"Kaum zu ertragen" Familie Lübcke entsetzt über Freilassung von Markus H.

Im Mordfall Lübcke kommt der Mitangeklagte Markus H. nach 15 Monaten aus der Untersuchungshaft frei. Die Entscheidung zeigt, wie groß die Zweifel an den Angaben des geständigen Stephan Ernst sind.
Von Julia Jüttner, Frankfurt am Main
Angeklagter Markus H.

Angeklagter Markus H.

Foto: Ronald Wittek / dpa

Um 10.12 Uhr lehnt sich Markus H. zufrieden zurück. Soeben hat der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel eine Entscheidung verkündet, die H. sichtlich freut und für die Familie Lübcke einer Katastrophe gleichkommt: Markus H. wird nach 15 Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen, der Haftbefehl gegen ihn wird aufgehoben. 

Am Abend zuvor hatte der Sprecher der Lübckes auf einer Presserunde erklärt, wie sehr eine solche Entscheidung den Hinterbliebenen zusetzen würde. Für sie steht außer Frage, dass H. mit Stephan Ernst in der Nacht zum 2. Juni 2019 auf ihrer Terrasse war. Dort, wo der CDU-Politiker getötet wurde. Ernst gibt zu, Walter Lübcke erschossen zu haben. 

Markus H. hört Richter Christoph Koller aufmerksam zu. Dieser trägt 30 Minuten lang vor, warum der Senat den 44-Jährigen nicht mehr als dringend verdächtig sieht, sich der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht zu haben: Die bisherige Beweisaufnahme habe nicht ergeben, dass H. eine Tötung des Regierungspräsidenten "für möglich gehalten" habe, sagt Koller. 

Diesen Verdacht hatten im Ermittlungsverfahren H.s ehemalige Lebensgefährtin und Stephan Ernst gestützt. Doch die Ex-Freundin relativierte ihre Angaben im Gericht und machte zudem unwahre Angaben . Ernst selbst hatte H. ebenfalls belastet. Daran aber habe der Senat "erhebliche Zweifel", seine Angaben seien nicht glaubhaft.

Wechselhaft, abweichend, widersprüchlich

Das liegt an den verschiedenen Tatversionen, die Ernst vor dem Prozess und im Prozess präsentierte. Ernst skizzierte die Beteiligung H.s jeweils anders: Zunächst hatte er ihn nur als Gesinnungsgenossen und Scharfmacher geschildert, dann als Täter, schließlich als Mittäter. Der Senat bezeichnet Ernsts unterschiedliche Aussagen als "schwankendes Einlassungsverhalten". 

Es fehle die "Aussagekonstanz", der "Detailreichtum", die "innere Schlüssigkeit" - laut Senat auch bei dem Geständnis, das Ernst im Gericht vorgetragen habe. Ernst habe sich zum angeblichen gemeinsamen Tatplan wechselhaft, abweichend und auch widersprüchlich eingelassen. Er habe "monoton, ohne erkennbare Regung" gesprochen, sehr kontrolliert gewirkt und sich immer mit seinem Verteidiger abgesprochen. So, als habe er nur Antworten geben wollen, die ihn in einem günstigeren Licht erscheinen lassen. Er sei zudem nicht in der Lage gewesen, seine Schilderungen auf Nachfragen unter Beschreibung weiterer Details stimmig zu erweitern. 

Für das Gericht ist noch immer unklar, wie es zu der Entscheidung kam, wer letztendlich auf Walter Lübcke schießen sollte. Außerdem, so trägt Richter Koller vor, lasse sich Ernsts Geständnis nicht mit Erkenntnissen der bisherigen Beweisaufnahme vereinbaren. 

Markus H., dessen Mobiltelefon zur Tatzeit in einem vom Tatort weit entfernten Funkmast eingeloggt war, sei weiterhin dringend verdächtig, eine nicht schussfähige Maschinenpistole manipuliert zu haben. H. soll an der Waffe ein Griffstück befestigt haben, ohne die erforderliche Erlaubnis dafür gehabt zu haben. Die Straferwartung für dieses Delikt sei jedoch so gering, so der Richter, dass eine Fortsetzung der Untersuchungshaft zu einer möglichen Strafe außer Verhältnis stehe. Markus H. war am 26. Juni vergangenen Jahres festgenommen worden. Ernst hatte ihn am Tag zuvor bei seinem ersten Geständnis erstmals erwähnt.

Die Hinterbliebenen sehen H. als Mittäter

Die Richter des 5. Strafsenats widersetzen sich mit der Aufhebung des Haftbefehls der Einschätzung der Bundesanwaltschaft, die Markus H. in der Anklage psychische Beihilfe vorwirft: H. hat Ernst demnach aufgehetzt, eine derartige Gewalttat zu begehen. Die Familie Lübcke geht in ihrem Vorwurf noch weiter: Sie sieht H. als Mittäter. Er hat ihrer Auffassung nach gemeinsam mit Stephan Ernst den Mord an Walter Lübcke geplant und gemeinsam ausgeführt: Markus H. habe Walter Lübcke abgelenkt. Ihr Anwalt Holger Matt spricht von einem "Moment der Arglosigkeit", in dem der Schuss gefallen sei. Damit sei das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt. 

Walter Lübcke starb an einem "horizontalen Hirndurchschuss": Der Schusskanal, so Matt, bestätige, dass der Schuss aus einer Richtung gekommen sei, aus der Walter Lübcke nicht damit gerechnet habe. Er müsse also zu H. geschaut haben, als Ernst mit einem Rossi-Revolver Kaliber .38 abdrückte. 

Ihre Annahme stützt die Familie auf Ernsts Geständnis in der Hauptverhandlung, in dem er H. schwer belastet. "Diese Darstellung kommt der Wahrheit am nächsten", sagt Matt. Ernst habe darin viele Dinge konkretisiert und offene Fragen aus dem ersten Geständnis, das er ohne anwaltlichen Beistand abgelegt hatte, "glaubhaft zusammengefügt". 

Dennoch treibe die Familie noch immer die Ungewissheit darüber um, was Walter Lübcke in den letzten Minuten seines Lebens erlebt habe, sagt Sprecher Dirk Metz: Hat er versucht, sich zu wehren? Gab es einen Wortwechsel zwischen ihm und den Tätern? Wohin blickte er, als Ernst ihn mit einer Waffe bedrohte? 

"Kaum zu ertragen"

Über all diese Details gibt es auch nach 20 Verhandlungstagen noch immer keine Klarheit. Vielleicht werde es die auch nie geben, so der Sprecher, die Hoffnung der Familie aber sei da. Bewusst habe sie sich für die Nebenklage entschieden, mit all den damit verbundenen Belastungen. Die Familie wolle zur Aufklärung dieses Verbrechens beitragen; ein öffentliches Signal für die christlich-sozialen Werte setzen, die Walter Lübcke vertrat, und vor allem "ein unmissverständliches Signal" gegen Hass und Hetze senden.

Die Entscheidung des Oberlandesgerichts nun sei "kaum zu ertragen", gab Metz kurz nach der Verkündung des Senats bekannt. "Es ist sehr bitter, dass das von den Anwälten der Angeklagten herbeigeführte Geständnis-Wirrwarr zu dieser Entscheidung beigetragen hat. Sie widerspricht der Überzeugung der Familie diametral."

Um 10.44 Uhr lässt der Vorsitzende Richter Markus H. die sogenannte Entlassungsanordnung überreichen und erklärt ihm, er sei weiterhin dazu verpflichtet, an der Hauptverhandlung teilzunehmen. Die Witwe Walter Lübckes und seine beiden Söhne saßen an den meisten Prozesstagen direkt gegenüber von Markus H. An diesem Tag, an dem H. als freier Mann aus dem Gericht spazieren darf, ist keiner von ihnen gekommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.