Interview mit Strafverteidiger "Missbrauch und Kinderpornografie sind absolut klassenlose Delikte"

Die Missbrauchsfälle in Münster oder Bergisch Gladbach schockieren selbst erfahrene Ermittler. Strafverteidiger Steffen Lindberg hat viele Täter vor Gericht vertreten. Seine Erkenntnis: Sie kommen aus allen Schichten.
Ein Interview von Julia Jüttner
Mahnwache gegen Gewalt an Kindern in Freiburg (Archivfoto)

Mahnwache gegen Gewalt an Kindern in Freiburg (Archivfoto)

Foto: Patrick Seeger/ dpa

SPIEGEL: Herr Lindberg, der Missbrauchsfall in Münster sprengt nach Angaben der Ermittler die Dimension des Erträglichen. Das gilt auch für die Fälle in Staufen, Lügde und Bergisch Gladbach. Sie haben in den vergangenen 15 Jahren mehr als 1000 Verfahren geführt, bei denen es um Kinderpornografie und Kindesmissbrauch ging. Was sind das für Menschen, die Sie da verteidigen?

Lindberg: Das sind Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Missbrauch und Kinderpornografie sind absolut klassenlose Delikte, die sich auch durch alle Berufsgruppen ziehen: Ich habe vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Einkommensmillionär die komplette Bandbreite vertreten. Auch Polizeibeamte und Anwaltskollegen. Einmal ließ mich ein Mandant mit einem Taxi abholen: In einer der oberen Etagen eines Wolkenkratzers in Frankfurt traf ich schließlich auf einen Menschen, der am Boden zerstört war.

SPIEGEL: Wie ist Ihre Erfahrung: Steigern sich Straftäter bei Missbrauchsdelikten?

Lindberg: Das kann ich nicht bestätigen. Viele meiner Mandanten konsumierten über Jahre hinweg verbotene Inhalte im Internet und blieben dabei, bis sie entdeckt wurden. Andere gingen Schritt für Schritt weiter, bis sie über Chatverkehr versuchten, mit Kindern oder Jugendlichen in Kontakt zu kommen, schließlich selbst Bilder herstellten, beispielsweise im Schwimmbad, und dann Übergriffe begingen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Der Konsum von Kinderpornografie bringt nicht automatisch eine Steigerung mit sich; sehr viele bleiben dabei. Umgekehrt allerdings haben die Menschen, die Kinder missbrauchen, oft mit dem Konsum von Kinder- oder Jugendpornografie angefangen.

SPIEGEL: Sie haben auch einen Mann verteidigt, der sich am Bau eines Folterkellers für Kinder auf den Philippinen beteiligen wollte.

Lindberg: Dieser Fall war auch für mich, der täglich mit Sexualdelikten zu tun hat, außerordentlich erschütternd. In dem Fall spielte das Video "Daisys Destruction" eine gewichtige Rolle, darin ging es um den sadistischen Missbrauch eines Kleinstkindes, das später getötet wurde - der Inhalt ist nicht auszuhalten. Das sind Fälle, die einen verfolgen.

SPIEGEL: Wie gehen Sie damit um?

Lindberg: Als Strafverteidiger wird man häufig mit dem Schlimmsten konfrontiert. Manches bleibt und brennt sich ein. Das Ausmaß an Brutalität, das man zu sehen bekommt, ist mitunter wirklich schwer zu ertragen, da geht es mir wie den Ermittlern. Die ganz brutalen Missbrauchsvideos sind allerdings nicht die Regel. Unter Kinderpornografie fallen mittlerweile eben auch sogenannte Posing-Bilder. Beim Vorwurf des Besitzes von Kinderpornografie existieren häufig Auswerteberichte beziehungsweise Screenshots. Das kann durchaus Tausende Bilder und Videos betreffen. So muss ich mir nicht jedes Video vollständig mit eigenen Augen ansehen.

SPIEGEL: Im Fall Bergisch Gladbach haben Väter ihre eigenen Kinder missbraucht. Gibt es einen Unterschied zwischen Mandanten, die ihre eigenen Kinder missbrauchen, und denen, die sich an fremden Kindern vergehen?

Lindberg: Ich bin Strafverteidiger, kein Psychologe. In meinem Berufsalltag ist der Missbrauch des eigenen, leiblichen Kindes die Ausnahme. Häufig sind Stiefkinder betroffen oder Kinder aus dem sozialen Nahbereich, aus der Nachbarschaft, dem Sportverein, dem Freundes- oder Bekanntenkreis. Die Täter erschleichen sich das Vertrauen ihrer Opfer und nutzen das Abhängigkeitsverhältnis aus, bis der Missbrauch für viele Opfer leider zu einer Art Normalität geworden ist.

SPIEGEL: Wenn Ihre Mandanten in einer festen Partnerschaft sind: Welche Rolle spielen die Frauen an der Seite dieser Männer?

Lindberg: Wenn es um den Konsum von verbotenen Inhalten im Internet geht, haben die Frauen meist keine Kenntnis davon. Die Täter agieren in der Regel heimlich und fühlen sich sicher in der Anonymität des Internets. Wenn ans Licht kommt, dass ein Mann Kinder körperlich missbraucht hat, beobachte ich bei den Partnerinnen drei unterschiedliche Reaktionen: Entweder die Frau trennt sich sofort; sie will oder kann es nicht wahrhaben und schaut weg; oder sie steht ihrem Mann bei und versucht, ihn davon abzubringen.

SPIEGEL: Im Fall Staufen wurde auch die Mutter eines Opfers verurteilt. Sie hatte den Jungen an andere Männer "vermietet". Haben Sie schon Täterinnen vertreten?

Lindberg: Ja. Auch Frauen missbrauchen Kinder, wenn auch extrem selten. Gleiches gilt für den Konsum von Kinder- und Jugendpornografie. Wenn Frauen aber die Schwelle zum körperlichen Missbrauch überschritten haben, unterscheiden sie sich in ihrer Brutalität nicht von männlichen Tätern.

SPIEGEL: In den Fällen Münster und Bergisch Gladbach scheint ein regelrechtes Netzwerk dahinterzustecken. Wie schätzen Sie diese Fälle ein?

Lindberg: Diese Fälle kenne ich bislang nur aus den Medien. Ein Netzwerk aufzubauen, ist zwar eher atypisch, kommt aber durchaus vor. In der Regel findet der Konsum von Kinderpornografie eher allein statt, maximal mit anonymen Tauschpartnern.

SPIEGEL: Haben Sie Erkenntnisse, welche Funktion Nachbarn und Erzieher einnehmen, wenn es zu Kindesmissbrauch kommt?

Lindberg: Diese Personen können in der Ermittlungsakte eine Rolle spielen, wenn sie als Zeugen befragt wurden. Nach meiner Einschätzung ist allerdings der Vorwurf des Wegsehens schnell erhoben. Man kann Menschen eben nur vor den Kopf schauen, nicht in den Kopf.

SPIEGEL: Wie kam es dazu, dass der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen eines Ihrer Schwerpunktthemen wurde?

Lindberg: Vor 15 Jahren hatte ich mein erstes Mandat zum Vorwurf des Kindesmissbrauchs. Da habe ich festgestellt, dass es ein Sondergebiet innerhalb des Strafrechts ist. Denn Sexualstrafrecht wird in der Ausbildung nicht gelehrt. Das ist ein großes Manko, denn der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist gesellschaftliche Realität. Gerade im Zeitalter des Internets sollte dies zur Grundausbildung für Juristen gehören. Außerdem haben diese Delikte noch aus einem anderen Grund einen faktischen Sonderstatus im Strafrecht: Kein anderer Tatvorwurf als der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen hat eine derart stigmatisierende Wirkung.

SPIEGEL: Was bedeutet das für Ihre Arbeit als Verteidiger?

Lindberg: Das bedeutet einen besonders verantwortungsvollen Umgang mit solchen Verfahren: Man muss sich einfach dessen bewusst sein, dass die gewählte Verteidigungslinie weitreichende Konsequenzen haben kann und zwar sowohl für den Beschuldigten als auch für das mutmaßliche oder tatsächliche Opfer. Dabei darf man nie vergessen, dass der Missbrauchsvorwurf auch immer wieder zu Unrecht erhoben wird, etwa im Rahmen von Trennungskonflikten. Dort muss dann der Mandant vor einer Verurteilung geschützt werden. Ist der Tatvorwurf nachweislich zutreffend, lässt sich eine Strafmilderung erreichen, indem man dem Opfer die Aussage erspart, den Täter in Therapie vermittelt und noch freiwillig Schmerzensgeld bezahlt. Ungeschehen kann man die Tat indes nicht machen.

SPIEGEL: Erleben Sie Anfeindungen oder Bedrohungen?

Lindberg: Immer mal wieder. Aber man kann das Strafrecht nicht in Gut oder Böse einteilen . Jeder Beschuldigte hat das Recht auf Verteidigung, wenngleich es auch eine besondere moralische Komponente gibt bei Sexualdelikten und ganz besonders wenn es um Gewalt gegen Kinder geht. Ich kann verstehen, wenn sich Leute über diese Fälle empören. Aber ich verteidige nie die Tat, ich verteidige den Täter.