Missbrauch in Sylter Kinderklinik DAK zieht umstrittene Bewertung zurück

Als "erweiterte Doktorspiele" waren die Vorfälle in einer Kinderklinik auf Sylt vom Betreiber zunächst bewertet worden - dabei soll es dort zu mehrfachem sexuellen Missbrauch gekommen sein. Nun musste die Krankenkasse DAK ihre Darstellung erheblich korrigieren - und sich entschuldigen.


Hamburg - Die Vorwürfe um einen angeblichen Missbrauch unter Kindern in einer Klinik auf Sylt erhalten neue Nahrung. Inzwischen hat auch die Betreiberin der Klinik, die Deutsche Angestelltenkrankenkasse (DAK), ihre ursprüngliche Einschätzung korrigiert.

Die Kasse hatte die Vorfälle, die sich im Juli und August im Haus "Quickborn" in Westerland ereignet haben sollen, zunächst als "erweiterte Doktorspiele" bezeichnet.

In einer Wohngruppe sollen damals drei Kinder im Alter von neun, elf und 13 Jahren weitere Kinder zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Der Missbrauch war bekannt geworden, nachdem die Mutter eines der mutmaßlichen Opfer Anzeige erstattet hatte. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Flensburg die Ermittlungen aufgenommen.

DAK entschuldigt sich für "unangemessene Wortwahl"

Bei der DAK sei man nun zu einer anderen Einschätzung gekommen, so ein Sprecher. "Die Kasse stellt klar, dass der zunächst verwendete Begriff von 'erweiterten Doktorspielen auf freiwilliger Basis' unrichtig und unangemessen war."

Hintergrund der Kehrtwende ist möglicherweise der Inhalt eines Briefs, den die DAK am 24. August der Mutter eines der betroffenen Kinder geschrieben hat und der inzwischen publik geworden ist. Auch SPIEGEL ONLINE liegt das Schreiben vor.

Darin nimmt die Abteilung "Grundsatzfragen/Justiziariat" der Kasse auf vier Seiten ausführlich Stellung zu den Vorwürfen. Unter anderem wird geschildert, wie sich am Abend des 6. August zwei Kinder an eine Erzieherin gewandt hatten, mit der Bitte, einem ganz bestimmten Kind nicht mehr zu erlauben, sie abends in ihrem Zimmer zu besuchen. "Auf Nachfragen berichteten die Kinder … von sexuellen Handlungen im Rahmen von 'Schwulenabenden', an denen sie nicht mehr teilnehmen wollten", heißt es in dem Brief.

Die Abende, so stellte sich in den anschließenden Befragungen der Kinder heraus, hatten ungefähr zu Beginn der dritten Woche der sechswöchigen Therapie begonnen und während eines Zeitraums von drei Wochen regelmäßig fast jeden zweiten Abend stattgefunden. Beteiligt gewesen seien 13 Kinder der 16-köpfigen "roten Wohngruppe", drei von ihnen hätten als Rädelsführer fungiert. Dabei wurde demnach das Spiel Flaschendrehen gespielt, die Aufgaben, die dabei erfüllt werden mussten, waren sexueller Natur.

"Aktiv und passiv" am Geschehen beteiligt

Konkret heißt es in dem Schreiben der DAK an die Mutter: "Laut Angaben der Beteiligten differierten und bestanden die Aufgaben im Wesentlichen anfangs in Küssen und Zungenküssen, später auch in manueller bzw. oraler Stimulation der Genitalien bis hin zu analer Penetration mit Finger und/oder Glied."

Alle 13 Kinder seien sowohl aktiv als auch passiv am Geschehen beteiligt gewesen. Allerdings habe es offenbar auch einen Gruppendruck gegeben. Wer die Aufgaben nicht erfüllt habe, sei als "Angsthase, Memme und Spielverderber beschimpft" worden.

Details, die der ursprünglichen DAK-Version von "erweiterten Doktorspielen auf freiwilliger Basis" widersprechen.

Deswegen hat sich die Krankenkasse nun zu einer Kehrtwende entschlossen. Man bedauere die Vorkommnisse "auf das Allertiefste", heißt es nun. Weitere Erklärungen gibt es nicht. "Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt und der Schutz der betroffenen Kinder Priorität genießt, kann die DAK zu gegenwärtigen Zeitpunkt der Öffentlichkeit keine weiteren Informationen geben", so der DAK-Sprecher.

Der Staatsanwaltschaft Flensburg obliegt es nun, herauszufinden, was sich wirklich in den sechs Wochen im Juli und August in der "roten Wohngruppe" im Haus "Quickborn" abgespielt hat.

Betreuer hatten drei Wochen lang nichts gemerkt

Laut Angaben der Krankenkasse wurden die Kinder in dem Haus rund um die Uhr von 40 ausgebildeten Erziehern, Therapeuten, Sportlehrern und Ernährungsberatern betreut - dennoch kam es offenbar zu dem Missbrauch. In dem Brief der DAK heißt es: "Durch einen ausgeklügelten Plan und eingespieltes System gelang es den Kindern, diese Aktivitäten drei Wochen lang vor den Mitarbeitern der Fachklinik geheim zu halten."

Ob harmloses "Doktorspiel" oder schon "Missbrauch" - angesichts der Tatsache, dass die beteiligten Kinder zum fraglichen Zeitpunkt unter 14 Jahren und somit strafunmündig waren, ist diese Frage für die Staatsanwaltschaft womöglich gar nicht von hauptsächlichem Interesse. Viel entscheidender dürfte sein, warum die Betreuer über einen so langen Zeitraum nichts von den Geschehnissen mitbekommen haben wollen.

mit Material von dpa/dapd



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