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18. März 2012, 08:03 Uhr

Bischof Ackermann

Katholischer Missbrauchsbeauftragter schont Pädophile

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann beschäftigt nach SPIEGEL-Informationen in seinem Bistum sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt.

Hamburg - Der Trierer Bischof Stephan Ackermann ist der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofkonferenz und hatte in dieser Funktion eine "Null-Toleranz-Linie" gegenüber Sexualstraftätern gefordert. Nach SPIEGEL-Informationen verfährt er in der Praxis jedoch anders und beschäftigt Pädophile weiterhin als Seelsorger.

In seinem Bistum sind mindestens sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer im Einsatz, darunter ein Geistlicher, der als Lehrer in einem Internat sexuelle Beziehungen zu einem seiner Schüler unterhalten haben soll, und zwei wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilte Priester.

Das Bistum möchte die genaue Zahl der Priester, die im "eingeschränkten Einsatz unter Auflagen" tätig sind, derzeit nicht preisgeben. Kirchenmitarbeiter und Opfer kritisieren die Zustände als unhaltbar. "Bischof Ackermann lässt ehemalige und potentielle Täter weiter Seelsorger sein", so Thomas Schnitzler von der Opferinitiative "MissBiT". Das Risiko, dem er Kinder aussetze, sei "absolut nicht vertretbar".

Ein 72-jähriger Pfarrer, der als Seelsorger in einem Krankenhaus arbeitet, gab gegenüber dem SPIEGEL zu, immer wieder versetzt worden zu sein. Dabei sehe er seine Pädophilie selbst als riskant an: "Es ist wie eine Sucht, eine Schizophrenie", bei der er "ganze Teile des Bewusstseins" ausschalte. Seine Vorgesetzten hätten es zwar gut mit ihm gemeint. Die Perspektive sei aber "einseitig nicht auf die Opfer, sondern auf die Interessen der Kirche gerichtet" gewesen.

"Für eine einzelne Seele gibt es keinen Preis"

Auf einem Kongress in Rom beschäftigten sich erst vor wenigen Wochen ranghohe Katholiken mit dem Missbrauchsskandal. Denn die zahlreichen bekannt gewordenen Fälle von Kindesmissbrauch haben die katholische Kirche nach Schätzungen von US-Experten mehr als zwei Milliarden Dollar (etwa 1,5 Milliarden Euro) gekostet. Zwei Mitarbeiter eines US-Hilfswerks schätzten diese Summe als "vermutlich vernünftig" ein. In ihre Rechnung bezogen Michael J. Bemi und Patricia Neal demnach die Kosten für Entschädigungen, Untersuchungen, Prozesse und die Behandlung von Opfern ein.

Diese Summe stehe jedoch "in keinem Verhältnis" zum Leid der betroffenen Kinder und Erwachsenen, sagten sie. "Für eine einzelne Seele gibt es keinen Preis." Bemi und Neal wiesen die Konferenzteilnehmer auf zahlreiche psychische Krankheiten hin, unter denen die Opfer leiden, ihre langwierige Behandlung und auf die angerichteten innerfamiliären Schäden.

Papst Benedikt XVI. hatte die viertägige Konferenz in der Päpstlichen Universität Gregoriana eröffnet.

jjc

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