Missbrauchsskandal an US-Uni Eine Legende muss gehen

Ein ehemaliger Footballtrainer der Penn State University soll mindestens acht Jungen sexuell missbraucht haben. Der Uni-Präsident und der legendäre Chefcoach handelten gar nicht oder zögerlich - und wurden nun entlassen. Ein Lehrstück über die Macht des Sports am Campus.

dapd

State College - Eine der prestigeträchtigsten staatlichen Universitäten der USA ist von einem Missbrauchsskandal betroffen: Top-Offizielle der Pennsylvania State University, kurz Penn State, sollen Missbrauchsvorwürfe gegen den ehemaligen Football-Trainer Jerry Sandusky jahrelang unter Verschluss gehalten haben. Der Fall hat in den vergangenen Tagen so an Dynamik gewonnen, dass bereits mehrere Personen angeklagt wurden. Der größte Paukenschlag kam am Mittwoch: Football-Cheftrainer Joe Paterno, eine Legende im College-Sport, und Uni-Präsident Graham Spanier wurden mit sofortiger Wirkung entlassen.

Der Skandal wurde am vergangenen Samstag öffentlich und nahm schnell Fahrt auf. An diesem Tag wurde Sandusky angeklagt, mindestens acht Jungen mehr als ein Jahrzehnt lang sexuell missbraucht zu haben. Sandusky soll seine Opfer bei The Second Mile gefunden haben, einer Stiftung, die er selbst für Kinder aus schwierigen Verhältnissen gegründet hatte.

Der 67-Jährige war seit 1969 Trainer in Paternos Team, von 1977 bis 1999 war er verantwortlich für die Defensive. Auch nach dieser Zeit hatte er am Trainingsgelände ein Büro, und auch während seiner Rente soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Sandusky bestreitet die Vorwürfe.

Spanier musste gehen, weil er von den mutmaßlichen Vorgängen gewusst haben soll und nichts tat. Er gibt sich überrascht: "Ich war fassungslos und empört, als ich erfuhr, dass ein Missbrauch in Räumen der Universität stattgefunden haben könnte."

"Im Rückblick hätte ich gern mehr getan"

Paterno wurde 2002 von einem Mitglied seines Trainerstabs informiert, der gesehen hatte, wie Sandusky einen Jungen in der Dusche missbrauchte. Paterno gab die Information an die Unileitung weiter und beließ es dabei. "Ich bin von der Entscheidung enttäuscht, aber ich muss sie akzeptieren", ließ Paterno mitteilen. "Im Rückblick hätte ich gern mehr getan."

Als die Nachricht von Paternos Entlassung bekannt wurde, kam es auf dem 45.000-Studenten-Campus zu spontanen Protesten. Einige Studenten randalierten und warfen einen TV-Übertragungswagen um.

Der 84-jährige Paterno galt auf dem Campus als unantastbar und genoss jenseits des Sports großes Ansehen. Nach den Vorwürfen hatte Paterno noch am Dienstag angekündigt, am Ende der Saison zurückzutreten. Diesen Abtritt aus eigenen Stücken wollte ihm die Universität nicht gewähren.

Paterno war in seinem 46. Jahr Cheftrainer und gewann zweimal die Meisterschaft. Seit Jahrzehnten brüstete er sich damit, im Gegensatz zu anderen "Football Factories" - Unis, deren Teams um die Meisterschaft mitspielen und viele spätere Profis hervorbringen - nach dem Motto "Erfolg mit Ehre" zu verfahren. Wie sich nun zeigt, war das Augenwischerei.

Moral bleibt im Milliardenmarkt auf der Strecke

College Football ist in den USA ein Milliardenmarkt. Und die Penn State gehört zu den Großen im Geschäft. Ihre Heimarena, das Beaver Stadium, fasst mehr als 100.000 Zuschauer und ist quasi bei jedem Heimspiel ausverkauft. Das Footballteam bringt der Universität viel Presse und Geld ein. Da hätten Missbrauchsermittlungen nur gestört, zumal sie nicht nur Sandusky beschädigt hätten - sondern auch das Sport-Denkmal Paterno.

Kein Trainer hat auf dem obersten College-Niveau mehr Spiele gewonnen als Paterno: 409. Zum alleinigen Rekordhalter wurde er am 29. Oktober im Spiel gegen die University von Illinois.

Es dürfte der letzte große Auftritt Paternos gewesen sein. Er könnte als Mann in die Footballgeschichte eingehen, dem im Zweifelsfall Erfolg eben doch wichtiger war als Ehre.

ulz/Reuters



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