Pistorius-Prozess "Er weinte, er betete, er flehte um Hilfe"

Im Prozess gegen Sprinter-Star Oscar Pistorius wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp hat ein Immobilienverwalter ausgesagt - er war der Erste, der nach den Schüssen den Tatort betrat. Er sagt: "Pistorius hat alles getan, damit Reeva überlebt."
Oscar Pistorius vor Gericht: Seine Fans halten zu ihm, wie diese unbekannte Frau

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Foto: Ihsaan Haffejee/ dpa

Pretoria - Nach einer zweiwöchigen Pause ist der Prozess gegen Oscar Pistorius wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp im südafrikanischen Pretoria in die nächste Runde gegangen.

Die Verteidigung rief den Manager der Silverwoods Estates in Pretoria in den Zeugenstand. Johan Stender ist verantwortlich für die bewachte Wohnanlage, in welcher der beinamputierte Paralympics-Sportler Oscar Pistorius lebt. Und er soll der Erste gewesen sein, der nach der Gewalttat den Tatort aufsuchte.

Der Verwalter lag schlafend in seinem Bett, als ihn in der Tatnacht um 3.19 Uhr ein Anruf von Pistorius erreichte: "Johan, bitte, bitte kommen Sie zu mir nach Hause. Ich habe Reeva erschossen", soll dieser aufgeregt gerufen haben. "Ich dachte, sie sei ein Einbrecher. Bitte kommen Sie schnell." Er sei sofort mit seiner Tochter zu dem Haus des Sportlers gefahren, berichtete der Zeuge. "Wir sahen Oscar Pistorius die Treppe herunterkommen. Er trug Reeva in seinen Armen."

Laut Stender soll der Paralympics-Star verzweifelt versucht haben, das Leben seiner Freundin zu retten, indem er seine Finger in ihren Mund schob, offenbar um die Luftwege frei zu machen. "Er weinte, er betete, er bat Gott, ihm zu helfen. Er war vollkommen am Boden zerstört, verzweifelt, er flehte um Hilfe. Es ist schwer zu beschreiben."

"Ich sah die Wahrheit an jenem Morgen"

Der Zeuge stützte damit Pistorius' Version des Geschehens, wonach der Angeklagte durch eine geschlossene Tür auf Steenkamp schoss, weil er dachte, sie sei ein Einbrecher. "Ich sah die Wahrheit an jenem Morgen", so Stender. "Ich sah sie. Und ich fühle sie."

Vor der Prozesspause hatte die Staatsanwaltschaft Pistorius' Argumente in der Luft zerrissen und ihn im Kreuzverhör arg in Bedrängnis gebracht. "Ihre Version ist eine Lüge", hatte der für seinen aggressiven Befragungsstil bekannte Staatsanwalt Gerrie Nel  postuliert. Die Anklagevertretung geht davon aus, dass das Paar vor den tödlichen Schüssen durch die Toilettentür Streit hatte.

Pistorius hatte im Zeugenstand mehrfach laut geschluchzt und sich übergeben. Immer wieder hatte die Vorsitzende Richterin Thokozile Masipa den Prozess deswegen unterbrechen lassen. Noch während der Verfahrenspause hatte der bekannte südafrikanische Blogger und Kolumnist Jani Allan behauptet, Pistorius habe sich gezielt coachen lassen für seine emotionalen Auftritte vor Gericht. Dies wurde von der Familie des Angeklagten umgehend dementiert.

Pistorius plädiert auf unschuldig. Sollte er wegen Mordes an der 29-jährigen Steenkamp verurteilt werden, muss er mit einer Haftstrafe von bis 25 Jahren rechnen. Ein Urteilsspruch der Richter am Gauteng High Court in Pretoria wird erst in einigen Monaten erwartet. In dieser Woche sollen weitere Zeugen gehört werden, darunter ein Psychologe.

ala
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