Missbrauch in Lügde Jugendamt hatte schon 2016 Hinweise auf Pädophilie

Im Missbrauchsskandal Lügde hat das Jugendamt Hameln trotz mehrfacher Hinweise auf Pädophilie einen tatverdächtigen Mann als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt.

Campingplatz Eichwald
DPA

Campingplatz Eichwald


Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD) räumte auf einer Pressekonferenz ein, dass schon im Jahr 2016 eine Jobcenter-Mitarbeiterin, ein Vater sowie eine Kindergarten-Psychologin einen Pädophilie-Verdacht gegen den arbeitslosen Dauercamper Andreas V. geäußert hätten. Sie habe ein "ungutes Gefühl", soll die Psychologin gesagt haben.

Entsprechende Hinweise seien auch in den Akten vermerkt gewesen, so der Landrat. In der Vergangenheit hatte Bartels stets nur von Hinweisen auf die desolaten Wohnverhältnisse gesprochen.

Auf den Pädophilieverdacht hin sei eine sozialpädagogische Familienhilfe eingesetzt worden. Als im Januar 2017 der Kindergarten des Mädchens meldete, dass sich dieses gut entwickle, sei dem Verdacht nicht weiter nachgegangen worden. Danach wurden V. und das Mädchen weiterhin wöchentlich von einem Träger der Familienhilfe besucht.

Der Tatverdächtige V. soll mit einem Komplizen über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Sein Pflegekind setzte er ein, um weitere Opfer anzulocken. Anfang 2017 hatte der Mann auf Wunsch der im Kreis Hameln lebenden Mutter die Pflegschaft für das Mädchen erhalten, das schon länger bei ihm lebte.

Tjark Bartels (SPD), Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont
DPA

Tjark Bartels (SPD), Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont

Landrat Bartels teilte weiter mit, dass das Jugendamt eine Mitarbeiterin freigestellt habe. Sie soll am 13. Dezember 2018, wenige Tage bevor die Staatsanwaltschaft die Akten der Behörde beschlagnahmte, einen Hinweis entfernt haben.

Dieser bezog sich laut Bartels auf ein Genogramm, eine Art Stammbaum der Beziehungen von Andreas V., in dem aufgezeigt wurde, dass der Pflegevater immer wieder Kontakt zu kleinen Mädchen suche und diese in ein Abhängigkeitsverhältnis bringe. Auch diesen Hinweisen zur Pädophilie hätte laut Bartels entschieden nachgegangen werden müssen.

Bereits Mitte Februar hatte Bartels mitgeteilt, dass das Jugendamt einen Mitarbeiter freigestellt hatte. Dieser hatte eingeräumt, einen Vermerk nachträglich in Akten einsortiert zu haben.

Landrat Bartels entschuldigte sich bei den Opfern.

Auch bei den Ermittlungen der zunächst zuständigen Kriminalpolizei Lippe hatte es massive Versäumnisse gegeben. Der Fall weitete sich zu einem Polizeiskandal aus.

Drei Hauptverdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte es seit 2008 auf dem Campingplatz mehr als tausend Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen gegeben.

sen/ala/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.