Befreiung von missbrauchter Fünfjähriger Anwohner stellten mutmaßlichen Täter

Mitten in Hamburg soll ein Mann die fünfjährige Marie* von einem Spielplatz gelockt und sexuell missbraucht haben. Jetzt kommen Details ihrer Rettung ans Licht, an der offenbar die halbe Nachbarschaft beteiligt war: als wütende Menschenmenge vor der Tür des mutmaßlichen Täters.

DPA

Von Rainer Leurs und Gesa Mayr


Über gentrifizierte Viertel mit ihren so schicken wie umstrittenen Neubauten wird viel berichtet. Stadtteile in Bewegung, Leuchtturmprojekte. Wenn Gegenden wie das Phoenix-Quartier in die Schlagzeilen geraten, ist der Anlass meist düster.

Das Viertel liegt südlich der Elbe, gleich hinterm Bahnhof im Stadtteil Harburg. Altbauten sind hier tatsächlich noch alte Bauten. Mehrfamilienhäuser, Kiosk, türkischer Verein. Die Harburger sagen: "Das ist ein heißes Pflaster." Die Menschen im Phoenix-Viertel sagen: "Es wird immer schlimmer, aber wir wohnen halt hier."

Bei 42 Prozent liegt der Ausländeranteil in der Gegend, fast jeder Dritte bekommt Hartz IV. Hier spielte sich am Wochenende ein Verbrechen ab, das bundesweit für Entsetzen sorgte - und an dessen Aufklärung offenbar die halbe Nachbarschaft beteiligt war, in einer merkwürdigen Mischung aus Zivilcourage und Selbstjustiz.

Am Samstagnachmittag soll der arbeitslose Bernd L. die fünfjährige Marie von einem Spielplatz gelockt, sie in seine nahegelegene Wohnung verschleppt und dort sexuell missbraucht haben. Erst Stunden später konnte die Polizei das schwerverletzte Mädchen aus der Gewalt des mutmaßlichen Täters befreien. Entscheidend für die Rettung waren einem Sprecher zufolge Zeugenhinweise, wonach sich Marie auf dem Spielplatz für den Hund eines unbekannten Mannes begeistert hatte. Die Beschreibung des Tieres führte schließlich zu dem 63-Jährigen.

Puppenwagen und Dreirad vor der Tür

Maries Eltern wohnen gerade mal 300 Meter vom Spielplatz entfernt, in einem grauen, zweistöckigen Haus, von dem der Putz abblättert. Vor der Tür liegen Puppenwagen, Dreirad, ein klappriger Roller. In die Fenster hat jemand Weihnachtsmann-Motive geklebt. Eine normale Familie, sagt eine ältere Nachbarin. Sie habe die Mutter immer schimpfen gehört. Nur am Sonntag nicht. Da habe sie gewusst, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Auf dem Spielplatz Bunatwiete gibt es hölzerne Wipptiere, ein Klettergerüst und eine große Korbschaukel. Marie kam gegen 16 Uhr hierher, mit einem anderen Mädchen, zum Toben. Einen erwachsenen Begleiter hatten sie nicht dabei.

Regelmäßig am Spielplatz ist auch Bernd L., wie eine Anwohnerin berichtet. Oft trinke er, sammele Flaschen oder rede mit den Kindern, behauptet sie. Auch am Kiosk und beim türkischen Verein kommt L. immer mal wieder vorbei, einen kleinen Jack-Russell-Mischling im Schlepptau. Den Hund leiht er sich bei einem Nachbarn aus, wohl als verkaufsfördernde Maßnahme, wie der Halter des Hundes vermutet: L. vertreibt als Straßenhändler das Obdachlosenmagazin "Hinz & Kunzt".

Suche am Bahnhof und im Stadtzentrum

Ob der mutmaßliche Täter das Mädchen schließlich gezielt ansprach oder ob Marie selbst auf ihn zuging, ob sie freiwillig mitkam oder mit Gewalt dazu gebracht wurde - all das ist laut Polizei noch offen. "Es gibt Zeugen für gewisse Abschnitte der Tat", sagt Sprecher Holger Vehren. Als sich draußen die Dunkelheit über die Dächer legte, kam das Kind nicht nach Hause.

Kaum vorstellbar, was Maries Verschwinden für die Eltern bedeutet haben muss. Nach eigenen Angaben machte sich Maries Vater gegen 18 Uhr abends auf die Suche, erst im ganzen Phoenix-Viertel, später am Bahnhof und schließlich im Harburger Zentrum - vergeblich. Um 21 Uhr meldete sich Maries Mutter schließlich bei der Polizei und bat um Hilfe.

Keine Minute zu früh, sagen jetzt manche. Einige im Viertel fragen sich, wie eine Mutter ihr kleines Kind bei einbrechender Dunkelheit allein auf den Spielplatz lassen kann. Andere sagen, es sei immer jemand dort gewesen von den Erwachsenen. Jeder habe ein Auge auf jeden gehabt.

Mehr als 40 Beamte beteiligten sich schließlich an der Suche, befragten Passanten und mögliche Zeugen. Erst um kurz nach 23 Uhr, sagt Sprecher Vehren, kam aus dem Umfeld der Familie der Hinweis auf den Hund, den Marie toll fand. Und die Information, zu wem das Tier gehörte.

Tumultartige Szenen

Was sich dann an der Haustür von Bernd L. abspielte, drückt eine Mitteilung der Polizei in größtmöglicher Nüchternheit aus: "Beamte trafen den Deutschen vor seiner Wohnung an." In Wahrheit müssen sich in der Eddelbüttelstraße tumultartige Szenen abgespielt haben. Anwohner hatten den Mann mit Hund identifiziert; schnell sprach sich die Neuigkeit im Viertel herum. Zeugen sprechen von einem Mob, der sich vor der Tür des mutmaßlichen Täters versammelte.

Miterlebt hat die Situation Akdemir Ci, Besitzer eines Kiosks in der Nähe. Marie sei manchmal da gewesen und habe Bonbons gekauft, sagt er. Als er von dem Verbrechen erfuhr, habe er seinen Laden abgeschlossen und sei zum Haus von L. geeilt. Dreißig, vielleicht vierzig Leute hätten dort gestanden. Familienmitglieder, Freunde, Anwohner. "Wir wollten ihn lynchen", sagt Ci, der noch immer aufgebracht ist. "Es ist egal, wessen Kind es ist. Erst deine Kinder, dann meine Kinder."

Als Bernd L. die vielen Leute sah, habe er noch zu fliehen versucht, schildert Cibasmaz Saban, der Leiter eines kleinen türkischen Vereins nebenan, seine Eindrücke. "Aber die haben ihn nicht gelassen." Die Leute hätten gerufen: "Da ist der Mann", und ihn zurückgedrängt. Kurz darauf sei die Polizei gekommen.

Auffällig bislang nur wegen Stalkings

"15 bis 20 Anwohner" seien auf der Straße gewesen, bestätigt Polizeisprecher Vehren. Festgehalten hätten die Leute Bernd L. aber nicht. Stattdessen sei er von sich aus auf die Beamten zugegangen und habe sie in seine Wohnung geführt. Dort fanden die Polizisten das schwer verletzte Kind.

In Hamburg wurde Bernd L. laut Polizei bislang nur einmal auffällig - wegen Stalkings an seiner Ex-Frau. Ob es weitere Delikte in anderen Städten gab, will die Staatsanwaltschaft prüfen.

Als Verkäufer von Obdachlosenzeitungen tritt L. offenbar bereits seit Jahren auf. "Zu uns gekommen ist er 2007, damals direkt von der Straße", sagt Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter und Sprecher von "Hinz & Kunzt". L. sei später in eine Notunterkunft gegangen und von dort in eine Wohnung vermittelt worden - womöglich jene, in der er jetzt Marie gefangen hielt. "Er wirkte sehr unauffällig", sagt Karrenbauer. "Eigentlich eher nett." Alle Mitarbeiter des Magazins seien entsetzt über den Vorfall.

Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs und Körperverletzung

Zeugen wissen nun zu berichten, sie hätten bereits mehrfach Kinder bei L. gesehen. Es steht der Verdacht im Raum, der Arbeitslose habe den Mischlingshund eben nicht nur zur Verkaufsförderung ausgeliehen - sondern um sich leichter an Kinder heranmachen zu können. Man überprüfe diese Angaben, sagt Polizeisprecher Vehren.

Bernd L. sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen, unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Körperverletzung. Zur Tat habe er sich geäußert, sagte eine Sprecherin, nannte allerdings keine Details.

Marie liegt im Krankenhaus, befragt wurde sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch nicht. Sie sei nicht lebensgefährlich verletzt, sagte Vehren, müsse aber sicher noch einige Tage im Krankenhaus bleiben.

Im Phoenix-Viertel herrscht Wut über die Tat, aber auch Entsetzen und Unsicherheit. Jeder kennt hier jeden, natürlich auch die kleine Marie, die so fröhlich und aufgeschlossen wirkte. Jetzt haben die Leute Angst. Adezovic Monira wohnt direkt am Spielplatz. Ihre 14-jährige Tochter ist ausnahmsweise zu Hause geblieben. Sie hat Todesangst, sagt Monira. Ihren Enkel hat sie selbst zur Schule gebracht.

Im Phoenix-Viertel ist an diesem Montag kein Kind allein unterwegs.

*Name von der Redaktion geändert



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