Lebenslang für Mord in Idar-Oberstein Er plante, er provozierte – und schoss

Mario N. erschoss im Streit über die Maskenpflicht den Kassierer einer Tankstelle. Das Landgericht Bad Kreuznach verurteilte ihn wegen Mordes, verhängte aber nicht die besondere Schwere der Schuld. Der 50-Jährige ist erleichtert.
Angeklagter Mario N. mit seinem Verteidiger Alexander Klein

Angeklagter Mario N. mit seinem Verteidiger Alexander Klein

Foto: Thomas Frey / AFP

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Mario N. war es, der saubermachen musste. Der die Spuren einer Familientragödie wegputzen musste: Sein Vater hatte der Mutter in den Kopf geschossen. Sie überlebte schwer verletzt. Der Vater tötete sich danach selbst.

Er hätte sich, damals im März 2020, Hilfe suchen müssen, sagt Mario N. heute. Jemanden, mit dem er darüber reden kann, um das Geschehene zu verarbeiten. Er tat es erst im Gefängnis, nachdem er selbst zur Waffe gegriffen hatte.

Am 18. September vergangenen Jahres erschoss Mario N. an einer Tankstelle in Idar-Oberstein Alexander W. Der Kassierer hatte ihn aufgefordert, sich an die Vorschriften zu halten und wegen der Coronapandemie eine Maske zu tragen. Seitdem sitzt Mario N. in der Justizvollzugsanstalt Rohrbach in Untersuchungshaft.

»Besonders verachtenswert«

Dort wird er vorerst bleiben müssen. Die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Bad Kreuznach hat den 50-Jährigen an diesem Dienstag zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Richter werten den tödlichen Schuss als Mord: Mario N. habe die Tat heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen begangen.

Alexander W. sei arg- und wehrlos gewesen, er habe nach Ansicht der Kammer mit keinem tödlichen Angriff gerechnet und keine Möglichkeit gehabt, sich zu wehren, sagt Sprecher Daniel Wahn. Mario N. habe sich vor der Kasse in die Schlange eingereiht, gewartet und erst, als er an der Reihe war, provoziert, indem er die Maske absetzte. Der 20-Jährige sei mehr oder weniger ein zufälliges Opfer. »Es ging ihm nicht um Alex W.«, sagt Wahn. Hätte ein anderer Mitarbeiter der Tankstelle N. aufgefordert, eine Maske überzuziehen, so Wahn, hätte N. ebenso geschossen.

Der Tat liegt dem Gericht zufolge ein politisches Motiv zugrunde. Mario N. habe sich demnach ab 2015 radikalisiert, die Pandemiemaßnahmen hätten dies verstärkt. Der Staat habe aus Sicht von Mario N. mit der Maskenpflicht Grenzen überschritten. Da er jedoch nicht an Verantwortliche wie die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel oder den damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn herangekommen sei, habe er Alexander W. stellvertretend getötet. Dies habe die Kammer als »besonders verwerflich und verachtenswert« bewertet, sagt Wahn.

»Erleichtert«

Mario N. hatte sich gestellt und die Tat eingeräumt. Er sei wütend gewesen, habe sich provoziert gefühlt und ein Zeichen gegen die Coronapolitik setzen wollen, so sagte er es selbst. Überwachungskameras hatten die Tat dokumentiert.

Die besondere Schwere der Schuld, wie Staatsanwaltschaft und Nebenklage gefordert hatten, verhängte das Schwurgericht nicht. Mario N. sei nicht vorbestraft, habe sich gestellt und gestanden, begründeten die Richter ihre Entscheidung. Außerdem habe sich N. bei der Mutter des Kassierers entschuldigt und Reue gezeigt.

Mario N. sei über diese Entscheidung »erleichtert«, sagt sein Verteidiger Alexander Klein. Dennoch wolle er mit seinem Kollegen Axel Küster prüfen, ob sie gegen das Urteil Revision einlegen. Dass die Kammer nicht die besondere Schwere der Schuld verhängte, sei ein Teilerfolg, sagt Küster. Nun müssten die Mordmerkmale nach Vorliegen der schriftlichen Urteilsgründe geprüft werden.

Beide Anwälte hatten auf Totschlag mit erheblich eingeschränkter Schuldfähigkeit plädiert. Aus ihrer Sicht trifft weder das Mordmerkmal der Heimtücke noch das der niedrigen Beweggründe zu. Daher hatten sie mehrere Beweisanträge gestellt, um dies zu belegen.

Die Pandemie hat ihrer Ansicht nach N. als selbstständigem Softwareentwickler wirtschaftlich, aber auch mental zugesetzt: Er habe weniger verdient, seine pflegebedürftige Mutter wegen der Schutzmaßnahmen nur eingeschränkt betreuen können und wegen seines Asthmas Probleme mit der Maskenpflicht gehabt. N. habe sich in einer psychischen Krise befunden, zudem an jenem Tag mehr als zehn Halbliterdosen Bier getrunken und rund zwei Promille Alkohol im Blut gehabt, sagt Klein.

Das Gericht hingegen sieht keine erhebliche Einschränkung der Steuerungsfähigkeit – weder durch Alkohol noch durch eine Anpassungsstörung. Der Bierkonsum hätte nicht zu Ausfallerscheinungen geführt, sondern N. habe sich »sehr planmäßig« verhalten, so Gerichtssprecher Wahn. Mario N. sei zu jedem Zeitpunkt in der Lage gewesen, abzuwägen und seine Impulse zu steuern.

Oberstaatsanwältin Nicole Frohn zeigte sich zufrieden mit dem Urteil. Es sei wichtig, dass das Gericht die Tat als Mord und nicht als Totschlag gewertet habe. Die Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld sei eine Abwägungsfrage. Auch sie will eine mögliche Revision prüfen. Wird die besondere Schwere der Schuld festgestellt, ist eine Freilassung nach 15 Jahren Haft so gut wie ausgeschlossen.

Vor Gericht sagte Mario N., er schäme sich und er bereue zutiefst. Auch in seinem letzten Wort, nach dem Plädoyer seiner Verteidiger, betonte er, wie leid ihm die Tat tue.

In Haft beschrieb N. dem Anstaltspsychologen, wie sehr ihn die Tat des Vaters, dessen Suizid und die Folgen aus der Bahn geworfen hätten. Dieser Moment sei ein »Knackpunkt« für N. gewesen, sagte der Psychologe im Prozess. Ab da habe sich N. in die Coronasituation »reingesteigert«, die Maßnahmen habe er für »komplett sinnlos und unnötig« gehalten.

N. selbst sei erschrocken, wozu er in der Lage gewesen sei: einen Menschen zu töten. »Er kann das nicht nachvollziehen«, so der Psychologe. »Er weiß letztendlich nicht, warum er diesen Schritt getan hat.« N. empfinde »große Schuldgefühle« und sei sich erst jetzt bewusst, dass die Tat auch einschneidende Konsequenzen für sein Leben habe. Er leide unter »akuter Suizidalität«. Einen »längeren Freiheitsentzug«, in dem er zudem »monoton und eingeschränkt« leben müsse, könne sich N. nicht vorstellen.

Das Urteil lasse seinem Mandanten nun eine Perspektive nach 15 Jahren, sagt Rechtsanwalt Klein. Ob sein Mandant das positiv sieht, ist unklar. Dieser hatte im Januar, nachdem er schon einige Monate in Haft verbracht hatte, versucht, sich im Gefängnis selbst zu töten.

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