Getötetes Baby in Mönchengladbach "Wie grausam ist das?"

Pascal W. ermordete seinen nur 19 Tage alten Sohn auf brutale Weise, die Mutter war im Zimmer nebenan und unternahm nichts. Nun wurde er zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Die Strafe für seine Frau stieß auf Protest.

Angeklagte Pascal W. und Melanie W.
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Angeklagte Pascal W. und Melanie W.

Von Claudia Hauser, Mönchengladbach


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"Das ist doch lächerlich!", ruft ein Zuschauer im Saal 100 des Landgerichts Mönchengladbach, noch während der Vorsitzende Richter Lothar Beckers das Urteil gegen Melanie und Pascal W. spricht. Beckers unterbricht, mahnt zur Ruhe. Und versucht dann in einer einstündigen Begründung deutlich zu machen, wie die 7. Große Strafkammer zu ihrer Entscheidung kam.

Pascal W., 26 Jahre alt, muss wegen Mordes, Misshandlung von Schutzbefohlenen und schweren sexuellen Missbrauchs lebenslang in Haft. Das Gericht stellte außerdem die besondere Schwere der Schuld fest. Er kann also nicht nach 15 Jahren einen Antrag auf Haftentlassung stellen. Die 25-jährige Melanie W. darf das Gericht als freie Frau verlassen. Die Kammer verurteilte sie wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen zu zwei Jahren und setzte die Strafe zur Bewährung aus.

So das Urteil zum Tod von Leo, der nur 19 Tage alt wurde.

"Sie können gern glauben, dass Sie es besser wissen als wir", sagt Richter Beckers nach dem Zwischenruf des Zuschauers. Die Staatsanwaltschaft hatte für Melanie W. wegen Totschlags durch Unterlassen siebeneinhalb Jahre Haft gefordert. Sie soll sich schlafend gestellt haben, während ihr Mann in der Nacht zum 21. Oktober 2015 Leo über einen Zeitraum von drei Stunden quälte und schließlich tötete, indem er den Kopf des Jungen dreimal gegen eine Tischkante schlug.

"Er hatte das Gefühl, dass Leo ihm die Frau gestohlen hat"

Melanie W. bestritt bis zuletzt, die Schreie gehört zu haben. "Wir sind davon überzeugt, dass sie etwas mitbekommen hat", sagt Beckers. "Die Frage ist: Wie musste sie die Schreie interpretieren?" Musste Melanie W. damit rechnen, dass ihr Mann den gemeinsamen Sohn tötet? Das Gericht verneint diese Frage. Auch wenn die Geburt des Jungen die Beziehung des Paares belastet hat.

Pascal W. war von Anfang an eifersüchtig auf den Säugling, der Melanies Aufmerksamkeit für sich einnahm - so hatte er es empfunden. Weinte das Baby, fühlte sein Vater sich gekränkt und provoziert, drückte es die Trinkflasche unkoordiniert mit den Armen zur Seite, fasste er das als "Missachtung seiner Person" auf. Er betrachtete den Jungen mit einer "gänzlich verzerrten Wahrnehmung" wie einen Nebenbuhler, einen Konkurrenten auf Augenhöhe.

"Er hatte das Gefühl, dass Leo ihm die Frau gestohlen hat", heißt es in der Urteilsbegründung. Das Kind sollte sterben, damit Pascal W. wieder im Mittelpunkt stehen konnte. Der psychiatrische Gutachter hatte Pascal W. als "selbstsüchtig, selbstverliebt und empathielos" beschrieben. Pascal selbst hatte sich dem Gutachter gegenüber als "hochaggressiv" bezeichnet.

In der Tatnacht nahm Pascal W. Leo gegen 23.30 Uhr aus seinem Bettchen im Schlafzimmer und brachte ihn ins Wohnzimmer. Das Paar hatte sich die Nächte aufgeteilt: Wenn Melanie W. sich um Leo kümmerte, schlief ihr Mann - und umgekehrt. Was genau in jener Nacht passiert ist, wissen die Ermittler vor allem durch Pascal W.s umfassendes Geständnis bei der Polizei, nachdem er mit den Ergebnissen der Obduktion konfrontiert worden war. Er hatte seiner Familie vorgespielt, Leo sei am plötzlichen Kindstod gestorben.

"Wir haben hier Dinge gehört, die nicht zu glauben sind"

Das spätere Geständnis sei "der einzige Pluspunkt", so das Gericht. Außerdem sei es glaubwürdig. "Es wird kaum vorstellbar sein, dass jemand so etwas erfindet", sagt Beckers. Pascal W. fütterte und wickelte seinen Sohn in der Tatnacht. Leo sei ihm dann aus der Hand gerutscht, auf den Tisch geknallt und habe sich nicht mehr beruhigen lassen. "Pascal W. hat nach einer Stunde beschlossen, Leo zu töten und sich dafür weitere zwei Stunden Zeit genommen - wie grausam ist das?", sagt Richter Beckers.

Pascal W. setzte sich minutenlang auf den Jungen, schlug ihn, schüttelte ihn und missbrauchte ihn auf massivste Art sexuell - das alles überlebte Leo. Er starb, als Pascal W. ihn schließlich mit dem Hinterkopf auf die Tischkante schlug. Dass er den Säugling aus einem "Macht- und Überlegenheitsgefühl" vorher noch sexuell missbraucht hat, ist eine der Tatsachen, die alle Prozessbeteiligten "erschüttert zurücklassen", wie Beckers sagt. "Wir haben hier Dinge gehört, die nicht zu glauben sind." Pascal W. habe sich auf niedrigster Stufe und abscheuliche Art und Weise an einem unschuldigen Opfer abreagiert.

Melanie W. hätte die Tat verhindern können - davon ist das Gericht überzeugt. Sie hätte aufstehen und den schreienden Jungen zu sich holen können. Doch sie ging erst am nächsten Morgen ins Wohnzimmer. Dass sie absichtlich still gehalten, den Tod des Jungen in Kauf genommen hat, konnte die Kammer ihr nicht nachweisen. Der Junge habe nicht die ganze Zeit durchgeschrien, es habe ruhige Phasen gegeben, so Beckers. Möglicherweise glaubte Melanie W., ihr Mann hätte den Jungen beruhigt.

"Sie wusste, dass sie ihrem Mann eigentlich nicht vertrauen kann, dass er nicht gerade mitfühlend ist", sagt Beckers. Pascal W. hatte Leo in den Tagen zuvor bereits mit Milch verbrüht, was erst bei der Kinderärztin ans Licht gekommen war. Melanie W. wusste auch, dass ihr Mann eifersüchtig auf den Kleinen war. Sie hatte ihn deshalb einmal in den Arm genommen und ihm versichert, dass sie ihn liebe. Bei der Polizei hatte sie ausgesagt, dass sie ihrem Mann einen Vertrauensbeweis erbringen wollte, indem sie ihm Leo überlässt.

"Ich wäre gestorben für mein Kind"

Ist sie deshalb in der Tatnacht nicht ins Wohnzimmer gegangen? Wollte sie ihrem Mann das Gefühl geben, sie traue ihm zu, Leo allein beruhigen zu können?

Melanie W. weint auch an diesem letzten Prozesstag viel. "Ich wäre gestorben für mein Kind", hatte sie im Verfahren gesagt. Leo sei ein absolutes Wunschkind gewesen.

Pascal W. sackt bei der Urteilsbegründung zusammen, lässt den Kopf tief sinken und verharrt so, bis die Justizbeamten ihn abführen.

Melanie W. verlässt den Saal durch einen Hinterausgang, ohne ihren Mann noch einmal anzusehen.


Zusammengefasst: In Mönchengladbach ist ein 26-Jähriger unter anderem wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden, nachdem er seinen 19 Tage alten Sohn umgebracht hatte. Die Mutter erhielt wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen eine Bewährungsstrafe. Die Strafe für die Mutter stieß im Gerichtssaal auf Unverständnis, da sie zur Tatzeit in einem Nebenzimmer war und nichts unternahm.



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