Morddrohungen gegen Anti-Mafia-Priester "Ciotti, Ciotti, den können wir ruhig umbringen"

Der katholische Priester Don Luigi Ciotti kämpft seit Jahren gegen die italienische Mafia. Und trifft sie dort, wo es am meisten weh tut - er verwaltet ihre vom Staat konfiszierten Güter. Jetzt wurde bekannt: Ein Super-Boss will den Gottesmann eliminieren.

Rom - Don Luigi Ciotti ist das gute Gesicht Italiens. Eine Ikone im Anti-Mafia-Kampf, ein Streiter für Arme, Abhängige, Ausgestoßene. Seit fast 20 Jahren kämpft der katholische Priester gegen das organisierte Verbrechen. Er gründete die Organisation "Libera" , die von der Mafia beschlagnahmte Güter verwaltet und für demokratische Werte und eine "Kultur der Legalität" kämpft.

Es wäre verwunderlich, hätte die Mafia den unbequemen Geistlichen nicht seit Langem im Visier. Gesprächsaufzeichnungen, die italienische Ermittler im Gefängnis von Opera in der Provinz Mailand gemacht haben, beweisen genau das. "Ciotti, Ciotti, den können wir ruhig umbringen", soll der Chef des Corleoneser-Clans, Totò Riina, in diesem Gespräch gesagt haben. Töten solle man den Priester, genau wie einst Giuseppe Puglisi, der 1993 an seinem 56. Geburtstag in Palermo erschossen wurde. "Der wollte in seinem Viertel das Kommando haben", klagt Riina, der dies als Eingriff in das Territorium der sizilianischen Mafia versteht.

Geplaudert hat der Super-Boss der Cosa Nostra mit seinem ebenfalls inhaftierten "Kollegen" Alberto Lorusso von der "Sacra corona unita", der in Apulien tätigen Mafia. Die "Repubblica" veröffentlichte den Inhalt  des Gesprächs, das am 14. September 2013 stattgefunden haben soll - beim Spaziergang im Gefängnishof. Die Anti-Mafia-Ermittler ordneten unverzüglich gesonderte Sicherheitsmaßnahmen für Don Ciotti an - informierten ihn selbst aber offenbar nicht über die drohende Gefahr. "Wir hatten allerdings seit mehreren Monaten beunruhigende, schwer zu deutende Signale erhalten", sagte ein Mitarbeiterin von Don Ciotti.

Eine Frage des Territoriums

Der Priester selbst reagierte souverän auf die Drohungen. Ihn interessiert vor allem, welche Konsequenzen diese haben: "Die Politik muss unsere Arbeit besser unterstützen", so Don Ciotti. "Die Mafia ist nicht nur ein kriminelles Element, sie ist das Produkt eines Mangels an Demokratie, an sozialer Gerechtigkeit, an Gemeinwohl." Die Konfiszierung von Mafia-Eigentum müsse vorangetrieben werden, denn sie ist "ein doppelter Affront für die Mafia, das bestätigen die Worte von Riina".

Ausgesprochen wurden die Drohungen rund neun Monate bevor Papst Franziskus öffentlich erklärte, Mafiosi könnten keine Mitglieder der katholischen Kirche sein. Sie seien exkommuniziert, sagte der Pontifex im Juni in Kalabrien. Damit erschütterte er in den "ehrenwerten Gesellschaften" vermutlich niemanden nachhaltig, sorgte aber für Irritationen.

Die mitgeschnittenen Knast-Dialoge geben einen guten Einblick in die archaische Gedankenwelt der Bosse des alten Typs wie Riina. Die dulden niemanden in ihrem Territorium, der einen wie auch immer gearteten Machtanspruch erhebt oder droht, zu viel Einfluss aufs Wahlvolk zu nehmen (die Mafia kauft Stimmen, das ist bekannt). Und sie belegen, dass im Ernstfall kein Mafioso auch nur die geringsten Skrupel hat, Mitglieder der Kirche zu eliminieren. Da spielt es keine Rolle, dass Mafia und Kirche traditionell oft in unheiliger Symbiose leben.

Solidarität für Don Ciotti kam nach Bekanntwerden der Morddrohungen von allen Seiten: Präsident Giorgio Napolitano meldete sich telefonisch, Senatspräsident Piero Grasso via Facebook, auch die italienische Bischofskonferenz bekundete Unmut und lobte das Engagement des Priesters gegen Ungerechtigkeit und Korruption. Einzig der Anti-Mafia-Staatsanwalt Franco Roberti hielt sich zurück: "Schluss mit den Kommentaren, ich will das nicht, und ich habe es satt, den Resonanzkörper von Totò Riina zu spielen."

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