Staufen Ex-Pfadfinderleiter soll Jungen mehr als 400-mal missbraucht haben

In Staufen bei Freiburg steht ein 41-Jähriger unter Verdacht, mindestens vier Minderjährige zum Teil schwer missbraucht zu haben. Ein weiterer Pfadfinderbetreuer soll sich an Mädchen vergangen haben.

Staufen im Breisgau: Ein Feldkreuz steht vor der Burgruine
DPA

Staufen im Breisgau: Ein Feldkreuz steht vor der Burgruine


Der idyllische 8000-Seelen-Ort Staufen bei Freiburg ist erneut wegen einer Reihe mutmaßlicher Missbrauchsfälle in die Schlagzeilen geraten: Die Staatsanwaltschaft Freiburg ermittelt gegen einen 41-jährigen Mann, der mindestens vier Jungen sexuell missbraucht haben soll. Die einzelnen Opfer hätten zwischen zwei und 400 Übergriffe erdulden müssen, manchmal mehrmals in der Woche.

Am 18. Februar habe die Mutter eines heute 17-Jährigen bei der Polizei Anzeige erstattet, berichtete Kriminaldirektor Peter Egetemeier auf einer Pressekonferenz in Freiburg. Ihr Sohn sei im Alter von neun bis elf Jahren von einem ehrenamtlichen Betreuer seiner Pfadfindergruppe sexuell missbraucht worden, so der Vorwurf.

Die Polizei habe unverzüglich auf die Anzeige reagiert und die Kriminalpolizei informiert, betonte Egetemaier. Es sei eine zwölfköpfige Ermittlergruppe namens "Burg" eingerichtet worden. Bereits am vierten Tag nach Bekanntwerden der Vorwürfe - am 22. Februar - seien Durchsuchungsbeschlüsse und ein Haftbefehl vollzogen worden. Der Tatverdächtige sei verhaftet und in Untersuchungshaft genommen worden.

Peter Egetemaier, Kriminaldirektor der Kriminalpolizeidirektion Freiburg
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Peter Egetemaier, Kriminaldirektor der Kriminalpolizeidirektion Freiburg

Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich Staatsanwältin Nikola Novak zufolge um einen 41-jährigen Deutschen aus Staufen, der nicht vorbestraft ist, aber sich in einem Strafverfahren wegen mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs in den Jahren 2004 bis 2007 verantworten musste. Im Berufungsprozess sei er damals freigesprochen worden - "es stand Aussage gegen Aussage", sagte die Staatsanwältin.

Zwei der vier mutmaßlichen Opfer in den aktuellen Ermittlungsfällen sollen zwischen 2009 und 2013 missbraucht worden sein, als der Tatverdächtige beim Pfadfinderstamm "Lazarus von Schwendi" der evangelischen Kirchengemeinde arbeitete. Gegen die beiden anderen soll er zwischen 2014 und 2018 in der Freizeit übergriffig geworden sein. Der Mann schweigt bisher zu den Vorwürfen, Bild- und Videomaterial wurde bei ihm nicht gefunden.

Der Tatverdächtige sei als "sehr manipulativ" einzustufen. Er habe gezielt Kinder ausgesucht, mit ihnen Zeit verbracht und ihnen Geschenke gemacht. Dann habe er ihnen suggeriert, dass die sexuellen Handlungen völlig normal seien, so die Ermittler.

"Wir können derzeit nicht ausschließen, dass es weitere Opfer gibt", sagte Kriminaldirektor Egetemaier. Die Ermittlungsgruppe habe etwa 100 Jugendliche und Kinder befragt, die Kontakt zum Beschuldigten gehabt hätten. "Wir haben versucht, nachhaltig traumatisierten Kindern und Jugendlichen eine Brücke zu bauen", sagte der Leiter der Ermittlungsgruppe, Mathias Kaiser. "Nicht jeder ist bereit, über diese Brücke zu gehen und sich zu öffnen."

Kriminalhauptkommissar Mathias Kaiser, Leiter der Ermittlungsgruppe "Burg"
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Kriminalhauptkommissar Mathias Kaiser, Leiter der Ermittlungsgruppe "Burg"

Es gebe keinen Hinweis auf Mittäter oder Gehilfen, so die Ermittler. Man habe es mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem Einzeltäter zu tun. Dennoch berichteten Polizei und Staatsanwaltschaft von einem zweiten, ebenfalls aus dem Umfeld der Pfadfindergruppe stammenden Tatverdächtigen. Er soll gegen Frauen und Mädchen übergriffig geworden sein. Ein mutmaßliches weibliches Opfer hatte berichtet, vor sieben Jahren im Alter von 13 und 14 Jahren missbraucht worden zu sein. Der Beschuldigte in diesem Fall machte keine Angaben. Er befindet sich auf freiem Fuß.

Kriminaldirektor Egetemaier zufolge besteht kein Zusammenhang zwischen den aktuellen Fällen und den Taten von Christian L. und Berrin T., die sich 2015 bis 2017 in Staufen ereigneten. Die Frau und ihr Lebensgefährte hatten ihren Sohn jahrelang vergewaltigt und anderen zum Missbrauch überlassen. Das Landgericht Freiburg verurteilte beide zu mehrjährigen Haftstrafen. Der Lebensgefährte musste in Sicherungsverwahrung.

Beide Fälle hätten keine Verbindung, so Egetemaier. Es werde weder gegen die Kirche noch das Jugendamt ermittelt. "Die schöne Stadt Staufen ist unverschuldet im Blickpunkt der Öffentlichkeit gelandet."

ala



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