Missbrauchsfall im Westerwald "Ich liebe ihn noch immer"

Detlef S. konnte seine Familie jahrzehntelang ungehindert missbrauchen und erniedrigen, weil er sie abschottete und isolierte. Vor dem Landgericht Koblenz berichtete seine Tochter nun weinend von Vergewaltigung und Prostitution - und davon, dass sie ihren Vater dennoch nicht hasse.

DPA

Von , Koblenz


Detlef S. brauchte kein Verlies, keine Fesseln, keinen Maulkorb. Seine Familie muckte nicht auf, ließ den arbeitslosen Lastwagenfahrer wie einen Despoten ungehindert wüten. Acht Kinder waren ihm ausgeliefert.

Am Mittwoch sagte seine 18-jährige Tochter vor dem Landgericht Koblenz aus. Sie hatte mit einem Abschiedsbrief den Fall überhaupt erst ins Rollen gebracht. Detlef S. soll sie und ihre Halbschwester jahrelang sexuell missbraucht, an Freier verkauft und mit der Halbschwester acht Kinder gezeugt haben. Der Fall gilt als beispiellos in Deutschland.

Die 18-Jährige brach bereits nach wenigen Worten im Zeugenstand zusammen, musste von ihrer Anwältin Sandra Buhr gestützt den Saal verlassen. Buhr stellte daraufhin den Antrag, dass Detlef S. während der Zeugenaussage den Raum verlassen solle.

In Abwesenheit des Vaters beschrieb die Tochter die perversen Erniedrigungen, die sie erleiden musste. "Es war eine erschütternde Schilderung", sagte Richter Winfried Hetger. Die Zeugin sei sehr ergriffen gewesen, habe häufig Pausen machen müssen und heftig geweint.

Der Verteidiger des Angeklagten bat um kurze Unterbrechung, kehrte schließlich zurück. "Mein Mandant hat vor, die Vorwürfe zum Nachteil seiner Tochter einzuräumen", erklärte Thomas Düber. Detlef S. betrat erneut den Saal. Auf die Frage des Richters, ob die Anklagepunkte die 18-Jährige betreffend zuträfen, antwortete der 48-Jährige: "Ja."

Für viele Prozessbeobachter völlig unverständlich hatte die 18-Jährige während ihrer Aussage erklärt: "Ich liebe meinen Vater immer noch sehr. Ich hasse ihn nicht und ich will ihm das auch noch einmal persönlich sagen." Dazu gab ihr das Gericht am Mittwochabend die Gelegenheit, "weil dies der ausdrückliche Wunsch von beiden ist".

"Das Wiedersehen der beiden verlief sehr tränenreich und emotional", sagte der Anwalt von Detlef S., Thomas Düber, später. Die Zeugin habe sich an eine Zeit erinnert, die auch schön gewesen sei. "Ich habe selten eine so neutral belastende Zeugin erlebt."

Am Donnerstag wird Detlef S. dem Anwalt zufolge ein Geständnis ablegen. Eine Ankündigung, die seiner Stieftochter und seinem Stiefsohn eine Aussage vor Gericht hätte ersparen können. So aber quälte sich am Mittwochvormittag auch Stiefsohn Björn B. in den Zeugenstand.

"Mit der flachen Hand, der Faust, der Peitsche"

Der 28-Jährige hatte gezögert, ob er die Öffentlichkeit während seiner Aussage ausschließen lassen solle. Er wolle anderen Betroffenen Mut machen, sich zur Wehr zu setzen, hatte er vor Journalisten gesagt. Niemand solle die Tortur erleiden, die ihm selbst widerfuhr, ihm die Kindheit raubte.

Doch als es soweit war, verfiel Björn B. in alte Muster: Er bekam Angst. Nur die, die es hören mussten, um über Detlef S. zu richten, sollten am Mittwoch im Gerichtssaal bleiben. Die Verletzungen durch das Erlebte seien noch lange nicht verheilt.

Björns Mutter zog mit Detlef S. zusammen, als Björn und seine Zwillingsschwester ein halbes Jahr alt waren. Die Mutter heiratete den gelernten Maurer. Er sollte für Björn und seine drei Geschwister der neue Vater sein. Vier gemeinsame Kinder wurden danach geboren, im Jahr 2000 adoptierte Detlef S. seine vier Stiefkinder.

Vor Gericht schilderte Björn B., der den Nachnamen seiner Frau annahm, das gewalttätige Umfeld, in dem er aufwuchs. Detlef S. habe alle verprügelt, von klein auf, immer wieder - auch Björns Mutter. Mit der flachen Hand und mit der Faust. Mit einem Bundeswehrkoppel, einem Stock, den man zum Herunterziehen der Dachbodenleiter benutzt, oder mit einer selbstgebauten Peitsche - einem kurzen Holzstock mit sieben Lederriemen. Oft hätten er und seine Geschwister 20 Zentimeter lange Verletzungen davon getragen.

Gründe habe Detlef S. für die Gewaltexzesse nicht gebraucht, sagte Björn B. Sein Stiefvater habe aus "nichtigen Anlässen" auf sie eingeschlagen oder für Dinge, "die wir gar nicht gemacht haben".

Als er zwischen vier und sechs Jahre alt war, habe sich Detlef S. einmal zwischen ihn und seine Zwillingsschwester gesetzt und beide zeitgleich missbraucht. In der Anklageschrift ist von zwei Vorfällen gegen Björn B. die Rede, erinnern kann sich der 28-Jährige nur an einen.

Nicht verdrängen lassen sich bis heute jedoch die zahlreichen sexuellen Übergriffe: Wie er als Junge unter der Dusche steht, der Stiefvater ihn zwingt, sich selbst zu befriedigen, und ihm dabei zuschaut.

Kein Durchkommen für das Jugendamt?

Als Björn B. 15 Jahre alt ist, fasst er schließlich Mut, wendet sich ans Jugendamt, das die Familie längst betreut. Doch der zuständige Mitarbeiter vertröstet ihn. Eine "härtere Erziehung" sei in Großfamilien wie seiner "normal".

Als er im Mai 2002 seine Halbschwester mit Blut an den Oberschenkeln im Bad sieht, konkretisiert sich der Verdacht, den Björn schon länger hat: Der Stiefvater missbraucht seine beiden Schwestern, die anderen Geschwister sind allesamt Jungen.

Er konfrontiert den Stiefvater mit seinen Ahnungen, doch Detlef S. streitet alles ab, spricht von "frühreifem Zustand" - und wird wütend. Erst recht, als auch andere Familienmitglieder Björn beispringen. Die Situation eskaliert. Detlef S. prügelt seine Ehefrau Erika bewusstlos. Die weinenden Kinder alarmieren den Notarzt und die Polizei.

Björn und sein Bruder Sven packen auf der Wache aus, berichten von den brutalen Gewaltorgien und den sexuellen Übergriffen, die sich in dem Fachwerkhaus der Familie in Fluterschen im Westerwald abspielen.

Sie sollen sich ans Jugendamt wenden, raten die Polizisten. Doch Björn B. lässt es dabei, zu oft sei er dort gewesen, erzählt er - und nie sei etwas passiert.

Das belegt auch die Akte des Amtes. Demnach hat Sven S. dort angegeben, dass er vermute, seine Schwester sei drei Mal von Detlef S. geschwängert worden. Zudem vermerkt ist die Beobachtung seines Bruders, wie dieser die jüngere Schwester im Bad ertappt. Notiert ist auch, dass Sven "erhebliche Angst" davor habe, dass sich der Vater an ihm rächen werde.

Bei einem Eintrag aus dem Jahr 1998 hält eine Mitarbeiterin des Jugendamtes fest, dass sie die "tatsächliche Lebenssituation" der Familie S. als "undurchsichtig" einschätze. Es sei "kein Durchkommen" möglich. Björn und seine Zwillingsschwester würden leugnen, dass der Stiefvater sie schlage und wollten nicht aus der Familie genommen werden. Auch die anderen Kinder stritten demnach alles ab.

Dokumentiert ist auch eine Befragung von Björn B. bei der Polizei im Februar 1998, ob ihn Detlef S. auf die Nase geschlagen habe. "Niemals!", soll der Teenager damals behauptet haben. Etwa mit dem Rohrstock? "Um Gottes Willen!", sagt Björn laut Vernehmungsprotokoll. Wenn überhaupt schlage der Vater mit "der flachen Hand". Und auch nur, weil Björn "nicht so gut in der Schule" und deshalb manchmal "patzig" zu den Eltern sei. Vielmehr würden sie mal Taschengeld entzogen kriegen. "Dann müssen wir es aber schon weit getrieben haben."

Im März 1998 sitzt Björn wieder bei der Polizei. Er soll einen Ameisenhaufen angezündet haben. Gegenüber den Beamten behauptet er laut Protokoll, er vermute, es sei einer seiner Brüder gewesen. Doch er wolle lieber schweigen. Sonst würde ihm sein Stiefvater "wieder vorhalten, ein schlechtes Licht auf die Familie zu werfen". Und dann gäbe es Prügel.

Einstweilige Verfügung gegen "aufdringliche" Lehrer

Gleichzeitig vertraut sich Björn B. seiner Lehrerin an. Das Jugendamt vermerkt in seiner Akte, der Junge habe die Lehrerin um Hilfe gebeten. Diese beschrieb ihn als "aufgelöst", er habe viel geweint und von Suizid gesprochen.

Dokumentiert ist auch, dass Björn gegenüber dem Jugendamt angab, Detlef S. habe ihn gezwungen, Aussagen bei der Polizei zurückzuziehen. Immer wieder sei er vom Stiefvater eingeschüchtert worden, Nachbarn hätten ihn ermutigt, sich zur Wehr zu setzen.

Bei einem Besuch im Haus der Familie im März 1998 nimmt Björn alle Beschuldigungen gegenüber dem Stiefvater wieder zurück. Als die Mitarbeiterin des Jugendamtes zur Tür ist, läuft er ihr gar nach und beteuert, alles sei in Ordnung.

Die Lehrerin knöpft sich Detlef S. Dokumenten zufolge selbst vor. Er unterstellt ihr am Telefon, sie würde Björn aushorchen und droht ihr. Die Lehrerin bestellt die Eltern in die Schule.

Detlef und Erika S. erscheinen gemeinsam mit Björn. Der Junge wirkt eingeschüchtert und erklärt vor dem Rektor und der Lehrerin, die Lehrerin dränge sich ihm auf. Er habe ihr dabei fest in die Augen gesehen, sagt die Lehrerin später gegenüber dem Jugendamt. Sie habe deutlich seine Angst vor dem Stiefvater gespürt.

Detlef S. lässt nicht locker. Er schreibt an das Jugendamt, die Mitarbeiter sollten sich seinen Kindern nicht mehr nähern. Er habe eine einstweilige Verfügung erwirkt.

Björn B. entzieht sich dem totalitären Regime unter Detlef S., indem er auszieht, als er 18 Jahre alt ist. "Das wirst du bereuen!", habe ihm sein Stiefvater nachgerufen. "Ich bereite dir die Hölle!"

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