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07. April 2013, 16:58 Uhr

Mit der Ramme in die Wohnung

MEK-Einsatz gegen Enkeltrickbetrüger

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Ein Betrugsdelikt ist in Deutschland seit Jahren auf dem Vormarsch: der sogenannte Enkeltrick. Banden haben sich auf die per Telefon durchgeführte Masche spezialisiert und verdienen Millionen. Ein Team von SPIEGEL-TV begleitete ein Einsatzkommando, als es eine Profi-Anruferin überrumpelte.

Der Sitz der Limousine ist eigentlich zu klein für das Kreuz von Michael W. Mit 150 Kilometern in der Stunde rast der 50 Jahre alte Einsatzleiter des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) in Karlsruhe mit einem Kollegen über die Autobahn Richtung Pforzheim. Ziel der Reise: die Bleibe der mutmaßlichen Chefin einer mafiösen Betrügerbande. Zweck des Einsatzes: die Vollstreckung eines Haftbefehls. "Wir sammeln uns ein Stück weiter weg an der Einfahrt", gibt der Hüne per Funk an seine Mannschaft durch.

Seit Monaten sind Fahnder Sylwia K. auf der Spur. Die gebürtige Polin ist Teil einer Bande, deren Haupteinnahmequelle der sogenannte Enkeltrick ist. Bei der Masche geben sich die Betrüger am Telefon als Verwandte aus, um ältere Menschen um ihre Ersparnisse zu bringen.

Die Täter operieren über Ländergrenzen hinweg und gehen arbeitsteilig vor: beißt ein Opfer an, wird unter einem Vorwand ein Abholer an die Adresse geschickt, der das Geld von gutgläubigen Senioren in Empfang nimmt. Was haarsträubend klingt, klappt erstaunlich oft. Betagte Bürger sind ideales Jagdrevier für die hochprofessionellen Anrufer. Oftmals vereinsamt und verunsichert, glauben viele Opfer am Ende der Leitung tatsächlich, den Enkel oder andere Verwandtschaft zu erkennen. Die Wehrlosigkeit der Opfer wird schamlos ausgenutzt.

Geringer Aufwand, große Beute

"Durch den demografischen Wandel herrscht auf Täterseite eine Art Goldgräberstimmung", sagt Andreas Gerdon von der Ermittlungsgruppe "Cash Down" in Karlsruhe, die auf Enkeltricktaten spezialisiert ist und auch gegen Sylwia K. ermittelt. Rund drei Millionen Euro Beute registrierte allein seine Dienststelle, die Dunkelziffer ist wohl doppelt so hoch.

"Rate mal, wer da dran ist", lautet häufig die Floskel, die in vielen Fällen geradewegs an die Bargeldreserven der Geschädigten führt. Die wichtigsten Arbeitsgeräte der Täter: Telefonbücher, Handys und jede Menge SIM-Karten. Der Aufwand ist verhältnismäßig gering. Die Beute umso höher. Bei einer vollendeten Tat liegt der Schaden schnell bei 20.000 Euro. Manchmal ist es sogar erheblich mehr.

Das größte Hindernis für eine effektive Bekämpfung des Delikts sieht Ermittler Gerdon in der fehlenden Vorratsdatenspeicherung in Deutschland. "Uns sind häufig die Hände gebunden, weil wichtige Daten einfach weg sind", so Gerdon. Vier bis fünf untereinander verwandt und verschwägerte Clans haben das Geschäft untereinander aufgeteilt und verdienen prächtig. Mittendrin Sylwia K.

Nach Hunderten abgehörten Telefonaten ist für die Ermittler klar: Sylwia K. ist ein absoluter Profi. In ihrem Fall sitzen die Opfer in Polen. Sie spricht fließend polnisch und telefoniert montags bis freitags zu Banköffnungszeiten von Pforzheim aus Telefonbücher im Nachbarland ab. Der Zufall und alt klingende Vornamen entscheiden, welche Nummern gewählt werden.

Auf umgerechnet rund 250.000 Euro schätzt die Polizei den Gesamtschaden, den Sylwia K. mit ihren Anrufen ergaunert haben soll. Nur dank der guten Zusammenarbeit mit polnischen Fahndern steht eine Festnahme jetzt kurz bevor, auch drei Kollegen aus Warschau sind zugegen.

Stürmung mit Ramme und Gebrüll

MEK-Einsatzleiter Michael W. lauert in der Nähe des Hauses, in dem die Verdächtige mit ihrer Familie wohnt. Die Beamten wissen, dass die mutmaßliche Betrügerin auch in diesem Moment wieder telefoniert. "Wir warten noch auf die Info, in welcher Wohnung sie genau lebt", erklärt W. "Vielleicht bekommen wir auch noch einen Schlüssel. Ansonsten machen wir's wie üblich." Soll heißen: mit der Ramme. "Ganz wichtig ist, dass die Verdächtige keine Zeit mehr hat, Beweismittel wie SIM-Karten oder Handys verschwinden zu lassen. Wir müssen schnell sein", so der Einsatzleiter.

Dann ist die Info da, Sylwia K. wohnt im dritten Stock. Im Gänsemarsch und mit der Ramme im Gepäck gehen zwölf MEK-Kräfte die Treppe hoch zur Wohnungstür. Während die Verdächtige in ihrer Wohnung ihr vorerst letztes Opfer am Telefon in ein Gespräch verwickelt, zählt ein MEK-Beamter mit der Ramme an: eins, zwei, rumms. Die Tür bricht, mit lautem Gebrüll stürmen die Polizisten die Wohnung.

Völlig geschockt und mit dem Handy in der Hand sitzt Sylwia K. auf ihrem Bett im Schlafzimmer. Auf frischer Tat ertappt. 13 Handys, polnische Telefonbücher und 4000 Euro in bar werden bei der anschließenden Durchsuchung beschlagnahmt. Sylwia K. kommt in U-Haft, bei einer Verurteilung drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft.

Unter ihren Enkeltrickkollegen ist sie als Expertin für den polnischen Markt eine eher seltene Spezies - in der Regel läuft es umgekehrt: Täter in Polen suchen Opfer in Deutschland. Denn hierzulande ist meist noch mehr zu holen.

Mehr zum Thema erfahren Sie am Sonntag um 22:10 bei SPIEGEL TV auf RTL.

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