Missbrauchsfall im Westerwald Regime der Angst

Zwei Jahrzehnte tyrannisierte Detlef S. seine Großfamilie, zeugte mit seiner Stieftochter acht Kinder. Das Jugendamt war gewarnt, doch niemand beendete das Martyrium. Jetzt soll im Prozess geklärt werden, wie der Missbrauch so lange andauern konnte.

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Hamburg - Ihr Auftritt dauerte keine drei Minuten. In einem schwarzen Blazer, darunter eine weiße Bluse, öffnete Ines S.* die Haustür des hellen Fachwerkgebäudes und sagte nervös, aber entschlossen: "Es ist für Außenstehende schwer zu verstehen. Es hat mit der Psyche und den Zwanghaftigkeiten zu tun." Danach bat sie höflich um Rücksicht, was ihre Kinder und jüngeren Geschwister angehe, und verabschiedete sich.

15 Jahre lang hat Ines S. eisern geschwiegen. 15 Jahre lang Gewalt, Missbrauch und Erniedrigungen ertragen. Ihr Stiefvater vergewaltigte sie, seit sie zwölf Jahre alt war, und zeugte acht Kinder mit ihr. Das älteste ist heute elf Jahre alt, das jüngste 17 Monate. Alle lebten im 750-Einwohner-Dorf Fluterschen im Westerwald unter einem Dach. Ein Missbrauchsfall in dieser Dimension ist beispiellos in Deutschland.

Detlef S. muss wie ein Tyrann über die Familie geherrscht haben, so rekonstruieren es die Anwältinnen der Opfer.

Der Fernfahrer lernte Ines' Mutter Mitte der achtziger Jahre kennen, als Ines und ihr Zwillingsbruder gerade sechs Monate alt waren. Außerdem brachte die Mutter noch zwei ältere Söhne mit in die Beziehung.

Detlef S. zog mit der Familie zusammen. Nach der Hochzeit adoptierte S. die vier Kinder, gemeinsam bekam er mit seiner Frau weitere vier: ein Mädchen, drei Jungen. Der jüngste von ihnen ist heute 15 Jahre alt.

Die Opfer-Anwältinnen berichten von einem wahren Martyrium: Detlef S. arbeitet in jener Zeit als Fernfahrer, ist oft unterwegs. Wenn er zu Hause ist, trinkt er und schlägt zu. Er verprügelt die Kinder und seine Ehefrau mit der bloßen Hand, einem Gürtel, einer Peitsche. Manchmal bis zur Bewusstlosigkeit.

Als Ines zwölf Jahre alt ist, fällt er über sie her, missbraucht sie. Ihren Zwillingsbruder penetriert er bereits seit frühen Kindesjahren. Auch an seiner leiblichen Tochter vergeht er sich.

Als S. schließlich seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verliert, nimmt seine Brutalität gegenüber den Kindern und der Frau noch zu.

Jugendamt hält Hinweis für "Rachefeldzug"

Mit 16 Jahren erwartet Ines das erste Kind von ihrem Stiefvater, heißt es weiter. Sieben Schwangerschaften werden noch folgen. Detlef S. begleitet die junge Frau zu jeder Untersuchung beim Frauenarzt, ist bei allen acht Geburten im Krankenhaus von Altenkirchen im Kreißsaal an ihrer Seite. Nach außen mimt er den liebevollen Großvater.

Ines' Zwillingsbruder alarmiert nach jeder Geburt das Jugendamt, erstattet sogar Anzeige. Die Kinder sehen dem Stiefvater auffallend ähnlich, das macht ihn misstrauisch. Doch die Behörde tut die Beschuldigungen des Zwillingsbruders ab, unterstellt diesem, er führe gegen seinen Stiefvater einen "Rachefeldzug" - und stellt die Bemühungen vorerst ein.

Ein Onkel wendet sich ebenfalls an das Jugendamt. Auch die Hebamme, die drei der Kinder zur Welt bringt, wundert sich. Beim ersten Mal habe sie sich noch nichts dabei gedacht, beim zweiten Mal sei sie jedoch misstrauisch geworden, sagte die 57-Jährige. Ines habe resigniert gewirkt, so als wolle sie die Geburt nur schnell hinter sich bringen und dann wieder raus aus der Klinik. Gemeinsam mit dem leitenden Stationsarzt habe auch sie das Jugendamt informiert, so die Hebamme.

Ines S. selbst schweigt all die Jahre.

Dem Jugendamt sind die Hände gebunden. Die Stieftochter habe die Missbrauchsfälle stets vehement abgestritten, sagt Joachim Brenner, Sprecher der Behörde in Altenkirchen. Ohne Ines' Aussage sind die Mitarbeiter des Amts machtlos, ohne ihre Zustimmung können sie keinen Vaterschaftstest veranlassen. Laut Brenner habe Ines S. auf routinemäßige Nachfragen immer wieder andere Geschichten erzählt. Eine davon diktiert der Stiefvater: Detlef S. zwingt Ines, einen Brief ans Jugendamt zu schreiben, in dem sie behauptet, sie gehe oft in Discotheken, habe wechselnde Sexualpartner und kenne den Vater ihrer Kinder daher nicht.

"Es brauchte kein Verlies"

Im Februar 2008 schließlich meldet sich ein Mann "aus dem familiären Umfeld" beim Jugendamt und erkennt alle Vaterschaften an. Er ist ein Kumpel von Detlef S., stammt aus dem Nachbardorf. "Vermutlich hat er dafür Geld genommen", sagt Ines' Rechtsanwältin Katharina Hellwig.

Den Hinweisen sei das Jugendamt immer nachgegangen, so Brenner. Bei einer Untersuchung der Kinder seien aber keine Spuren von Misshandlungen festgestellt worden. Auch habe keines der Kinder den Vater oder Stiefvater beschuldigt.

"Dennoch hätte man den Hinweisen nachgehen müssen", sagt Hellwig. Auch gibt es weitere schwere Vorwürfe: Detlef S. soll Ines sowie seine leibliche Tochter an Bekannte "vermietet" haben, die sich für 30 bis 40 Euro an ihnen vergehen durften. Ab 18. März steht einer der Männer wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht.

Warum aber hat Ines S. den Ehemann ihrer Mutter all die Jahre geschützt?

Der psychische und physische Druck, den der Stiefvater auf sie ausgeübt habe, sei enorm gewesen, erklärt Rechtsanwältin Hellwig. "Es brauchte kein Verlies." Es sei so gewesen, als ob alle "Knebel im Mund und Fesseln an den Füßen" gehabt hätten.

"Keiner hat einen Mucks nach außen gemacht"

Im Sommer 2010 hält Detlef S.' leibliche Tochter dem Druck nicht länger Stand. Jahrelang hat ihr Vater auch sie vergewaltigt, jedoch penibel darauf geachtet, dass sie nicht schwanger wurde. Nun ist sie 18 Jahre alt und will ausziehen. An ihre Mutter verfasst sie einen Brief. Die Tochter will, dass sie endlich erfährt, was sich noch alles unter dem Dach des Fachwerkhauses abgespielt hat. Sie schreibt, hört auf, fängt Tage später einen neuen Brief an, legt auch diesen beiseite, startet mehrere Versuche.

Im August findet Ines diese Briefe. Bis dahin ahnte sie nur, dass der Stiefvater auch ihre Halbschwester vergewaltigte. Anvertraut haben sich die Geschwister untereinander nicht - aus Angst. "Der Druck funktionierte auch intern", sagt Hellwig. Es habe eine unerträgliche, einschüchternde Atmosphäre geherrscht, sagt Rechtsanwältin Sandra Buhr, die die leibliche Tochter vertritt. "Keiner hat einen Mucks nach außen gemacht vor lauter Angst."

Ines schickt schließlich einen der Briefe ans Jugendamt, wenig später wird Detlef S. festgenommen. Seit 10. August 2010 sitzt er in Untersuchungshaft. "Auf einmal waren alle erleichtert", sagt Buhr. Auch die Mutter, die sich Detlef S'. nicht erwehren konnte und selbst von ihm malträtiert wurde.

An diesem Dienstag beginnt vor dem Landgericht Koblenz der Prozess gegen den 48-Jährigen. Ines S. hat große Hoffnung in das Verfahren. "Sie will endlich Genugtuung für all das, was er ihr angetan hat", sagt ihre Anwältin. "Sie wünscht sich, dass er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen muss."

Wird Detlef S. aussagen vor Gericht?

Detlef S. streitet die Vorwürfe bislang ab. Einem DNA-Test zufolge ist er mit 99,9 prozentiger Wahrscheinlichkeit der Vater der Kinder, die seine Stieftochter zur Welt brachte. Eines von ihnen starb nach wenigen Monaten am plötzlichen Kindstod.

Sollte Detlef S. ein umfassendes Geständnis ablegen, würde er seinen Opfern eine Aussage vor Gericht ersparen. Das wünschen sich die missbrauchten Schwestern und deren Bruder.

Sollte Detlef S. weiterhin schweigen, ist Ines S. die erste Zeugin, die am Dienstag befragt wird. "Am liebsten würde sie ihm all das direkt ins Gesicht sagen oder entgegenschreien, was sie fast 20 Jahre lang nicht sagen konnte", sagt Katharina Hellwig. Das könne heilsam für sie sein nach den Jahren der Demütigung und Gewaltexzesse. "Doch, wie stark sie ist, werden wir erst am Dienstag sehen."

Ihr Auftritt vor den Fernsehkameras am Freitag sei ein erster Probelauf gewesen. Und den habe Ines S. mutig gemeistert. Zumindest nach außen.

*Name von der Redaktion geändert



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