Missbrauchs-Vorwürfe Polanski wollte Opfer halbe Million Dollar zahlen

Die Anwälte Roman Polanskis erwarten, dass die Schweizer Justiz bald über seine Freilassung oder Auslieferung in die USA entscheidet. Der Regisseur sitzt wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen in Haft. Einer US-Zeitung zufolge erklärte er sich 1993 bereit, seinem Opfer 500.000 Dollar zu zahlen.

REUTERS

Zürich - Roman Polanski, 76, ist weiter im Schweizer Kanton Zürich inhaftiert; ob er in die USA ausgeliefert oder freigelassen wird, ist rechtlich noch in der Schwebe. Seine Anwälte erwarten eine baldige Entscheidung der Schweizer Justiz. Anwalt Hervé Temime sagte der Nachrichtenagentur AFP am Samstag, er hoffe auf Klarheit "Anfang bis Mitte der Woche". Das Strafgericht von Bellinzona berät seit knapp einer Woche über Polanskis Einspruch gegen die Vollstreckung eines internationalen Haftbefehls der Vereinigten Staaten.

Wie die Schweizer Zeitung "Le Matin" berichtet, ist der polnisch-französische Filmemacher in einer "rudimentären" Zelle untergebracht und erhält fünf Schweizer Franken (rund drei Euro) Taschengeld am Tag. Dem polnischen Konsul in Bern, Marek Wieruszewski, sagte Polanski, dass ihm nichts fehle und er gut behandelt werde.

Auf Antrag der kalifornischen Justiz war Polanski Ende September bei seiner Einreise in die Schweiz festgenommen worden. Er hatte sich 1977, im Alter von damals 43 Jahren, in den USA an einer 13-Jährigen vergangen. Der Filmregisseur bekannte sich schuldig und saß dafür zunächst 47 Tage im Gefängnis, floh aber 1978 vor der Urteilsverkündung nach Europa. Damals zeichnete sich ab, dass der Richter ihn entgegen einer Absprache mit den Anwälten doch zu einer Haftstrafe verurteilen wollte. Polanski kehrte seitdem nie in die USA zurück. Bei einer Abschiebung und Verurteilung in den USA drohen ihm bis zu 50 Jahre Haft.

Opfer bat Richter um Einstellung des Strafverfahrens

Polanskis Opfer Samantha Geimer, heute 45, hatte dem Filmemacher vor mehreren Jahren öffentlich vergeben, dabei aber wiederholt, dass er sie seinerzeit vergewaltigt habe. Die "Los Angeles Times" berichtete am Wochenende, dass Polanski sich zu einer Zahlung von 500.000 Dollar Entschädigung an Geimer bereiterklärt habe.

Allerdings zeigten Gerichtsdokumente, dass Polanski der Verpflichtung aus dem Jahr 1993 zunächst nicht nachgekommen sei. Noch 1996 hätten Geimers Anwälte versucht, mit Hilfe der Justiz das Geld bei Filmstudios, Polanskis Agent und der US-Schauspielergewerkschaft einzutreiben. Zu dieser Zeit schuldete Polanski ihr den Akten zufolge einschließlich der inzwischen aufgelaufenen Zinsen noch 604.416 Dollar. Polanskis Anwalt David Finkle wollte zu den Gerichtsunterlagen am Freitag ebenso wenig Stellung nehmen wie Polanskis Manager Jeff Berg.

Als Zeichen dafür, dass der Regisseur schließlich doch zahlte, wertete die "Los Angeles Times", dass Geimer ihre juristischen Bemühungen schließlich einstellte. 1997 verzichtete sie auf weitere Klagen und bat den Richter schriftlich, Polanski die Einreise in die USA zu erlauben und das Strafverfahren gegen ihn einzustellen. Was bis dahin genau passierte, geht aus den Unterlagen nicht hervor. "Als Opfer dieses Verbrechens bin ich der Meinung, dass die 42 Tage, die er schon abgesessen hat, genug sind", schrieb Geimer.

Schwarzenegger: "Polanski muss behandelt werden wie jeder andere"

Der kalifornische Regierungschef Arnold Schwarzenegger, früherer Hollywoodstar, machte klar, dass Polanski im Falle seiner Auslieferung an die USA sich einem regulären Verfahren stellen müsse. Schwarzenegger sagte dem Sender CNN: "Ich bin ein großer Bewunderer seiner Arbeit. Aber dennoch denke ich, er sollte behandelt werden wie jeder andere auch. Es kommt nicht darauf an, ob es sich um Roman Polanski oder um jemand anderen handelt." Das gelte ebenfalls für ein mögliches Gnadengesuch.

Kürzlich hatte sich auch der verantwortliche Ermittler erstmals im juristischen Tauziehen geäußert. Ihm gehe es nicht darum, Polanski zu verfolgen, versicherte Bezirksstaatsanwalt Steve Cooley Medienberichten zufolge: "Es geht um Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist nicht vollständig, wenn jemand sich der Entscheidung des Gerichts entzieht."

In der Schweiz schlägt das Vorgehen der Justiz weiter hohe Wellen. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf wies Vorwürfe zurück, ihr habe es im Fall Polanski an Fingerspitzengefühl gemangelt. Hätte sie die Organisatoren des Zürcher Filmfestivals vor der Vollstreckung des US-Haftbefehls gewarnt, hätte sie sich der Begünstigung beziehungsweise der Amtsgeheimnisverletzung schuldig gemacht, sagte Widmer-Schlumpf der "SonntagsZeitung".

jol/AFP/dpa/AP

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Seite 1
JensDD 28.09.2009
1. Wie würden all die
Zitat von sysopWegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen stand Roman Polanski vor über 30 Jahren in den USA vor Gericht. Er flüchtete während des Prozesses und kehrte nie wieder in die Staaten zurück. Jetzt wurde er in der Schweiz festgenommen. Sollen die US-Behörden aus der Auslieferung des Regisseurs bestehen?
aufgeregten Gutmenschen denn reagieren wenn ein "ganz normaler" Sexualstraftäter nach 30 jahren gefaßt würde? Relativiert künstlerischer Ruhm individuelle Schuld?
villefranche 28.09.2009
2. Sollen die US-Behörden aus der Auslieferung des Regisseurs bestehen?
ja, denn die Zeit heilt keine Verbrechen. Er hat sich durch Flucht seiner Verantwortung entzogen,damals eine Minderjährige missbraucht. Was würde man heute - 2009 - sagen, wenn sich ein Vergewaltiger der Verantwortung entziehen wollte ? Nur weil er prominent ist keine Strafverfolgung ? Was ist das für ein Auffassung von Rechtssystem. Nur Arme in den Knast ?
specchio, 28.09.2009
3. So wollten es doch alle
Also die allgemeine Forderung bei derartigen Vorwürfen (oder Verbrechen, denn Polansky hat es ja zugegeben) lautet doch, dass die Verfolgung und die Strafen zu lasch sind. Hier hätte es zwar anders laufen sollen, aber eigentlich müsste Gott und die Welt doch zufrieden sein? Und dass das Opfer vetrzeiht und vergibt, ist wahrscheinlich nobel, aber doch auch nicht automatisch strafbefreiend. Ok, mir ist das eigentlicch egal, was die mit dem alten Mann machen, aber irgeendwie kommt es mir im Moment folgerichtig und gesetzeskonform vor.
Dagget, 28.09.2009
4.
Ich versteh die Aufregung auch nicht. Der Mensch hatte die Tat gestanden und sich danach abgesetzt, um der wohl verdienten Strafe zu entgehen. Was sollt das, wenn die Tatschuld erwiesen ist, gehört er auch ins Gefängnis, ganz gleich, was für gute Filme er auch gedreht haben mag, speziell bei einem derartigen Schwerstverbrechen.
Tabman 28.09.2009
5.
Das sollte man sich merken: Als Sexualstraftäter mal eben ein paar erfolgreiche Kinofilme drehen, um sich das Wohlwollen der Öffentlichkeit zu sichern.
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