben. Eine Mutter erstattete nach der Rückkehr der Kinder Anzeige bei der Polizei. Die Ermittlungen scheinen zu bestätigen, was Mädchen und Jungen berichteten: dass es im Feriencamp Vergewaltigungen mit Gegenständen gab und dass zwei 13-Jährige erst zu Opfern und schließlich selbst zu Tätern wurden.

Die Übergriffe sollen in der Mitte des Schlafsaals im ersten Stock des Hauses stattgefunden haben, tagsüber und auch abends. 40 Jungen hatten dort ihr Bett, rund 60 Kinder wohnten insgesamt im Gebäude. Allein im Haus "Zilvermeeuw" gab es zwölf Betreuer, hinzu kamen Verantwortliche, die sich um die Küche kümmerten. Die Erwachsenen schliefen im Anbau des L-förmigen Gebäudes, dort befand sich auch ihr Aufenthaltsraum. Einer hielt immer Nachtwache, einer war immer nur ein paar Schritte entfernt vom Schlafsaal. Und dennoch konnte es offenbar zu den Übergriffen kommen.

Ersten Ermittlungen zufolge haben sich die Opfer gegen die Übergriffe gewehrt, geschrien, sind über Feuerleitern geflüchtet oder haben sich an ihre Betten gekrallt. Auch wollen sich Kinder schon auf der Insel hilfesuchend an die Erwachsenen gewandt haben - die aber offenbar nicht einschritten.

Medizinische Untersuchungen der Opfer habe es nicht gegeben, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück, Alexander Retemeyer, SPIEGEL ONLINE. Weder auf der Insel, noch nach der Rückkehr wurden die Jungen einem Arzt vorgestellt. Die Eltern hätten dies abgelehnt.

  • Warum werden Jugendliche zu Tätern?

Jetzt stellen sich viele Fragen: Wie konnte es zu den Gewaltexessen kommen? Wie kann es sein, dass Jugendliche jegliche Hemmschwellen ablegen und Gleichaltrige vergewaltigen?

Spricht man mit Experten über ein mögliches Psychogramm der Täter, so fallen immer wieder die Begriffe Macht, Demütigung, Gruppendynamik. "Sexuelle Gewalt ist Machtausübung und keine Sexualität", sagt Birgit Kohlhofer, Diplompsychologin, Psychotherapeutin und Mitautorin des Buchs "E.R.N.S.T. machen - Sexuelle Gewalt unter Jugendlichen verhindern".

"Auslöser für die Taten können Frust, Rache oder Imponiergehabe sein - aber selten handeln die Täter impulsiv." Häufig gehe eine genaue Planung voraus. "Auch Alkohol spielt oft eine große Rolle."

Die Strukturen sind mit dem sogenannten "Bullying" vergleichbar. Also einem besonders exzessiven und häufig auch Gewalt einschließendem Mobbing. Im Prozess der Demütigung bilden sich eigene Hierarchien heraus, die Täter stehen oben im Ansehen, die Opfer unten. Zu solchen Abläufen kommt es immer dann, wenn Gruppen neu gemischt werden. Das Geschehen führt auf eine makabere Art zu einer eigenen Ordnung.

Von mehreren Tätern vergewaltigt und bloßgestellt zu werden, potenziert die Scham der Opfer. Die Struktur der Mitwisser erfüllt noch eine andere Funktion: "Wenn mehrere Jugendliche beteiligt sind, wird auch schon mal das eigene Gewissen abgelegt", sagt die Kölner Kriminalpsychologin Sabine Nowara. Das Motto sei: Wenn andere das machen, dann kann ich das auch machen.

In dieser Gruppendynamik genierten sich die Täter auch nicht, gegebenenfalls sexuelle Erregung zu zeigen. "Da spielt die eigene Scham überhaupt keine Rolle", so Nowara, Autorin der ersten Studie, in der mehr als 300 minderjährige Sexualstraftäter und ihre Taten erfasst wurden.

Die Dynamik der Taten folgt eigenen Gesetzen. So wird auch verständlich, dass zwei der 13-jährigen Opfer offenbar später selbst zu Tätern wurden und so einen Teil des ihnen widerfahrenen Unrechts wett machten. "Die Täterseite ist die bessere Position als die Opferseite", sagt Nowara.

Michael Siewering, Sozialpädagoge, Kinder- und Jugendpsychologe und Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums Rheine, arbeitet seit Jahren mit Jungen, die zu Tätern wurden und andere sexuell missbrauchten. "Jugendliche sagen in der Therapie immer wieder, dass es ihnen um den Kick ging, darum dass ein anderer Jugendlicher ihnen ausgeliefert war, dass sie ein Triumphgefühl hatten," sagt er.

  • Sexuelle Gewalt von Jugendlichen - ein Randphänomen?

Wie verbreitet ist die sexuelle Gewalt von Jugendlichen? Laut Polizeilicher Kriminalstatistik stellen männliche Jugendliche tatsächlich den größten Teil der Tatverdächtigen bei Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Jungen. Etwa ein Drittel all dieser Delikte wird von Kindern und jugendlichen Tätern verübt. Im Jahr 2008 war rund ein Fünftel aller Tatverdächtigen im Zusammenhang mit Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung jünger als 21.

"Noch wird das Bild kolportiert von dem älteren Mann, der Kinder mit Bonbons auflauert. Das Thema sexuelle Übergriffe unter Kindern wird erst langsam enttabuisiert", sagt Psychologin Kohlhofer, die auch als Referentin für das Präventionsnetzwerk Power Child tätig ist.

80 bis 90 Prozent der Täter bewegen sich im sozialen Nahfeld der Opfer. Die Gefahr lauert nicht im Park, sie lauert in Situationen, die eigentlich einen geschützten Raum für Kinder und Jugendliche bieten sollten: in der Familie, im Verein, bei Ferienfreizeiten. Die Mär vom bösen, fremden Mann ist genauso etabliert wie falsch.

  • Welche Rolle spielen das Umfeld und gesellschaftliche Einflüsse?

Der einzelne Täter ist nicht ohne das Gefüge zu denken, in dem der Missbrauch stattfindet und in dem er auch geschützt wird. "Sexuelle Gewalt fällt nicht vom Himmel", sagt Ursula Enders, Leiterin und Gründerin von Zartbitter, einer Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt. Der Satz, der so profan daherkommt, ist von großer Bedeutung für die Vorfälle auf Ameland.

"Sexuelle Gewalt ist in Sportvereinen weit verbreitet", sagt Enders, die sich seit Jahren vor allem mit institutionalisierten Missbrauchsstrukturen befasst. In den - häufig vor allem männlich geprägten - Strukturen der Vereine geht es oft grob zu, der Ton ist rau, die Sitten sind es auch.

Wer nicht mitmacht gilt als "Weichei", Sätze wie "Stell dich nicht so an" und "Was hart macht, macht stark", sind nun einmal auf dem Sportplatz und in der Turnhalle zu Hause. Höher, schneller, die Grenzüberschreitung ist Programm und zugleich Antriebsfeder des sportlichen Ehrgeizes. Hinzu kommen klare Hierarchien, Machtstrukturen, die das Zusammenleben und die Loyalitäten im Verein regeln. Laut Zartbitter bieten Sportvereine einen Nährboden für sexuelle Gewalt. "Aufgrund unserer Erfahrungen gehen wir davon aus, dass Missbrauch dort ein größeres Ausmaß hat als in der katholischen Kirche", sagt Enders.

Die Strukturen spielen den jugendlichen Tätern in die Hände - und die Tabus Missbrauch und Homosexualität im Sport auch.

  • Generation Porno?

Hinzu kommen gesellschaftliche Einflüsse, die ebenfalls einen Teil des Phänomens erklären. Entscheidend ist nach Überzeugung einiger Psychologen unter anderem der Pornokonsum der Jugendlichen - und ein entpersonalisiertes Bild von Sex. "Von einer 'Generation Porno' zu sprechen, ist sicher übertrieben, aber die Jungen und Mädchen haben heute einen ganz anderen Zugang zu Bildern und Filmen", so Nowara. "Sie bekommen bestimmte Körper vorgegaukelt und was man alles tun kann oder muss - aber ihnen fehlt noch die emotionale Reife, und sie sind damit total überfordert."

Das Modellprojekt, das Nowara geleitet hat, belegt, dass der oft ungehinderte Zugang zu Pornografie und sexuellen Darstellungen mehr Täter miteinander verbindet als eigene Missbrauchserfahrungen, Milieu oder Intelligenzquotient: 51 Prozent von ihnen surften ohne Aufsicht auf Sexseiten im Internet oder waren auf die Hardcore-Filme in der Videosammlung der Eltern gestoßen. Es scheint, als sei der Pornokonsum so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner der auffälligen Jugendlichen. Zum Vergleich: In etwa elf Prozent der Fälle waren die minderjährigen Täter zuvor selbst Opfer sexueller Gewalt geworden.

Auch Sozialpädagoge Siewering sieht eine Ursache für die Gewalt in der massiven Konfrontation mit Sex, in dem Menschen zu Objekten degradiert werden - und der mangelnden Reflexion darüber. "Sie konsumieren das alles, verarbeiten es aber nicht, weil in vielen Familien nicht darüber gesprochen wird."

Zusammen mit anderen Problemen entstehe ein Gefühl von Hilflosigkeit, das in Aggression umschlagen kann: "Manche Jugendliche versuchen, mit der Stärke eines Täters die innere Ohnmacht zu überwinden." Dann werden diejenigen, die noch hilfloser sind, massiv gemobbt und angegriffen - häufig auch mit dem Einführen von Gegenständen gequält. "Das ist eine hochexplosive Mischung, und es besteht die Gefahr, dass sich das Verhaltensmuster verfestigt", so Siewering.

Es sei besonders wichtig, dass dieses Verhalten nicht einfach geduldet und akzeptiert werde und die Jugendlichen therapeutische Unterstützung bekommen. "Dann ist die Chance, dass die Jugendlichen das Verhalten aufgeben, sehr hoch."



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Politikum 23.07.2010
1. zu viel Öffentlichkeit
Nicht die Kinder sind besonders auffälliger geworden, sondern die Berichterstattung greift immer mehr Fälle auf. Den überwiegenden Teil der Fälle hat man noch vor wenigen Jahren nicht mitbekommen. Die Öffentlichkeit giert regelrecht nach sowas. In sämtlichen Boulevardsendungen (mittags wie am Frühabend) schleichen sich immer mehr und sich steigernde Schocker-Fälle aus Unfall, Tragödie und Gewalt auf die ersten Plätze. Wir kriminalisieren unsere Jugend. Das soll diese Fälle nicht gut heißen oder als Lapalie hinstellen, aber so wie Fälle wie dieser exzessiv an die sich empört gruselnde Öffentlichkeit gezerrt werden, haben die betroffenen Jugendlichen keine Chance mehr, durch begleitende therapeutische Führung diesen oftmals durch Extreme geprägten Lebensabschnitt hinter sich zu lassen. Sie werden in ihrer angestammten Umgebung auf ewig die abnormen Triebtäter sein, vor denen man das eigene (natürlich per Definition wohlgeratene) Kind schützen (lassen) muss. Die Opfer werden sich zudem einer Mischung aus Belustigung, Mitleid und Verdacht (Opfer wurden zu Tätern) in der mit dem neuesten Aufreger angefütterten Öffentlichkeit stellen müssen.
Peter Sonntag 23.07.2010
2. Die Weisheit der Spezialisten
"Sexuelle Gewalt ist Machtausübung und keine Sexualität", sagt Birgit Kohlhofer. "In dieser Gruppendynamik genierten sich die Täter auch nicht, gegebenenfalls sexuelle Erregung zu zeigen." "Die Täterseite ist die bessere Position als die Opferseite", sagt Nowara. Aha !
Oberleerer 23.07.2010
3. Kohle
Wenn eine Gruppe Kinder unbeaufsichtigt ist, entwickeln sich aus Übermut und mangelnder moralischer Orientierung solche Situationen. War schon immer so und plötzlich sind die Experten überrascht. Die mußten vermutlich nie ins Ferienlager. Das schlimme ist, dass jetzt wieder die Experten (Autoren, Anwälte, Psychologen, Kinderschützer, ...) versuchen Kohle mit dem Ereignis zu machen.
JohnD 23.07.2010
4. !
Wer wirklich wissen will, was eigentlich passiert, sollte das immer aktueller werdende Buch des polnischen Psychologen Andrzej Lobaczewski lesen: http://www.scribd.com/doc/25378859/Politische-Ponerologie-von-Dr-Andrzej-M-Lobaczewski-Rzeszow-1984 Ein erschreckendes, aber befreiendes Buch.
slimfips 23.07.2010
5. Ahem
Was ich nicht ganz verstehe ist, warum in diesem Fall das Ueberangebot an Pornographie und der einfache Zugang dazu als Ursache fuer dieses Verhalten angefuehrt wird, aber in Faellen von Gewalt (und Amoklaeufen) der Zusammenhang zwischen den Taten und den sogenanntent Killerspielen heftigst abgestritten wird. Politiker, die diese Spiele verbieten wollen, weredn sogleich gebrandmarkt und stattdessen wird immer wieder klar gestellt, dass diese Spiele keinen Einfluss auf die Spieler haben, da ja die meisten von ihnen anschliessend keinerlei Gewalttaten begehen. Ergo, duerfte es zwischen zuviel Porno und diesen Missbraeuchen ebenfalls keinerlei Zusammenhang geben...
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