Missbrauchsfall im Westerwald Stieftochter hofft auf Geständnis

Der Missbrauchsfall im Westerwald weitet sich aus: Ein 63-Jähriger muss vor Gericht, weil er für Sex mit den Töchtern von Detlef S. bezahlt haben soll. S. soll mit seiner Stieftochter acht Kinder gezeugt haben. Das mutmaßliche Opfer äußerte sich nun erstmals.


Koblenz - Im Missbrauchsfall von Fluterschen im Westerwald steht bald auch einer der Männer vor Gericht, an die der 48-jährige Familienvater Detlef S. seine Tochter und Stieftochter für Sex verkauft haben soll. Der Prozess gegen einen 63-Jährigen wegen fünf Fällen von Kindesmissbrauchs beginnt am 18. März in Betzdorf. Das bestätigte das Amtsgericht am Freitag. Der Mann hatte den Vater laut Anklage für Sex mit seinen Töchtern bezahlt.

Nach einem Bericht der "Rhein-Zeitung" soll der Vater, der unter anderem mit seiner Stieftochter acht Kinder gezeugt haben soll, bei dem Missbrauch zugesehen haben. Der 48-Jährige steht vom kommenden Dienstag an in Koblenz vor Gericht.

Seine Stieftochter hat sich nun erstmals geäußert. Sie hoffe auf ein Geständnis ihres Peinigers, sagte die 28-Jährige am Freitag in einem Interview mit dem Nachrichtensender N24. Der Mann soll mit ihr acht Kinder gezeugt haben. Sie betonte in dem Interview: "Ich hoffe, dass er die richtige Strafe bekommt und nie wieder einen Menschen verletzen kann." Die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage fordern Sicherungsverwahrung für den Mann.

Mehr als zwei Jahrzehnte - vom Herbst 1987 bis Sommer 2010 - soll S. aus Fluterschen in Rheinland-Pfalz seine Adoptivtochter missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben. Auch an seiner heute 18-jährigen Tochter und an seinem Stiefsohn soll er sich vergangen haben. Doch weder den Leuten in dem 750-Einwohner-Dorf noch dem zuständigen Jugendamt ist etwas aufgefallen.

Eine Nachbarin erzählte, wie sie immer wieder die Polizei rief - häufig habe es nächtelange Alkoholexzesse und Streitereien gegeben. "Da sind auch die Fäuste geflogen." Der Vater habe die Kinder geschlagen, und auch die Mutter, wenn sie versucht habe zu schlichten. Was sich aber noch hinter dem Gartenzaun abgespielt habe, hätte in der Nachbarschaft niemand geahnt, sagt die Frau.

Familie stritt Missbrauchsvermutungen ab

"Wir haben die Stieftochter häufiger über die Vaterschaft befragt, aber sie hat immer wieder beteuert, dass an den Vermutungen nichts dran sei. Und da enden dann auch unsere Möglichkeiten", sagte der Leiter des Kreisjugendamts Altenkirchen, Hermann-Josef Greb, der "Süddeutschen Zeitung". Seit Mitte 2008 sei "ein- bis zweimal wöchentlich" eine Mitarbeiterin in das Haus der Familie gekommen, um zu helfen. Die Anwältin Sandra Buhr, die die Tochter des Angeklagten als Nebenklägerin in dem Verfahren vertreten wird, sagte der Zeitung: "Wenn dem so gewesen wäre, hätte diese Sache nie passieren können."

Greb sagte, es habe die Vermutung gegeben, dass Detlef S. der Vater der Kinder der Stieftochter sei. Deshalb habe das Jugendamt immer wieder nach dem Vater gefragt. "Das Opfer hat das jeweils abgestritten und erklärt, da sei nichts dran, das seien Unterstellungen", so Greb. Ein Sprecher des Jugendamtes sagte, man keine Handhabe gehabt, weil man ohne Zustimmung der Mutter keinen Vaterschaftstest veranlassen könne. Auch Hinweisen auf Misshandlungen sei man nachgegangen - doch bei einer Untersuchung der Kinder habe es keine Misshandlungsspuren gegeben.

Dem Jugendamt zufolge hat der Bruder der Stieftochter 2002 Anzeige erstattet. Die Vorwürfe, der Stiefvater habe mit seiner Schwester Kinder gezeugt, ließen sich laut Behördensprecher damals aber auch von der Polizei nicht aufklären. Die Ermittlungen scheiterten Greb zufolge daran, dass die Familie stets alles abstritt.

Die Polizei konnte S. erst festnehmen, nachdem die Stieftochter einen an ihn gerichteten Abschiedsbrief seiner eigenen Tochter gefunden und an das Jugendamt weitergeleitet hatte. Die junge Frau wollte ausziehen und vorher noch einige Dinge loswerden.

Detlef S. bestreitet nach Angaben seines Verteidigers die Vorwürfe. Der Zeitung zufolge liegt dem Gericht aber ein DNS-Gutachten vor, das mit 99,9-prozentiger Sicherheit die Vaterschaft des Mannes für die acht Kinder seiner Stieftochter belege. Das erste Kind, ein Junge, starb wenige Wochen nach der Geburt an plötzlichem Kindstod. Es ist im Nachbardorf begraben. S. sitzt aber seit dem 10. August in Untersuchungshaft. Ab kommendem Dienstag muss er sich vor dem Landgericht Koblenz verantworten.

ulz/dpa/dapd



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