Missbrauchsfall von Lügde Verbrechen, verabredet per E-Mail

Mindestens 31 Opfer, mehr als tausend Taten: Im Missbrauchsfall von Lügde zeigen Botschaften zwischen dem Hauptbeschuldigten und mutmaßlichen Mittätern, wie perfide die Verdächtigen offenbar vorgingen.

Abgesperrte Parzelle auf Campingplatz in Lügde
DPA

Abgesperrte Parzelle auf Campingplatz in Lügde

Von Annette Großbongardt und


Der Vorschlag klingt harmlos, ein Mann schreibt dem anderen: "Wir müssen mal wieder camen, wenn ihr Lust habt." Doch die Web-Cam, um die es hier geht, diente einem perfiden Zweck: Mit ihr soll Andreas V. gefilmt haben, wie er sich an kleinen Mädchen verging - und der Mann aus Stade, der ihm die Mail geschrieben hatte, durfte zuschauen. V., 56, ist der Hauptbeschuldigte im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz in Lügde.

Der 48-jährige Handwerker aus Stade, der wegen des Verdachts der Anstiftung zum sexuellen Missbrauch in U-Haft sitzt, hat sich bisher als Einziger zu den Vorwürfen eingelassen. Er hat nach Aussage seines Anwalt eingeräumt, an zwei Live-Chats teilgenommen zu haben. Per Mail hatte er sich vorher mit Andreas V. verabredet.

In der Behausung von Andreas V. auf dem Campingplatz von Lügde, wo er seit mehr als 20 Jahren als Dauercamper lebte, fanden die Ermittler neben umfangreichem kinderpornografischen Material ein Fotostativ, positioniert in Richtung eines Sofas. Das geht aus einem vertraulichen Bericht des nordrhein-westfälischen Innenministers Hubert Reul an den Innenausschuss des Landtages hervor, der dem SPIEGEL vorliegt.

E-Mails führten zu Verdächtigem

Andreas V. habe die Mädchen regelrecht angepriesen, sagt der Anwalt des mutmaßlichen Komplizen. Er habe damit angegeben, dass er das Vertrauen der Eltern habe, die ihre Kinder übers Wochenende bei ihm übernachten ließen. Das damals 10-jährige Mädchen, das Andreas V. in dem Live-Chat mit dem Mann aus Stade präsentierte, habe er sinngemäß aufgefordert: Zeig ihm doch mal, was Du Schönes hast! Dabei fiel der Vorname des Handwerkers.

Durch den Namen und die E-Mails kamen ihm die Ermittler auf die Spur. Im ersten Chat habe sein Mandant seine Wohnung vorzeigen müssen, offenbar wollte Andreas V. sichergehen, dass es keine weiteren Zeugen gab und es sich nicht um eine Falle handelte.

Der widerwärtige Chat ist nur eine Momentaufnahme aus den Abgründen eines schweren Verbrechens, das inzwischen 51 Ermittler der Sonderkommission "Eichwald" aufzuklären versuchen. Mutmaßlich mindestens 31 Kinder hat die Polizei bisher als Opfer ermittelt, die jüngsten waren erst vier Jahre alt. Insgesamt soll es um rund tausend Taten in einem Zeitraum von mindestens zehn Jahren gehen. "Es ist ungewöhnlich, dass bei so vielen Opfern über einen so langen Zeitraum abgesehen von zwei Hinweisgebern niemand etwas bemerkt haben will", sagt Ralf Vetter, der Leitende Oberstaatsanwalt in Detmold.

Andreas V. soll über Opfer gesagt haben, für Süßigkeiten mache es alles

Zweifel richten sich besonders gegen das Jugendamt in Hameln. Es vertraute dem allein lebenden, dauerarbeitslosen Andreas V. Anfang 2017 das damals sechsjährige Mädchen M. als Pflegekind an. Dabei hatte es schon 2016 Hinweise auf Andreas V. als möglichen Missbrauchstäter gegeben - sowohl durch einen Vater von Mädchen, die Andreas V. und seine Pflegetochter auf einem Grillfest trafen, als auch eine Mitarbeiterin des Jobcenters, wo Andreas V. wegen seiner Hartz-IV-Unterstützung einen Termin hatte.

Dort soll er gesagt haben, das Mädchen "macht mich erst heiß, will kuscheln, und dann doch nicht". Und: "Sie hasst den Geruch von Männern", für Süßigkeiten würde sie aber alles machen. Über die Hinweise wurden dem Bericht zufolge auch das örtliche zuständige Jugendamt in Lippe sowie die Polizei informiert.

Wegen des Verdachts auf Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht wurden Ermittlungen gegen die Jugendämter eingeleitet. Auch gegen zwei Polizisten wird ermittelt. Sie sollen den Hinweisen nicht nachgegangen sein und den Vorgang im Mai 2017 einfach abgeschlossen haben, so der Bericht des Innenministers. Den beiden Hinweisgebern erklärten die Behörden nach einiger Zeit, es sei alles in Ordnung.

Jugendämter wollen keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch bekommen haben

Am Freitag gab der Hamelner Landrat Tjark Bartels bekannt, dass ein Mitarbeiter des Jugendamts die Akten manipuliert habe. Er habe zugegeben, einen Vermerk nachträglich erzeugt und zurückdatiert zu haben, um ihn dann in die Akte einzusortieren. Er wurde deshalb vom Dienst freigestellt.

Die Jugendämter hatten bisher erklärt, sie hätten allenfalls Informationen über eine mögliche Vernachlässigung oder Kindeswohlgefährdung bekommen, aber nicht auf sexuellen Missbrauch.

Die Pflegetochter, heute acht Jahre alt, wurde erst nach einer Anzeige im November 2018 vom Jugendamt in Obhut genommen und bei neuen Pflegeeltern untergebracht. Die Anzeige gegen Andreas V. kam von einer Mutter, deren Kind selbst von ihm missbraucht worden sein soll.

In der neuen Pflegefamilie habe das Mädchen inzwischen berichtet, ihr Pflegevater habe sie auch gezwungen, sexuelle Handlungen an dem mitbeschuldigten Mario S. vorzunehmen - so steht es im Papier des Innenministers. Der 33-jährige Mann aus Steinheim, der auch eine Parzelle auf dem Campingplatz hatte, sitzt ebenfalls in Untersuchungshaft. Er habe auch zugeschaut, wenn V. die Pflegetochter missbraucht habe. Beide Männer schweigen bisher zu den Vorwürfen.

"Das darf nicht passieren, dass jetzt wieder nicht richtig hingeschaut wird"

Die Ermittler kommen offenbar gut voran, denn möglichst noch im April will die Staatsanwaltschaft gegen die drei Beschuldigten in U-Haft Anklage erheben: wegen schweren sexuellen Missbrauchs oder der Beteiligung daran. Oberstaatsanwalt Vetter bestätigte auch, dass die Männer womöglich weitere Helfer hatten, darunter einen, der für Andreas V. Daten gelöscht haben soll. Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung eingeleitet. Gegen zwei weitere Verdächtige werde wegen möglicher Beihilfe ermittelt, es bestehe aber bisher geringer Tatverdacht, so Vetter.

Vertreter von Opfern wie der Hamelner Anwalt Roman von Alvensleben befürchten, dass die Ermittlungen gegen die Behörden eingestellt werden könnten. Denn die Generalstaatsanwältin in Hamm hat Zweifel an den Verfahren geäußert. Nach ihrer bisherigen Kenntnis sei ein "Anfangsverdacht strafrechtlich relevanten Verhaltens" gegen Beamte der Kreispolizei in Lippe oder die Jugendämter in Hameln und Bad Pyrmont nicht begründet, erklärte sie in einem Vermerk vom 5. Februar. Sie bat deshalb um Überprüfung der Ermittlungen.

"Das darf nicht passieren, dass jetzt wieder nicht richtig hingeschaut und überprüft wird, ob die Behörden ihren Pflichten nachgekommen sind", sagt von Alvensleben. Er vertritt ein 10-jähriges Mädchen, das selbst zum Opfer wurde. "Der Auftrag der Behörden war es, das Pflegekind und andere Kinder zu schützen. Ob sie das getan haben, daran bestehen erhebliche Zweifel." Etlichen Kindern, darunter seiner Mandantin, "wäre ihr Leid erspart worden, wenn 2016 entschieden gehandelt worden wäre."

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