Missbrauchsfall Bergisch Gladbach Zugriff am Ostseestrand

50 Verdächtige, zwölf Bundesländer, 2000 Beweismittel: Mit einer bundesweiten Großrazzia ist die Polizei am Dienstag gegen mutmaßliche Pädokriminelle vorgegangen. Jetzt wurden Einzelheiten bekannt.
Aus Köln berichtet Armin Himmelrath
"Keiner der Täter soll ruhig schlafen können": Kriminaldirektor Michael Esser, Leiter der Ermittlungsgruppe "Berg"

"Keiner der Täter soll ruhig schlafen können": Kriminaldirektor Michael Esser, Leiter der Ermittlungsgruppe "Berg"

Foto: Roland Weihrauch / picture alliance/dpa

Unerwartet auftauchen, dem Gegenüber keine Zeit zur Reaktion lassen - und, vor allem: verhindern, dass der Verdächtige das Handy sperrt. Das sei wichtig, sagt der Polizist Michael Esser: "Für uns ist es ein entscheidender Vorteil, wenn wir möglichst ein Überraschungsmoment nutzen können, um an offene Handys heranzukommen - also offene, mobile Endgeräte."

Esser leitet die zentrale Ermittlungsgruppe "Berg" bei der Kölner Polizei, die den massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern rund um einen Mann aus Bergisch Gladbach untersucht. 30.000 Hinweise auf potenzielle Verdächtige gibt es, eine ungeahnte Dimension.

Und weil die mutmaßlichen Täter, die Esser und seine Kollegen verfolgen, in den meisten Fällen über Messengerdienste auf Handy oder Tablet kommunizieren, wollen die Fahnder genau diese Geräte sicherstellen - möglichst ohne Sperre oder Verschlüsselung.

Am Dienstag hatten fast 1000 Beamtinnen und Beamte bei einer Razzia in zwölf Bundesländern nach Beweismitteln gesucht. 50 Verdächtige wurden zunächst festgenommen, darunter zwei Frauen. Nach der erkennungsdienstlichen Behandlung konnten alle Verdächtigen die Polizeidienststellen verlassen. In 60 Wohnungen und Häusern beschlagnahmten die Ermittler 2000 Gegenstände, vor allem Datenträger und Computer, aber auch zwei verschlossene Tresore, die jetzt geöffnet werden sollen. Und eben: Handys.

Versuch, das Handy zu zerstören

In Sachsen, berichtet Michael Esser am Tag nach der Razzia, habe ein Verdächtiger noch hektisch versucht, sein Handy im Badezimmer zu zerstören. Doch die Polizistinnen und Polizisten waren schneller. "Das zeigt: Wir sind bei den richtigen Personen unterwegs", sagt Esser. Einen Verdächtigen aus NRW fassten die Beamten am Strand der Ostsee, wo ihn ein Observationsteam der Polizei aufgespürt hatte.

Oberstaatsanwalt Markus Hartmann sagte, die Identitäten der Beschuldigten seien zuvor in aufwendigen Ermittlungen festgestellt worden. Den 50 Personen werden vor allem der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie vorgeworfen, nicht jedoch direkte Missbrauchshandlungen. Kinder seien deshalb auch nicht in unmittelbarer Gefahr gewesen, so Michael Esser: "Dennoch zeigt jedes einzelne Bild ein Missbrauchsopfer."

Die 50 Ermittlungsverfahren bilden nur einen Bruchteil der mutmaßlichen Täter, die im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach kinderpornografisches Material getauscht haben sollen. Insgesamt wird mittlerweile gegen 207 namentlich bekannte Tatverdächtige ermittelt.

Im Mittelpunkt des Falls steht Jörg L. aus Bergisch Gladbach, der schon kurz nach der Geburt seiner Tochter den Missbrauch des Mädchens geplant haben soll. Er steht seit Ende August in Köln vor Gericht.

Zwar werde man "mit Sicherheit nicht alle" der 30.000 potenziellen Täter identifizieren, sagte Ermittlungsgruppenleiter Michael Esser am Mittwoch. Aber: "Keiner der Täter soll ruhig schlafen können." Esser ergänzte: "Wir könnten schon in den nächsten Tagen weitermachen."