Mord an Olof Palme Was wusste Eva Rausing?

Es klingt nach einer Verschwörungstheorie: Die verstorbene Gattin des Tetra-Pak-Erben Hans Kristian Rausing soll Informationen über den Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme gehabt haben. Sie kontaktierte vor ihrem Tod deswegen Ermittlungsbehörden und einen Buchautor.

Ehepaar Rausing: Hatte die Gattin des Tetra-Pak-Erben Informationen zum Palme-Mord?
AP/ The Picture Library

Ehepaar Rausing: Hatte die Gattin des Tetra-Pak-Erben Informationen zum Palme-Mord?


Wer erschoss Olof Palme? Der Mord an dem schwedischen Ministerpräsidenten im Jahr 1986 ist einer der rätselhaftesten Kriminalfälle Skandinaviens. Die Suche nach dem Täter könnte nun wieder in Gang kommen - durch Ermittlungen in einem anderen Fall in einem anderen Land. Eva Rausing, die im Juli tot in ihrem Haus im Londoner Nobelviertel Belgravia gefunden wurde, soll Informationen über den Palme-Mord gehabt haben.

Der schwedische Autor Gunnar Wall, der zwei Bücher über den Mord am schwedischen Ministerpräsidenten geschrieben hat, sagte laut der britischen Zeitung "Guardian", Eva Rausing habe ihn im Juni 2011 erstmals kontaktiert. Die Frau des Tetra-Pak-Erben Hans Kristian Rausing behauptete demnach, Palme sei von einem Unternehmer getötet worden, der fürchtete, der Politiker könne eine Bedrohung für sein Geschäft darstellen.

Es klingt wie eine Verschwörungstheorie, doch die schwedische Staatsanwaltschaft geht den Hinweisen offenbar nach. Scotland Yard bestätigte am Dienstagabend, dass die britische Polizei Informationen an die zuständigen Behörden in Schweden weitergeleitet habe. Nun wollen schwedische Ermittler Hans Kristian Rausing als möglichen Zeugen befragen, um herauszufinden, ob sich die Behauptungen bestätigen lassen.

Hans Kristian Rausing, dessen Familie aus Schweden stammt, war Anfang August in Großbritannien zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden - weil er eine angemessene Beerdigung seiner Frau verhindert hatte. Der 49-Jährige soll die Leiche seiner Frau zwei Monate lang im Haus liegengelassen haben. In ihrem Körper wurden Spuren von Drogen gefunden, darunter Kokain. Das Paar hatte seit Jahren mit Drogenproblemen zu kämpfen. Hans Kristian Rausing muss auf Anordnung des Gerichts nun zwei Jahre an einem Entzugsprogramm teilnehmen.

Informationen auf Eva Rausings Computer

Buchautor Wall führte eigenen Angaben zufolge eine E-Mail-Korrespondenz mit Eva Rausing. Sie teilte ihm demnach mit, dass sie dem Geschäftsmann dreimal wegen der Mordvorwürfe geschrieben habe. In einer Mail an Wall schrieb Eva Rausing: "Vergiss nicht, den Fall zu untersuchen, falls ich plötzlich sterben sollte! Nur ein Scherz, hoffe ich!"

Dem "Guardian" sagte Wall: "Als keine E-Mails mehr von ihr kamen, hab ich mir deswegen zunächst keine Sorgen gemacht. Bis ich hörte, dass sie unter unklaren Umständen gestorben ist." Eva Rausing habe ihm zuletzt mitgeteilt, dass sie Staatsanwälte in Schweden informieren wollte, so Wall. Es habe danach ausgesehen, dass sie sich mit ihnen treffen wollte.

Die schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter" berichtete, die britische Polizei habe Informationen zum Palme-Mord auf Eva Rausings Computer gefunden. Ein Scotland-Yard-Sprecher bestätigte: "Wir sind in Besitz von Informationen und haben diese an die schwedischen Behörden weitergeleitet." Weitere Angaben machte er nicht.

Laut der schwedischen Zeitung "Expressen" soll Eva Rausing bereits 2010 schwedische Ermittler wegen des Palme-Mordes kontaktiert haben. Diese hätten ihre Informationen jedoch nicht als glaubwürdig eingestuft. Rausing behauptete demnach, sie wisse, wo die Mordwaffe versteckt war.

Abenteuerliche Ansammlung von Verdächtigen

Die stellvertretende schwedische Generalstaatsanwältin Kerstin Skarp bestätigte laut "Telegraph", dass Eva Rausing die skandinavischen Ermittler kontaktiert habe. Skarp teilte jedoch nicht mit, wann es diesen Kontakt gab und warum die von der britischen Polizei erhaltenen Informationen als relevant eingestuft werden.

Palme war im Februar 1986 nach einem Kinobesuch auf offener Straße aus nächster Nähe erschossen worden. Der Mord an dem damaligen schwedischen Ministerpräsidenten ist bis heute trotz zahlreicher Ansätze und Hinweise nicht aufgeklärt.

Der Sozialdemokrat machte sich vor allem als Außenpolitiker einen Namen. Er war ein starker Kritiker des Vietnam-Kriegs und zog sich so den Zorn Washingtons zu. Palme, Ministerpräsident von 1969 bis 1976 und von 1982 bis 1986, vermittelte im Auftrag der Uno im Krieg zwischen dem Irak und Iran, zudem engagierte er sich im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika.

Der drogenabhängige Kleinkriminelle Christer Pettersson wurde zunächst wegen des Mordes an Palme zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Berufungsgericht sprach ihn jedoch aus Mangel an Beweisen frei. 2004 starb er. Außer Pettersson waren unter anderen auch militante Kurden sowie ausländische Geheimdienste verdächtigt worden. Laut "Dagens Nyheter" haben sogar rund 130 Menschen den Mord an Palme gestanden - keine ihrer Geschichten sei jedoch glaubwürdig gewesen.

2010 wurde in Schweden die 25-jährige Verjährungsfrist für Mord abgeschafft. Somit könnte der Schütze auch jetzt noch für die Tat verurteilt werden.

wit



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