Missbrauchsprozess: Mein Freund, der Herr Pfarrer
Missbrauchsprozess in Braunschweig Mein Freund, der Herr Pfarrer
Als Polizeibeamte im Juli vergangenen Jahres das Pfarrhaus in Salzgitter-Lebenstedt durchsuchen, stürmt eine Frau herein und wirft sich Priester Andreas L. an den Hals. "Wir stehen zu dir", sagt sie und umarmt ihn. So hat es der Leiter der damals ermittelnden Sonderkommission beschrieben.
Am Donnerstag sitzt die Frau im Saal 141 des Landgerichts Braunschweig, sechs Schritte von Andreas L. entfernt. Sie als Zeugin, er als Angeklagter. Der Pfarrer hat ihre beiden Söhne missbraucht, jahrelang. Sie weint. Das Vertrauen ist erschüttert, zerstört ist es nicht.
Die Frau tut sich schwer, die Fragen des Gerichts, der Staatsanwältin, des Verteidigers und gar der Nebenkläger-Vertreter zu beantworten. Ihre Söhne, die charakterlich so unterschiedlich sind, weshalb der eine dem Pfarrer mehr ausgeliefert war als der andere, kann sie nicht beschreiben - oder sie will es nicht. Warum sich der Kontakt zum Pfarrer auf einmal intensivierte und auf wessen Initiative hin, das weiß sie nicht mehr - oder sie will es nicht wissen. Das habe sich eben so ergeben.
Andreas L. hat zugegeben, sich zwischen 2004 und 2011 in 280 Fällen an drei Jungen vergangen zu haben, zwei von ihnen waren zu Beginn des Missbrauchs neun Jahre alt. In 223 Fällen soll es sich um schweren Missbrauch gehandelt haben. Er verging sich an ihnen am Tag und am Abend - und manchmal auch morgens vor der Messe. Der 46-Jährige hatte sich das Vertrauen der Eltern erschlichen, die Jungen durften bei ihm übernachten, mit ihm in den Urlaub fahren. Erst nach sieben Jahren vertraute sich einer von ihnen seiner Mutter an.
"Ich beteilige mich nicht an Klatsch und Tratsch in der Gemeinde"
Die Nähe ihrer Söhne, besonders des einen, zum Pfarrer, nein, die sei ihr nicht eigenartig vorgekommen, sagt die Frau im Zeugenstand. Sie ist 44 Jahre alt, blond, kräftig. "Er ist mit allen Kindern gleich umgegangen." Ihre Stimme klingt angestrengt, fast gereizt. Seit Jahren arbeitet sie ehrenamtlich in der Gemeinde. Seit Andreas L. in Untersuchungshaft sitzt, fühlt sie sich dort ausgegrenzt. Man begegne ihr "gruselig". Es gebe Gemeindemitglieder, die sie meiden. Es komme ihr vor wie eine Art stiller Vorwurf: Wie konntest du deine Kinder diesem Mann anvertrauen?
"Das ist schon hartes Brot", sagt sie. Wie sie behandelt werde, sei nicht "sehr christlich". Ihr jüngster Sohn wolle wieder Messdiener sein, aber sie verbiete es ihm - aus Angst, auch er würde ausgegrenzt werden.
Aus ihrem ehrenamtlichen Engagement im Kommunionskurs und der Kinder- und Jugendarbeit entsteht ab 2006 eine enge Freundschaft zwischen ihrer Familie und dem katholischen Pfarrer. Aus dem "Herr Pfarrer" wird "Andreas" oder wahlweise "Andy". Sie spricht von "vielen, schönen Gesprächen", gemeinsamen Ausflügen und der "gemeinsamen Wellenlänge".
Dass Andreas L. zu diesem Zeitpunkt längst ein Kontaktverbot gegen einen weiteren Jungen einhalten muss, davon habe sie gehört, sich aber nicht weiter darum gekümmert. "Ich beteilige mich nicht an Klatsch und Tratsch in der Gemeinde", sagt sie und man ahnt, wie unchristlich und erbarmungslos es dort manchmal zugegangen sein mag.
Die Mutter des ersten betroffenen Jungen, eine verwitwete, alleinerziehende und berufstätige Frau, hatte zweimal das Bistum Hildesheim eingeschaltet. Erstmals 2006, als sie darum bat, man möge dem Pfarrer dienstrechtlich den Kontakt zu ihrem Sohn untersagen. Im Rahmen des Missbrauchsskandals nahm sie 2010 erneut Kontakt auf, es blieb bei dem Kontaktverbot zu dem Jungen, aber der Pfarrer durfte weiterhin mit Kindern arbeiten und Jugendfreizeiten begleiten. Ein drittes Mal informierte sie das Bistum 2011, kurz bevor sie ihn anzeigte.
Das Bistum Hildesheim betont, es habe keine Hinweise auf sexuelle Übergriffe gegeben und auch die Staatsanwaltschaft habe keinen Anfangsverdacht erkennen können. Dennoch hätte das Bistum entschlossener vorgehen können, um zu verhindern, dass sich L. unmittelbar nach dem Kontaktverbot neuen Opfern zuwendet.
In den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum sexuellen Missbrauch von 2002 heißt es: "Auch unterhalb der Schwelle strafrechtlicher Handlungen" könne es "Verhaltensweisen im pastoralen oder erzieherischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen geben", die zu vermeiden seien. Zudem könne auch bei Einzelfällen ein Gutachten angeordnet werden. Die Mutter des Jungen hatte das Bistum darüber informiert, dass Andreas L. Kinder bei sich übernachten ließ und alleine mit ihnen in Urlaub fuhr - wie auch sie es aus grenzenlosem Vertrauen ihrem Sohn erlaubt hatte.
Er war ein angesehener Mann, immer freundlich und hilfsbereit
Vor Gericht gab die Mutter zu, sie sei kurzzeitig gar in den Pfarrer verliebt gewesen. Als sie sich ihm anvertraute, habe er sie abgewiesen, weil er nur der Kirche gehöre. Erst im Juni 2011 erfuhr sie, dass Andreas L. ihren Sohn missbraucht hatte und zeigte ihn sofort an. Im Prozess tritt sie als Nebenklägerin auf.
Zweite Nebenklägerin ist die 44-Jährige, deren zwei Söhne von Andreas L. missbraucht wurden. Dass ihre Kinder als eine Art Ersatz für den ersten Jungen herhalten mussten, um die homopädophilen Neigungen des Pfarrers zu befriedigen, will die Frau im Gerichtssaal nicht wahrhaben. "Ich habe es nicht so empfunden, dass er über uns Kontakt zu den Kindern wollte", sagt sie bestimmt. Der Pfarrer habe sich mit ihr anfreunden wollen. Und sie sich ganz offensichtlich mit ihm. Vor Gericht scheint es, als fühle sie sich noch immer auf irgendeine Art mit ihm verbunden.
Vielleicht ist es das, was Andreas L. den Missbrauch leicht gemacht hat: Die Hochachtung, die ihm als Pfarrer entgegengebracht wurde. Die Eloquenz und Klugheit, mit der er imponierte. Er war in Salzgitter ein angesehener Mann, immer freundlich und hilfsbereit. Staatsanwältin Ute Lindemann beschreibt Andreas L. in ihrem Plädoyer als einen, der Menschen erreichen konnte mit einer besonderen Empathie und einer unkonventionellen Art, der einen "besonderen Draht" zu Jugendlichen hatte. Nach allen Schwierigkeiten, die er im Leben hatte, weil er immer der Außenseiter, der Exot war, kam er als Kaplan und später als Pfarrer "in der Rolle seines Lebens" an.
Für viele in der Gemeinde sei es eine Ehre gewesen, mit dem Pfarrer befreundet zu sein, konstatierte Lindemann. Wie muss sich die enge Bindung da für die Mutter der beiden Brüder angefühlt haben? Sie, die sich aufopfert in der Gemeindearbeit, selbst gläubig ist. Was muss es für ein Schock gewesen sein, als sie erfuhr, dass er einen ihrer Söhne in ihrem eigenen Haus missbrauchte - und sich an dem anderen im Urlaub verging, während sie mit ihrem Mann im Hotel im Nachbarzimmer schlief.
"Erzähl nichts davon, sonst komm ich ins Gefängnis"
Von den zwei Gesichtern des Pfarrers ahnte sie nichts. Der Leiter der Sonderkommission hatte vor Gericht die manipulativen Fähigkeiten des Geistlichen beschrieben, der charismatisch auftreten und ebenso arrogant und kaltschnäuzig sein konnte. So hatte er der Frau, die ihn später anzeigte, einmal Vorhaltungen gemacht, was für eine schlechte Mutter sie sei. Am selben Tag verging er sich an ihrem Sohn.
Die Kinder hatten keine Chance. Mit Geschenken erkaufte sich Andreas L. einen besonderen Platz im Leben seiner Opfer. Er gab ihnen Taschengeld, das sie sich persönlich im Pfarrhaus abholen mussten. Einem Jungen schärfte er nach dem Missbrauch ein: "Erzähl nichts davon, sonst komm ich ins Gefängnis."
Erwähnenswerte Traumata seien bei den Kindern bisher nicht erkennbar, sagten die Mütter aus. Doch "irgendwann werden sie daran zu tragen haben", sagt Staatsanwältin Lindemann.
Als die Mutter der beiden Brüder vor Gericht sitzt, spürt Andreas L., dass sie noch nicht ganz mit ihm gebrochen zu haben scheint. Er bittet sie, ihren Ehemann und die beiden Söhne um Vergebung - "für alles, was ich getan habe".
In ihrem Plädoyer - in dem sie sechseinhalb Jahre Haft fordert - wirft die Staatsanwältin dem Pfarrer vor, seine Opfer nicht um Entschuldigung gebeten zu haben - lediglich um Vergebung. "Ein klerikales Wort!", ruft sie und fragt ihn: "Wo bleibt das aufrichtige Wort der Scham, der Reue?" Im Gottesdienst sei ihm schließlich auch die Emotionalität gelungen, sogar geweint haben soll er bei einer Predigt. Ins Publikum ruft sie: "Wann kapiert der Mann endlich, dass er nicht wegen praktizierender Nächstenliebe vor Gericht steht, sondern wegen schweren sexuellen Missbrauchs?"
Die Antwort gibt Andreas L. selbst. In seinem Schlusswort bittet er seine Opfer noch einmal um Vergebung. "Ich bereue aus ganzem Herzen", sagt er. Das Wort Entschuldigung geht ihm nicht über die Lippen. Andreas L. verhält sich, als habe er keine Schuld auf sich geladen.
In der kommenden Woche wird das Urteil gesprochen.