Nach Ermittlungspannen im Fall Lügde "Reul muss zurücktreten"

Im Missbrauchsfall von Lügde übersahen die Ermittler immer wieder Beweismittel. Nun fordert die SPD-Fraktion in NRW Innenminister Herbert Reul auf, Konsequenzen aus dem Behördenversagen zu ziehen.

Herbert Reul
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Aufgrund der anhaltenden Ermittlungspannen im Missbrauchsfall von Lügde fordert die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag den Rücktritt von Innenminister Herbert Reul (CDU). "Der Innenminister hat Aufklärung versprochen, er ist gescheitert", sagte Hartmut Ganzke, der innenpolitische Sprecher der SPD dem SPIEGEL. Reul habe "die Lage nicht im Griff" und sei "zu einem Sicherheitsrisiko in diesem Land" geworden. "Reul muss jetzt die Verantwortung übernehmen und zurücktreten."

Hintergrund der Forderung der Opposition ist ein erneuter Fund von Datenträgern am Tatort, einem Campingplatz in Lügde. Dort sollen mehrere Männer um den Hauptbeschuldigten Andreas V. über Jahre mindestens 40 Kinder missbraucht haben.

Andreas V. sitzt seit Dezember 2018 in Untersuchungshaft. Ein örtliches Unternehmen riss in dieser Woche seine Parzelle auf dem Campingplatz ab, nachdem sie zuvor von der Polizei und der Staatsanwaltschaft offiziell freigegeben worden war. Bei den Abrissarbeiten an dem Wohnwagen von V. fanden die Firmenmitarbeiter mehrere Datenträger, die bei den Durchsuchungen der Polizei offenbar nicht sichergestellt worden waren.

"Abrissunternehmer musste Arbeit der Polizei übernehmen"

Laut einer Mitteilung der Polizei Bielefeld handelte es sich um zwei CDs und zwei Disketten, sie wurden in einem Zwischenraum des doppelten Holzbodens des Wohnwagens gefunden. Die Datenträger wurden inzwischen an die Behörde übergeben. Der Rechercheverbund aus "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR hatte zuerst darüber berichtet.

"Ein Abrissunternehmer musste die Arbeit der Polizei übernehmen und Beweismittel sicherstellen, obwohl Reul angekündigt hatte, bei der Aufklärung keinen Stein auf dem anderen zu lassen", sagt Ganzke.

Die Parzelle von V. war seit Dezember mehrmals durchsucht worden. Immer wieder übersahen die Ermittler dabei Beweismittel, wie später bekannt wurde. Zudem nahmen Beamte der Kreispolizeibehörde Lippe, die zunächst für die Ermittlungen zuständig war, offenbar jahrelang Hinweise auf die Taten von V. nicht ernst genug. Aus diesem Grund sieht sich Innenminister Reul schon seit Monaten dem Vorwurf ausgesetzt, für das Behördenversagen in diesem Fall verantwortlich zu sein.

Ganzke geht in seiner Rücktrittsforderung auch auf Fehler der Kreispolizeibehörde Lippe im Umgang mit den Kindern ein. Bei den Vernehmungen wurden wohl Standards für die Befragung von Missbrauchsopfern nicht eingehalten, einige der Geschädigten mussten deswegen inzwischen ein zweites Mal bei der Polizei aussagen.

"Die Vernehmungen der traumatisierten und vergewaltigten Kinder sind zum Teil nicht fachgerecht durchgeführt worden", sagt der SPD-Politiker. "Jetzt müssen die Kinder das Trauma der Vernehmung noch einmal durchleben." Man dürfe die Aufklärung "nicht weiter dem Zufall überlassen", sagt Ganzke. Statt Transparenz sorge Reul "nur für weiteres Misstrauen."

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