Misslungener Amoklauf 83-Jähriger wollte Zeugen Jehovas erschießen

Bewaffnet mit einer Maschinenpistole stürmte Rentner Horst A. ein Gemeindehaus der Zeugen Jehovas in Bielefeld. Er wollte Rache nehmen dafür, dass seine Tochter sich der Glaubensgemeinschaft angeschlossen hatte. Der Anschlag schlug fehl - und der 83-Jährige muss nun ins Gefängnis.

Verurteilter Horst A., 83: "Was man bekämpft, sollte man kennen"
ddp

Verurteilter Horst A., 83: "Was man bekämpft, sollte man kennen"


Bielefeld - Horst A. wird vom Hass getrieben. An einem lauen Sommerabend steigt der 83-Jährige in seinen silbergrauen Opel Astra. Seiner Frau sagt er kein Wort. 20 Kilometer sind es vom westfälischen Halle bis in die Dunlopstraße in Bielefeld-Sennestadt. Vor dem Gemeindezentrum der Zeugen Jehovas stellt er seinen Wagen ab. Der alte Mann ist wild entschlossen, endlich Rache zu nehmen.

Aus dem Kofferraum holt er seine Maschinenpistole - genau 39 Patronen sind in der Waffe - und eine Tüte mit drei gefüllten Magazinen. Ein Samuraischwert lässt der Rentner im Auto. Maskiert betritt er den Gemeindesaal. 81 Zeugen Jehovas beten gerade, Frauen, Männer, Kinder. Es ist der 30. Juli 2009, kurz vor neun Uhr. Horst A. richtet seine Waffe auf die Gläubigen.

Er drückt ab, immer wieder, wie besessen, doch es löst sich kein Schuss. Vielleicht weil sein Handschuh zu dick war, wie ein Kriminaltechniker später mutmaßt, man weiß es nicht.

A. jedenfalls wird panisch und will fliehen, reißt sich die Mütze mit den Sehschlitzen vom Kopf. Doch zu seinem Auto schafft er es nicht. Einer der Gläubigen wirft den damals 82-Jährigen zu Boden. Er habe gedacht, da sei einer aus einer Behinderteneinrichtung entlaufen, wird später ein anderer Zeuge Jehovas dem "Stern" sagen.

Fein gekleidet erscheint der 83-Jährige vor Gericht

Vor dem Bielefelder Landgericht präsentiert sich Horst A. an diesem Dienstag in Gutsherrenart. Grüner Trachtenjanker, rote Krawatte, das Tuch akkurat eingesteckt, den grauen Oberlippenbart ordentlich gestutzt: A. macht nicht den Eindruck eines Verbrechers, der elf Jahre hinter Gitter muss. Wegen 39-fachen Mordversuchs, wie die Vorsitzende Richterin Jutta Albert verkündet.

Horst A. hatte bis zuletzt immer wieder beteuert, er habe die Waffe im Wald gefunden und die Zeugen Jehovas mit der spektakulären Aktion darauf hinweisen wollen, wie leicht ein Anschlag gegen sie gelingen könne. Das Gericht glaubte ihm nicht. Diese Begründung müsse man "der Rubrik Roman zuschreiben", sagte Albert.

Seit Januar hatte die Kammer zu ergründen versucht, was den alten Mann zu seinem missglückten Amoklauf getrieben hat, warum er einen solchen Groll gegen die Gläubigen hegte.

Frühere Aufzeichnungen von Horst A. und die Aussagen seiner nächsten Angehörigen geben Hinweise auf seine Motive.

Es scheint die Tat eines herrischen Vaters gewesen zu sein, der seine Tochter verlor - an die Zeugen Jehovas. Mehr als 40 Jahre ist das her, die Wut schwelte seitdem in Horst A. Niemand bemerkte es offenbar.

Horst A. verliert die Kontrolle über sein bürgerliches Idyll

1967 hat Horst A. gerade eine Umschulung vom Maurer zum Justizvollzugsbeamten hinter sich. Er lebt ein unauffälliges Leben mit seiner Frau, dem einjährigen Sohn Klaus und Tochter Petra. Doch dann tritt die 19-Jährige aus der evangelischen Kirche aus, schließt sich den Zeugen Jehovas an. Ihr Vater ist außer sich, tobt.

Vor Gericht wird die heute 61-jährige Tochter aussagen: "Gutmütig ist ein Wort, das auf meinen Vater schlecht passt." Der Sohn eines strengen Polizeioffiziers aus Ostpreußen hält sich an Werte wie Ordnung und Disziplin.

Als der Kontakt zur Tochter abbricht, verliert Horst A. die Kontrolle über sein bürgerliches Idyll. In einem Brief an Petra schreibt er, dass nun der "Kampf mit verborgenen Waffen" beginne.

1971 gibt es ein Wiedersehen. Die Tochter will den Eltern ihren Verlobten vorstellen, er ist ebenfalls bei den Zeugen Jehovas. Horst A. droht, ihn zu erschießen.

1983 treffen sich Vater und Tochter im Haus einer Tante wieder. Horst A. beordert Petra zu einem Gespräch in die Waschküche, er zieht sich Lederhandschuhe an und verprügelt seine inzwischen 35-jährige Tochter.

2004 trifft sich Horst A. mit dem Zeugen Jehovas Wolfgang S., erzählt ihm von der verlorenen Tochter. Ein Treffen mit Petra wird arrangiert - dieses Mal verläuft es harmonisch.

Seine Waffe nennt er "mein Baby"

Doch der Schein trügt. Längst hat Horst A. seine Bluttat bis ins letzte Detail geplant. In einem Brief an seinen Sohn, den er nie abschicken wird, schreibt Horst A. wenige Wochen vor seiner Tat: Der größte Vorteil im Kampf sei die "völlige Ahnungslosigkeit des Gegners", und "was man bekämpft, sollte man kennen". Er beschreibt auch, wie er sich seine tschechische Maschinenpistole auf dem Schwarzmarkt besorgt hat, nennt die Waffe "mein Baby".

Vor Gericht bezeichnet der 83-Jährige dann die Aufzeichnungen als Notizen für einen Roman mit autobiografischen Elementen.

Das Töten von Menschen musste Horst A. als junger Mann lernen. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte er in Frankreich und an der Ostfront. Die Erlebnisse überforderten ihn, liest der psychiatrische Sachverständige, Carl-Ernst von Schönfeld, vor Gericht aus seinem Gutachten vor. Er bescheinigt dem Angeklagten aber volle Zurechnungsfähigkeit.

Nach der Tat zeigte die 83-jährige Ehefrau Polizeibeamten das Haus, wie der "Stern" berichtete, auch den Raum, den sie nie betrat. Es ist Horst A.s Reich. Ein Porträt Adolf Hitlers hängt an der Wand, in eine Kerze hat der 83-Jährige Hakenkreuze geschnitzt. Hier plante er seinen Rachefeldzug.

Der versuchte Amoklauf von Horst A. machte viele ratlos. Selbst der Psychiater will sich nicht festlegen, ob der alte Mann seiner Umgebung jahrelang nur etwas vorgemacht hat. Vieles deute aber darauf hin, dass Horst A. eine "apokalyptische Schlussinszenierung" geplant habe. Doch wovon Horst A. jahrzehntelang träumte, misslang. Zum Glück.

ada/dpa



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