Missbrauchsfall im Westerwald Adoptivsohn erhebt Vorwürfe gegen Jugendamt

Im Westerwälder Missbrauchsfall gerät das Jugendamt in die Kritik: Ein Adoptivsohn des Angeklagten wirft dem Amt vor, dort keine Hilfe bekommen zu haben. Seit 1998 habe er regelmäßig Unterstützung für seine Familie erbeten - und nicht erhalten.


Koblenz - Im Missbrauchsfall in dem kleinen Westerwald-Dorf Fluterschen erhebt der Adoptivsohn des mutmaßlichen Täters schwere Vorwürfe gegen das Kreisjugendamt. Schon im Februar 1998, nachdem sein Adoptivvater ihn wieder einmal aus nichtigem Anlass verprügelt habe, habe er sich an das Jugendamt gewandt, sagte der 27-jährige Björn B. der Koblenzer "Rhein-Zeitung". Hilfe habe er von dort aber keine bekommen.

Er erinnere sich an Sätze, dass eine härtere Erziehung in Großfamilien ganz normal sei - und das Versprechen "Wir kümmern uns". "Das hat dann achteinhalb Jahre gedauert", fügte der 27-Jährige hinzu, der seit seiner Heirat den Nachnamen seiner Ehefrau trägt. "Alle haben die Augen zugemacht. Keiner hat der Familie geholfen", fügte er hinzu. Auch nachdem er selbst aus dem Haus der Familie in Fluterschen ausgezogen war, habe er jedes Jahr beim Jugendamt nachgehört. "Nichts hat sich getan", resümierte Björn B.

Das Jugendamt hat dagegen jedes Versäumnis von sich gewiesen. "Wir hatten keine Handhabe", hatte der Sprecher des Jugendamtes Altenkirchen, Joachim Brenner, am Freitag gesagt. Die Vorwürfe, dass der Beschuldigte Detlef S. mit seiner Stieftochter Kinder gezeugt habe, hätten damals auch von der Polizei nicht aufgeklärt werden können, weil das mutmaßliche Opfer die Missbrauchsfälle stets vehement verneint habe.

"Wir haben über viele Jahre sehr gewalttätige, schreckliche Erfahrungen gemacht", beschreibt der 27-jährige Adoptivsohn das Martyrium. Prügel seien an der Tagesordnung gewesen. Der Vater habe die Kinder mit einem Gürtel der Bundeswehr zusammengeschlagen. Er hoffe, dass sein Stiefvater nie wieder aus dem Gefängnis komme.

Ab Dienstag muss sich der 48-jährige Detlef S. vor dem Landgericht Koblenz verantworten. Er soll seine leibliche Tochter und seine beiden Stiefkinder über Jahre hinweg sexuell missbraucht und zum Teil zur Prostitution gezwungen haben. Mit der Stieftochter soll er dabei insgesamt acht Kinder gezeugt haben.

Die Polizei konnte S. erst festnehmen, nachdem die Stieftochter einen an ihn gerichteten Abschiedsbrief seiner eigenen Tochter gefunden und an das Jugendamt weitergeleitet hatte. Die junge Frau wollte ausziehen und vorher noch einige Dinge loswerden.

Detlef S. bestreitet nach Angaben seines Verteidigers die Vorwürfe. Einem DNS-Gutachten zufolge soll er jedoch mit 99,9-prozentiger Sicherheit Vater der acht Kinder seiner Stieftochter sein. Das erste Kind, ein Junge, starb wenige Wochen nach der Geburt an plötzlichem Kindstod. Es ist im Nachbardorf begraben. S. sitzt seit dem 10. August in Untersuchungshaft.

ler/dpa/dapd



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.