Mord an Mirco "Es geht um Macht und Lustgewinn"

Der Controller Olaf H. hat gestanden, den zehnjährigen Mirco getötet zu haben - angeblich, weil er Stress im Beruf hatte. Sein Chef habe ihn "zusammengefaltet", sagte er zur Begründung. Was trieb ihn wirklich zu der Tat, und wie konnte er seine Umgebung so lange täuschen?

dapd

Von Simone Utler


Hamburg - Erst verstrickte er sich in Scheinerklärungen - dann gestand Olaf H., den zehnjährigen Mirco aus Grefrath getötet zu haben. Er habe den Jungen am Abend des 3. September auf einer Landstraße auf dem Rad gesehen, ihn mit seinem Dienstwagen überholt, an einem Waldweg gehalten und Mirco ins Auto gelockt. Dann habe er den Jungen in ein Waldstück entführt, ihn entkleidet und versucht, sexuelle Handlungen vorzunehmen. Er habe ihn nicht mehr nach Hause gehen lassen können und ihn deshalb getötet.

Als Grund für die Tat nannte Olaf H. beruflichen Stress. Sein Chef sei unzufrieden mit ihm gewesen und habe ihn am Nachmittag "zusammengefaltet". Da sei er ziellos mit dem Auto umhergefahren und gegen 22.00 Uhr auf Mirco getroffen.

"Da war eine Zeitbombe unterwegs", sagte der Leiter der Sonderkommission, Ingo Thiel, am Freitag in Mönchengladbach. Mirco sei "ein absolutes Zufallsopfer gewesen". Gespräche mit Olaf H. hätten ergeben, dass er an jenem Abend "Druck abbauen" wollte.

Inwieweit H.s Behauptung der Wahrheit entspricht, kann zu diesem Zeitpunkt noch niemand sagen. Der 45-Jährige arbeitete seit vielen Jahren bei der Telekom, war dort Bereichsleiter - und laut Polizei mit seinen Aufgaben erheblich überfordert. Das Unternehmen wollte am Freitag zu dem Arbeitsverhältnis keine Angaben machen.

Fakt ist: Kriminalpsychiater und Psychologen halten es für ausgeschlossen, dass Stress allein eine solche Tat erklärt.

"Stress haben wir alle, aber nur ein ganz geringer Teil wird zum Mörder und ein noch geringerer zum Kindermörder", sagte Reinhard Haller, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, SPIEGEL ONLINE. Frustration gepaart mit Aggression und der Unfähigkeit, diese abzuleiten, sei als Tatauslöser denkbar - aber nicht als Hauptursache. "Es muss ein ganzes Motivbündel geben."

Ein stressiger Tag reicht nicht

Voraussetzung für eine solche Tat sei, dass jemand eine sadistische Veranlagung habe und gewisse Grenzen überschreiten könne. "Es gibt keine grausame Tat an Kindern, wenn nicht eine verborgene Schwäche zugrunde liegt", zitierte Haller den Psychotherapeuten Alfred Adler. Haller, der als internationaler Experte für Kriminalpsychiatrie gilt, hält es durchaus für möglich, dass es H. darum ging, die Wut auf seine Vorgesetzten auf einen Schwächeren umzuleiten und Macht auszuüben. "Wenn man sich ein schwaches Opfer sucht, heißt das immer, dass man sich Gleichwertigen, Gleichaltrigen, Gleichstarken gegenüber schwächer fühlt."

Auch Diplom-Psychologin und Kriminologin Ursula Gasch ist sicher: Ein stressiger Tag reicht nicht, um solch eine Tat auszulösen. "In dem Mann müssen sich zahlreiche Dinge kulminiert und verdichtet haben. Er muss zutiefst gedemütigt gewesen sein und eine geringe Frustrationstoleranz gehabt haben", so die Leiterin des Instituts für Kriminalpsychologie und Psychologische Praxis in Tübingen zu SPIEGEL ONLINE. Sie gehe davon aus, dass H.s Frustrationstoleranz nach dem Streit mit dem Chef erschöpft war und er seine Wut an einem Schwächeren ausließ. "Er selber wusste wahrscheinlich ganz genau, wie es ist, in der Hackordnung mittig bis unten zu stehen - und hat das weitergegeben."

Olaf H. hat keine Vorstrafen, galt bislang als unbescholtener Familienvater. Laut Polizei ist er in dritter Ehe verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 2, 14 und 17 Jahren. "Die Familie ist geschockt", sagte Thiel. Der nette, unauffällige Nachbar - so hatten auch die Täter-Spezialisten der Polizei Mircos mutmaßlichen Mörder beschrieben.

Experten halten es für möglich, dass im Umfeld tatsächlich niemand etwas bemerkt hat.

"Das ist ja das Gefährliche an den Tätern, die nach außen angepasst erscheinen, aber im Inneren Sadisten sind", sagt Haller. H. scheine einer dieser Täter zu sein, die lange mit inneren Sadismen kämpften, diese aber über Jahre gut kontrollieren und kompensieren könnten und eine Fassade aufrechterhielten, beispielsweise durch ein Familienleben. "Aber irgendwann gewinnt das Ganze eine Dynamik, die nicht mehr zu beherrschen ist", so Haller. Und dann werde geplant nach einem Opfer ausgeschaut.

"Ein neues Zimmer im Kopf"

"Es gibt Menschen, die extreme Frustration, wenn sie gut sozialisiert sind, verbergen können. Aber es gibt keinen Menschen, der das endlos aushält, bis er in Autoaggression oder Aggression gegen andere abgleitet", sagt Kriminalpsychologin Gasch.

Auch nach der Tat bemerkten H.s Frau und die Nachbarn nach Angaben der Polizei kein verändertes Verhalten. Nicht einmal einem Nachbarn, der Polizist ist und selbst nach Mirco suchte, erschien H. verdächtig. "Da hätte ich nie dran gedacht", sagte der Beamte.

Doch wie kann jemand nach solch einer Tat leben, als wäre nichts gewesen?

"Menschen sind in der Lage, solche extremen Situationen kurzfristig abzuspalten", sagte Gasch. Der Bereich der Psychotraumatologie stelle inzwischen auch bei Tätern das Phänomen fest, das von Opfern bekannt sei. "In dieser Situation eröffnet man quasi ein neues Zimmer im Kopf, bei dem man eine Tür zumachen kann - zumindest eine zeitlang." Irgendwann gehe diese Tür aber auf - und dann wolle der Täter darüber sprechen.

Tatsächlich berichtete die Polizei, dass H. nach seiner Festnahme erleichtert gewesen sei. Er legte ein umfangreiches Geständnis ab und führte die Polizei zu Mircos Leiche.

Bisher haben die Ermittler nach eigenen Angaben noch keine Hinweise darauf, dass Olaf H. pädophil oder sadistisch veranlagt ist. Es sei ihm eher um Macht gegangen, darum, "über jemanden die Kontrolle auszuüben - bis zur Tötung", sagte Soko-Chef Thiel und sprach von einem "Akt der Erniedrigung". Die sexuelle Komponente habe eine untergeordnete Rolle gespielt.

Psychiater Haller hält dies für eine Fehleinschätzung: "Meines Erachtens nach kann man Machtausübung und sexuelle Motivation nicht trennen." Tiefenpsychologisch betrachtet hätten Sexualität und Aggression dieselbe Wurzel. "Es geht natürlich um Machtausübung, aber auch um sadistischen Lustgewinn", so Haller. Es müsse nicht unbedingt zu sexuellen Handlungen kommen. "Aber quälen, beherrschen, Besitz ergreifen, sich an der Angst weiden, Herr über Leben und Tod sein - das hat auch was Sexuelles."

mit Material der dpa



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.