Mord an Immobilienmakler Drei Schüsse aus der Beretta

Hinterhalt auf der Berliner Fischerinsel: Der Makler Friedhelm Sodenkamp wurde im November 2008 beim Abendspaziergang erschossen. Den Auftrag zu der Bluttat sollen seine Geschäftspartner gegeben haben. Nun stehen die Unternehmer Benjamin L. und Thorsten L. vor Gericht.

Von


Hamburg - Adam M. tötet angeblich, wenn der Preis stimmt: Dieses Gerücht kursiert im Berliner Milieu. Der 41-jährige Pole soll am 7. Oktober 2008 eine Armbrust samt Pfeil gepackt und in der Dunkelheit auf den Mann gewartet haben, den er mutmaßlich im Auftrag von Thorsten L. und Benjamin L. ermorden sollte: Friedhelm Sodenkamp, 59 Jahre alt, Jurist und Immobilienmakler, vermögend.

Friedhelm Sodenkamp: Tod auf der Fischerinsel
Steffen Pletl

Friedhelm Sodenkamp: Tod auf der Fischerinsel

Als Sodenkamp die Sebastianstraße in Berlin-Mitte passiert, so wie er es jeden Abend tut, wenn er mit seinem Jagdhund Max Gassi geht, soll Adam M. angelegt und gezielt haben - allerdings daneben. Der erste Mordversuch ist laut Anklageschrift gescheitert. Der Pole entkommt unerkannt.

Am 3. November lauert Adam M. dem Makler den Ermittlungen zufolge um 19.25 Uhr erneut auf. In seiner Jackentasche eine Beretta 1934, Kaliber 9 Millimeter. Sodenkamp schlendert im Trenchcoat über die Fischerinsel.

An der Uferpromenade am Spreekanal, zwischen der Roßstraßen- und der Grünstraßenbrücke, soll sich der bewaffnete Pole an Sodenkamp herangepirscht und dreimal auf den 59-Jährigen geschossen haben - zweimal in den Oberkörper, einmal in die Schläfe. Laut Ermittlern ist der verwundete Sodenkamp mit einem Kopfschuss regelrecht liquidiert worden - und wieder kann Adam M. inkognito fliehen.

Bundesweites Aufsehen

Passanten finden die Leiche. Der Fall sorgt bundesweit für Aufsehen - und für Spekulationen: Von Mafiakontakten und dubiosen Geschäften des Opfers mit osteuropäischen Gestalten ist die Rede. Doch es kommt anders: Bereits am 12. Dezember nimmt die 7. Mordkommission des Landeskriminalamtes Berlin Thorsten L. fest. Der 47 Jahre alte Bauunternehmer soll den Mord an Sodenkamp in Auftrag gegeben haben.

In den Vernehmungen packt Thorsten L. schließlich aus: Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Benjamin L., 31, habe er Sodenkamp aus dem Weg räumen wollen. Jener wird eine Woche später nach einem Karibik-Urlaub direkt am Frankfurter Flughafen festgenommen. An diesem Dienstag beginnt nun der Prozess gegen das Duo wegen gemeinschaftlicher Anstiftung zum Mord.

Die beiden Bauunternehmer betrieben eine kleine Sanierungsfirma in Berlin-Reinickendorf und sollen im Herbst 2008 für Sodenkamp aufwendige Aufträge im Wert von vier Millionen Euro ausgeführt haben. Doch der erfahrene Immobilienmakler soll erheblichen Pfusch bei den Arbeiten festgestellt und die Rechnungen wegen angeblicher Mängel nur teilweise beglichen haben. Angeblich hat er sich geweigert, ausstehende 1,3 Millionen Euro zu zahlen.

Die zwei Firmeninhaber befürchteten den Ermittlern zufolge, dass Sodenkamp ihre Firma in die Insolvenz treiben und so einer Klage entgehen wollte. Laut Anklageschrift heuerten sie deshalb Adam M. an. Für 7000 Euro Vorschuss soll der Profikiller die Armbrust geschultert haben. Im Erfolgsfall sollen ihm 20.000 Euro versprochen worden sein.

Tötete Adam M. tatsächlich den vermögenden Makler?

Sodenkamp, ein gebürtiger Westfale, der zwar in Berlin lebte, seinen Hauptwohnsitz aber in Dortmund hatte, arbeitete jahrelang als Rechtsanwalt in einer Kanzlei in Witten. 2002 zog er nach Iserlohn, dann nach Berlin, wo er Geschäftsführer einer Firma für Immobilienverwaltung wurde. Dass ihm nach dem Leben getrachtet wurde, davon ahnte der 59-Jährige Freunden zufolge nichts.

Sein gewaltsamer Tod wühlte seinen großen Bekanntenkreis auf. Dieser lobte eine Belohnung von 100.000 Euro für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen.

Adam M., der bei der polnischen Armee und in der Fremdenlegion gedient haben soll, wurde am 14. März von indischen Polizisten in einer Wohnung in Goa aufgespürt. Der Pole hatte sich über London nach Bombay abgesetzt und ließ sich widerstandslos festnehmen.

Nun sitzt Adam M. in Indien in Auslieferungshaft. "Das Verfahren läuft noch", sagt Martin Steltner, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, SPIEGEL ONLINE. Was der Tatverdächtige in den Vernehmungen bisher aussagte oder ob er sich überhaupt äußerte, dazu machte Steltner keine Angaben.

Tötete Adam M. tatsächlich den wohlhabenden Sodenkamp?

"Dass er der Mörder ist, ist noch längst nicht bewiesen. unmittelbare Beweismittel gibt es insoweit dafür nicht", sagt der Berliner Rechtsanwalt Hubert Dreyling, der mehr als 500 Schwurgerichtsverfahren begleitete und nun Benjamin L. verteidigt, SPIEGEL ONLINE. Adam M., der laut "Bild"-Zeitung die Tat bestreitet, könne auch bloß "Trittbrettfahrer und Erpresser" sein, so Dreyling.

In Bordellen soll der Pole mit dem Mord an Sodenkamp geprahlt haben. "Warum hätte er das tun sollen?", fragt Dreyling. Selbst wenn Adam M. die Tat glaubhaft gestehen sollte, gäbe es keine ausreichenden Beweise dafür, dass sein Mandant M. dazu angestiftet hätte.

Gesichert sei lediglich, dass Adam M. die beiden Bauunternehmer nach Sodenkamps Tod zu erpressen versuchte: Zeugen schilderten, dass der 41-Jährige aus Zeitungen erfahren hätte, dass das Opfer "ein hohes Tier" gewesen sei. Während seiner Flucht nach Indien soll Adam M. daraufhin über den Internet-Dienst Skype versucht haben, Thorsten L. um "eine sechsstellige oder siebenstellige Summe" zu erleichtern.

"Es wird ein spannender Prozess"

Benjamin L. streite ab, "jemals eine Person angestiftet zu haben, Sodenkamp zu ermorden", sagt Rechtsanwalt Dreyling und beschreibt den 31-Jährigen als arbeitsamen, tüchtigen Handwerker. Dieser habe Sorgen gehabt, seine Subunternehmer zu bezahlen.

In einer Vernehmung soll Benjamin L. zugegeben haben, dass er überlegt habe, Sodenkamp "vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen": Zum Beispiel mithilfe eines Rollkommandos, das ihn "für einige Zeit ins Krankenhaus" habe bringen sollen, um "Ruhe bei den weiteren Bauunternehmungen zu haben". Von Mord sei jedoch nie die Rede gewesen.

Benjamin L. gibt sich unschuldig. Sein Verteidiger betont: "Er hatte kein Motiv, diesen Menschen ins Jenseits zu befördern." Auch habe sein Mandant den mutmaßlichen Killer M. nicht gekannt. Benjamin L. und Thorsten L. hätten sich Mitte 2008 zerstritten und als Geschäftspartner getrennt.

Vor Gericht wird sich Benjamin L. auf Anraten seines Verteidigers vorerst nicht zur Sache äußern. Ob sein ehemaliger Geschäftspartner sein Teilgeständnis wiederholen wird, ist unklar.

"Es wird ein spannender Prozess", prophezeit Strafverteidiger Dreyling. Auch weil die Beretta 1934, Kaliber 9 Millimeter, mit der Sodenkamp erschossen wurde, bis heute nicht aufgetaucht sei.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.