Misshandlungsfall in Essen "Nicht mal einen Hund würde ich so leben lassen"

Waschen konnte er sich nur, wenn es regnete, seine Notdurft musste er im Garten verrichten: In Essen soll ein heute 24-Jähriger jahrelang von seiner Familie eingesperrt und misshandelt worden sein. Ein Nachbar behauptet, er habe mehrmals die Polizei gerufen. Vergeblich.

Von Carolin Jenkner


Köln - Die unfassbaren Leiden des jungen Mannes aus Essen kamen fast beiläufig an die Öffentlichkeit - in einem Prozess, in dem er selbst angeklagt war.

Eine Nachbarin vor dem Haus in Essen-Kray: "Damit hatte keiner gerechnet"
DPA

Eine Nachbarin vor dem Haus in Essen-Kray: "Damit hatte keiner gerechnet"

Am Donnerstag musste sich der 24-Jährige vor dem Landgericht Essen verantworten, weil er Menschen im Stadtviertel angegriffen und einer Rentnerin die Handtasche gestohlen haben soll. Es war kein Strafprozess. Denn als er die Taten begangen haben soll, soll er schuldunfähig gewesen sein.

Es ging bei der Anhörung also darum, ob der Mann in einer Psychiatrie untergebracht werden soll oder nicht. Es war ein unspektakulärer Prozess - bis der Nachbar seine Zeugenaussage machte. "Von dieser Zeugenaussage waren wir alle überrascht. Damit hatte keiner gerechnet", sagte Oberstaatsanwältin Angelika Matthiesen SPIEGEL ONLINE.

Der Nachbar berichtete von menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen der 24-Jährige hauste. Von seiner Familie sei er jahrelang im Keller und in einem Stall im Garten eingesperrt worden. Zu zehnt hätte die Familie, die aus dem heutigen Kongo (ehemals Zaire) stammt, auf 57 Quadratmetern in einer Siedlung im Essener Stadtteil Kray gelebt.

Die Siedlung gilt als sozialer Brennpunkt.

Der junge Mann habe nicht einmal auf die Toilette gehen dürfen. Seine Notdurft musste er laut Zeugenaussagen im Garten verrichten. Waschen konnte er sich nur im Regen. Wenn er aus einem selbstgegrabenen Loch entfloh, hätten die Geschwister ihn auf Anweisung der Mutter unter Prügel zurückgeholt. "Nicht mal einen Hund würde ich so leben lassen", sagte eine Zuschauerin im Prozess laut Lokalzeitung "NRZ".

Beschwerde der Nachbarn - über den Nackten im Garten

Der Zeuge sagte am Donnerstag aus, dass er mehrere Male die Polizei gerufen habe. Auch das Ordnungsamt, der Vermieter und ein amtlich bestellter Betreuer hätten von den Zuständen gewusst, behauptete der Zeuge.

Vermieter des Hauses ist die Stadt Essen. Eine Sprecherin der Stadtverwaltung sagte SPIEGEL ONLINE: "Es gab eine Unterschriftenaktion gegen den Mann im Mai vergangenen Jahres. Nachbarn hatten sich beschwert, weil er sich nackt im Garten gezeigt hatte." Es sei jedoch nicht gelungen, den 24-Jährigen selbst zu Hause anzutreffen.

Vertreter des Ordnungsamts und auch der Betreuer des 24-Jährigen waren am heutigen Freitag nachmittag für SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar.

Ein Sprecher der Essener Polizei sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir sind selbst an dem Fall dran und überprüfen, ob Beamte bei der Familie im Einsatz waren."

Oberstaatsanwältin Angelika Matthiesen bestätigte, dass der psychisch kranke Mann bis Januar unter gerichtlicher Betreuung stand. Es ging vor allem um seine ärztliche Versorgung. Warum die Betreuung im Januar endete, will nun auch die Staatsanwaltschaft wissen: "Wir haben ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet, in dem geprüft wird, ob eine Straftat vorliegt", sagte Matthiesen. Denkbar sind strafrechtliche Vorwürfe gegen die Mutter, aber auch Versäumnisse der Behörden. Die Aussage des Zeugen beschreibt die Oberstaatsanwältin als glaubhaft.

"Es handelt sich nicht um österreichische Verhältnisse"

Der vorsitzende Richter der gestrigen Verhandlung, Rudolf Fink, zeigte sich wie viele Prozessbeteiligte überrascht über die Zeugenaussagen. Doch auch nach den Beschreibungen des Nachbars "handelt es sich nicht um österreichische Verhältnisse", sagte er SPIEGEL ONLINE und spielte damit auf den Inzestfall in Amstetten an. Dort hatte Josef Fritzl seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen gehalten und sexuell missbraucht.

Der 24-jährige Essener wurde am Donnerstag vorläufig in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Nach einem Bericht der "Neuen Ruhr Zeitung" zeigte er sich darüber erleichtert.

Der Prozess gegen ihn wird am 7. August fortgesetzt. Spätestens bis dahin hofft die Staatsanwaltschaft, beurteilen zu können, ob die Zeugenaussage stimmt.

Dann soll auch der Betreuer des Mannes als Zeuge auftreten.



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